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Malte Bülskämper The New Luxury: Die Kunst des Koexistierens

Blick aus der Vogelperspektive auf die Insel Illa del Rei
Die kleine Insel Illa del Rei vor Menorca ist heute ein Ort der Kunst
© IMAGO / agefotostock
Die „Illa del Rei“ ist ein magischer Ort, angesagter Kunst-Hotspot, Utopie und gleichsam eine Insel der Glückseligen, wo Natur, lokale Kultur und globaler Kunst-Jetset auf wundersame Weise koexistieren – und sie steht damit paradigmatisch für ein neues Luxus-Verständnis

Gerade einmal 4,24 Hektar misst die winzige Mittelmeerinsel „Illa del Rei“ und doch hat sie jüngst weltweite Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie liegt in der Hafeneinfahrt von Mahón auf der nordöstlichen Seite der Baleareninsel Menorca und ist von dort aus in nur wenigen Minuten per Boot zu erreichen. Den Grund für die erstaunliche Bekanntheit dieses friedlichen Eilands liefert die internationale Bluechip-Galerie Hauser & Wirth aus Zürich, die neben ihren vielen Dependancen unter anderem in New York, London, Hongkong, St. Moritz und Monaco seit letztem Jahr auch auf der Illa del Rei, der Königsinsel, vertreten ist.

In Zusammenarbeit mit dem niederländischen Landschaftsgärtner Piet Oudolf und dem argentinischen Architekten Luis Laplace haben die Galeristen Manuela und Iwan Wirth hier einen einzigartigen Ort für Kunst erschaffen. Neben den Galerie-Räumlichkeiten befindet sich eine frühchristliche Basilika aus dem sechsten Jahrhundert auf der Insel und ein Militärkrankenhaus, das von den Briten im 18. Jahrhundert errichtet wurde. Bis 1964 war es noch in Betrieb, 1979 wurden das Krankenhaus und die Basilika unter Denkmalschutz gestellt. Mittlerweile sind die angrenzenden Gebäude zu Ausstellungsräumen umgebaut worden, umringt von einem traumhaften Skulpturengarten mit Arbeiten von Joan Miró, Louise Bourgeois und Eduardo Chillida. Zudem gibt es ein Education Lab, eine Boutique und ein Restaurant.

Alles fügt sich geschmackvoll und mit viel Rücksicht auf Natur und Denkmalschutz organisch in die Umgebung ein. Bildung, Ernährung, Kunst, Tourismus und Naturschutz – alles kommt hier auf eine wundersame, friedliche Art zusammen zu einem immersiven Kulturerlebnis. Für die Suche nach Ruhe und Erholung ist es ebenso geeignet, wie für die nächste Instagram-Story der internationalen Kunst-Crowd. Wenn man mit der kleinen, gelben Fähre über das türkisblaue Meer gefahren ist und einen Fuß auf die Insel setzt, erblickt man zunächst die rosa lackierte Skulptur „Autostat“ von Franz West, die aus dem Grün der Insel hervorsticht als wäre sie aus einem anderen Universum dort gelandet, um zu sagen: hier ist ein ganz besonderer Ort. Das Licht, die Menschen, die Farben, die Natur, alles scheint einem zu signalisieren: Das hier ist kein normaler Ort, das ist ein sehr spezielles Fleckchen Erde.

Postpandemische Sehnsuchtsorte

Während der Pandemie ist eine große Sehnsucht nach Natur und Abgeschiedenheit entstanden. Dieses Bedürfnis hat alle gesellschaftlichen Schichten erfasst, besonders stark ausgeprägt bei den Bewohnern von Großstädten. Und plötzlich wird nicht mehr eine White Cube Gallery in Manhattan zum Sehnsuchtsort, sondern eine remote Location irgendwo draußen in der Natur – warum nicht gleich auf einer kleinen Insel im Mittelmeer? Die Kunst aus den Metropolen aufs Land zu holen und dort anders erlebbar zu machen, ist zum Trend geworden. Diesen Zeitgeist trifft die Illa del Rei, die 1993 zum Unesco Biosphärenreservat erklärt wurde, da die Insel u.a. der Lebensraum der Podarcis lilfordi Balearica ist, einer Unterart der Balearen-Eidechse. So ergibt sich ein faszinierendes Narrativ: ein Biosphärenreservat, das zum Kunst-Hotspot wird und vom Magazin „Wallpaper“ kürzlich den Titel „Best Art Destination 2022“ erhielt. „Architectural Digest“ hat das Kunstzentrum auf der Illa del Rei dieses Jahr in seine „Works of Wonder“ Liste aufgenommen.

Wenn man die Insel bereist, merkt man schnell, dass Menorca wilder und zugleich ruhiger als die anderen Baleareninseln ist. Wilder, weil die Natur hier sehr gut beschützt und erhalten wird und gleichzeitig ruhiger, weil das Nachtleben eine weitaus geringere Rolle spielt als auf Ibiza oder Mallorca. Und wenn nun der Hype um das neue Kunstzentrum mehr und sicher auch reichere Leute nach Menorca bringt, fühlt sich das erstmal falsch und nach Gentrifizierung an. Muss das sein? Darf man sowas überhaupt gut finden? Auch wenn die Initiatoren betonen, dass dieses Projekt Teil der menorquinischen Kultur und eng mit der lokalen Gemeinde verwoben ist, so ist man erstmal geneigt zu denken, die Nachhaltigkeit sei doch nur vorgeschoben und die Integration in die lokale Community klinge erst mal gut, bestünde aber nur an der Oberfläche.

