Inflation 7,9 Prozent: Was bedeutet die Rekord-Inflation im Mai?

Die Inflation in Deutschland ist im Mai überraschend stark gestiegen, um 7,9 Prozent. Treiber waren vor allem die Energiepreise.
Die Inflation in Deutschland ist im Mai überraschend stark gestiegen, um 7,9 Prozent. Treiber waren vor allem die Energiepreise.
© IMAGO/Kirchner-Media
Im Mai lag die Inflationsrate mit 7,9 Prozent so hoch wie zuletzt im Winter 1973. Warum ist das so? Können wir noch gegensteuern? Antworten auf die wichtigsten Fragen

Zum dritten Mal in Folge liegt die Inflationsrate in Deutschland über sieben Prozent. Der Ukraine-Krieg, das Ende der allermeisten Corona-Beschränkungen und globale Lieferkettenprobleme sorgten für den höchsten Wert seit Winter 1973. Im Mai notierten die Verbraucherpreise gleich 7,9 Prozent über dem Vorjahr, teilte das Statistische Bundesamt am Montag mit. Ökonomen hatten lediglich 7,6 Prozent erwartet, was sich auch an der Börse niederschlug. Nach der Bekanntgabe gab der Leitindex Dax die Hälfte seiner Tagesgewinne wieder ab und notierte am Nachmittag bei 14.590 Punkten.  

Sind die Sorgen gerechtfertigt –  was bedeuten die 7,9 Prozent? Fünf Fragen und Antworten. 

Was sind die Gründe für den Anstieg?

Zunächst: Der Anstieg im Mai ist nicht wirklich überraschend, auch wenn Ökonomen ihn nicht so dynamisch erwartet hatten. In erster Linie waren daran gestiegene Energiepreise schuld, die im Mai um 38 Prozent zulegten. Das schlug sich auch in höheren Erzeugerpreisen nieder – den Abgabepreisen der Hersteller auf allen Produktionsstufen. Diese nahmen im Mai um 33,5 Prozent zu, und damit so stark wie noch nie. Auch bei konsumentennahen Dienstleistungen, etwa in der Gastronomie, sind die Steigerungen spürbar. „Gerade in Sektoren, die jetzt das Ende der Corona-Beschränkungen feiern, sehen wir starke inflationäre Prozesse“, sagt ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann gegenüber Capital. Auch hier spielen gestiegene Kosten auf vorgelagerten Ebenen eine wichtige Rolle. Allein die Großhandelspreise sind um 26 Prozent gestiegen, was Gastronomen nun an Kundinnen und Kunden weitergeben. 

Warum haben sich Ökonomen so deutlich verschätzt? 

In den vergangenen Jahren lagen Ökonomen mit ihren Prognosen zumeist richtig oder sehr nahe am tatsächlichen Ergebnis. 0,3 Prozentpunkte Differenz sind jetzt auffallend viel – allerdings auch nur, solange man sie nicht in den Kontext setzt. „Wir wissen aus der Geschichte, dass hohe Inflationsraten total volatil sind. Das macht Prognosen umso schwerer“, sagt Heinemann. Für die Wirtschaft sind hohe Inflationsraten aus diesem Grund auch so gefährlich. „Wir wissen noch weniger, wie viel mein Geld morgen wert sein wird. Das ist bei niedrigen Raten anders, weil sie dann umso weniger schwanken.“ Nichtsdestotrotz seien aber auch viele Modelle veraltet. Jahrelang habe sich niemand ernsthaft um die Inflation gekümmert – einfach, weil sie kein Thema war. Das könne in diesen Zeiten zu größeren Prognosefehlern führen, meint Heinemann. 

Warum verhält sich die Rate in Deutschland so anders als in den USA? 

Die Inflation ist kein deutsches Phänomen, überall auf der Welt kämpfen Staaten und Zentralbanken gegen die Preissteigerungen. Aus den USA gab es zuletzt aber ermutigende Signale. Dort lag die Inflationsrate im April zwar mit 8,3 Prozent ebenfalls auf einem hohen Niveau, aber immerhin schon tiefer als im März (8,5 Prozent). Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel betrug im gleichen Zeitraum sogar nur 0,3 Prozent. Ist das schon ein Vorbote für Europa? Nicht wirklich, meint Ökonom Heinemann. „Wir sehen eine riesige Schere bei der Energie zwischen Europa und Nordamerika. Das Politikum dort ist Öl, bei Strom und Gas gibt es nur ganz moderate Erhöhungen. Das ist hier durch die Abhängigkeit von Russland ganz anders.“ Letztlich werde Europa von drei Fronten angegriffen, Nordamerika nur von einer.  

Geben die Daten schon Hinweise auf eine Lohn-Preis-Spirale? 

Das Statistische Bundesamt hat heute nicht nur Inflationsdaten präsentiert, sondern auch Angaben zur Reallohnentwicklung gemacht. Demnach sind die Einkommen in Deutschland im ersten Quartal preisbereinigt um 1,8 Prozent gesunken. Die Inflation stieg um 5,8 Prozent, die Löhne nur um 4,0 Prozent. Ökonomen sehen trotzdem eine große Gefahr: dass sich die Löhne noch stärker an die Preisentwicklung koppeln und die Preisentwicklung damit verschärfen – die sogenannte Lohn-Preis-Spirale wäre in Gang gesetzt, die unter vielen Ökonomen als Worst-Case-Szenario gilt. Sie wäre wohl nur unter hohen Kosten zu stoppen, massive Wohlstandseinbußen wären die Folge. Auch ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann hält das Szenario mittlerweile für möglich. „Ich war da lange Zeit zurückhaltend, aber mittlerweile sind wir der Spirale nähergekommen.“ Das sei gar nicht so sehr ein Inflations- als vielmehr ein Arbeitsmarktargument. Denn die Arbeitslosenquote liege mittlerweile unter dem Vor-Pandemie-Niveau. Außerdem hätten noch nie so viele Unternehmen wie heute den Facharbeitermangel als Produktionshindernis bewertet. Ein derartiges Umfeld treibe die Löhne schon ohne inflationäres Umfeld nach oben. Die aktuelle Situation sorge da nur noch für zusätzliche Dynamik. 

Was können die Bundesregierung und die Zentralbank gegen die Entwicklung tun? 

Klar ist: Die wirksamsten (monetären) Hebel gegen die Inflation besitzt die Europäische Zentralbank. Diese muss allerdings einen Spagat schaffen: die Preissteigerungen stoppen, ohne das Wirtschaftswachstum abzuwürgen. Die EZB versucht daher den Leitzins „neutral“ zu setzen – also so, dass Wirtschaft und Preise ungefähr im gleichen Tempo wachsen. Dieser neutrale Zins ist allerdings nicht so leicht zu bestimmen, und allein über die beste Formel diskutieren Ökonomen seit vielen Jahren. Kurz- bis mittelfristig geht es aber darum, die Inflationserwartungen zu dämpfen. Das könnte die EZB tun, indem sie die Leitzinsen erhöht und den Preissteigerungen auch offensiv den Kampf ansagt. Die EZB hat auch schon angekündigt, den Leitzins um mindestens 50 Basispunkte anzuheben. Politisch ist der Spielraum begrenzter. Finanzminister Christian Lindner hat bereits erklärt, er wolle im kommenden Jahr einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren. Konkret heißt das, dass der Staat weniger Geld in die Wirtschaft pumpt. Für Ökonom Heinemann kann das aber nur ein Teil der Antwort sein. „Die ehrliche Antwort der Politik müsste lauten: Leute ihr werdet alle ärmer. Denn das wird passieren. Wir werden in Jahren von Pandemien und Kriegen ärmer. Die Inflation ist der Mechanismus, der das durchsetzt.“ Aktuell erlebe Deutschland einen Angebotsschock. In der Pandemie habe die Politik für sechs Millionen Kurzarbeiter ein Phantomeinkommen kreiert, obwohl die nicht wirklich Wertschöpfung betrieben hätten. „Sie konnten also weiter konsumieren, haben aber keine Güter produziert“, erklärt Heinemann. Da sei die Inflation insofern eine Art Gleichgewichtsreaktion.  


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