Die Galerie arbeitet auf Menorca mit lokalen Institutionen, NGOs und Kultureinrichtungen zusammen, es werden Workshops für Familien und Schüler angeboten sowie Vorträge und Konzerte. So wird das Kaufen von Kunst gefühlt zur Unterstützung von NGO-Aktivitäten – klingt einfach zu gut, um wahr zu sein. Man traut dem Braten nicht und muss doch anerkennen, dass man es wohl kaum besser lösen könnte. Fern der Metropolen gelingt hier eine faszinierende Symbiose aus Kunst, Kultur und Natur. Umringt vom Mittelmeer wird Teilhabe mit Exklusivität auf angenehmste Weise verbunden.

Bereits vor der Entwicklung des Menorca-Standorts hat die Galerie Hauser & Wirth Konzepte realisiert, die in eine ähnliche Richtung gehen und eine organische Verbindung von Kunst, Natur und Gastronomie schaffen. Im englischen Somerset hat die Galerie einen ehemaligen Bauernhof zu einem Kunst-Landhaus mit einem „der schönsten Gärten Südwestenglands“ ausgebaut, wie das Monopol-Magazin feststellte.

Auch andere Player der Kunstwelt suchen sich spektakuläre remote Locations und haben Inseln als Standorte für sich entdeckt. Die Insel Naoshima im japanischen Binnenmeer ist ebenfalls zu einem Pilgerort für Kunstfans weltweit geworden. Die dort zu sehende Kürbis-Skulptur von Yayoi Kusama ist weltberühmt geworden, nicht zuletzt, weil sie bei einem Unwetter ins Meer geflogen ist. Auf der griechischen Insel Hydra hat der zyprische Kunstsammler Dakis Joannou mit seiner „Deste Foundation for Contemporary Art“ ein Schlachthaus zu einer Kunsthalle umgebaut. Ein weiteres Beispiel ist Henningsvaer, eine Fischerinsel vor Oslo, wo eine ehemalige Kaviarfabrik zu einem Zentrum für zeitgenössische Kunst umgebaut wurde.

New Luxury – so inklusiv war Exklusivität noch nie.

In „The New Luxury – Defining the Aspirational in the Age of Hype“ hat Highsnobiety untersucht, wie sich Luxus verändert und wodurch er sich früher und heute definiert hat. Eine Erkenntnis daraus ist, dass sich Luxus und Begehrlichkeit immer weniger über Preise definieren und stattdessen immer mehr über kulturellen Wert, Wissen und Zugang. Der CEO von Rimowa, Alexandre Arnault, fasst es in seinem Statement so zusammen: „I’ve always believed that luxury has very little to do with price points and more to do with cultural values.” In diesem Sinne ist die Illa del Rei ein Gegenentwurf zum veralteten Luxusbild. Statt Ferrari und Motoryacht mit Pool wird hier ein zeitgemäßes Bild gezeichnet von Luxus als Form der Teilhabe, als sinnstiftendes und nachhaltiges Erleben von Kunst und Kultur.

Es wirkt mitunter wie ein Modellversuch: Wie kann man die Zugehörigkeit zu einer eigentlich elitären Community neu interpretieren? Wie kann man nachhaltig, inklusiv und offen und zugleich Teil von etwas absolut Exklusivem sein? So lokal war der globale Kunst-Kapitalismus noch nie, und so inklusiv war Exklusivität wohl auch noch nie. Der neue Luxus ist immer noch exklusiv, aber anders – nicht mehr von oben herab. Auf Augenhöhe, aber eben doch entlegen auf einer traumhaften Insel. Ein holistisches Konzept, „community-based“, alle einschließend und doch eine Nische bedienend.

In jedem Fall ist es ein Hotspot – im wörtlichen wie im szenigen Sinne. Und es ist wundersam entrückt von allem. Es ist mitten in Europa und dennoch erstaunlich weit weg von den Problemen der Welt. Während anderswo in Europa Krieg herrscht, ist dieser Ort so unglaublich friedlich, dass es beinahe schwer auszuhalten wäre, wenn es nicht so schön wäre. Kunst so zu präsentieren, ist eine Kunst an sich. Und wer sich hier zwischen der Kunst, den stilvollen Produkten der Boutique, den Skulpturen im Garten und der mediterranen Bio-Küche des Restaurants „Cantina“ bewegt, verliert ganz kurz mal den sorgenvollen Blick auf eine auseinanderbrechende Weltordnung.

Hier spürt man das Meer, das Wetter, die Schönheit der Kunst und der Natur und man möchte an Weltfrieden glauben. Man ist so wunderbar abgeschieden, hier schreibt kein Mensch eine hektische E-Mail oder rennt einem Termin hinterher. Niemand ist in Eile und die ständige Erreichbarkeit scheint plötzlich völlig egal zu sein – ein ganz besonderer Luxus, der durch den Charakter der Insel nochmals betont wird. Man entkoppelt sich von der alltäglichen Welt, um offen für die Inspiration zu sein, man ist ganz bei sich und nimmt mit allen Sinnen wahr. Vielleicht verzaubern gerade deshalb die Kunstinseln ihr Publikum so sehr.

Die Kunst des Koexistierens

Nachdem Hauser & Wirth im Juli 2021 ihr Programm auf der Baleareninsel mit einer Ausstellung des Künstlers Marc Bradford starteten, wurde am 19. Juni 2022 nun die Soloausstellung „Sodade“ des ebenfalls US-amerikanischen Künstlers Rashid Johnson eröffnet. Damit geht die Galerie dort nun in die zweite Saison und hat bereits beachtliche internationale Aufmerksamkeit auf die kleine Insel gelenkt. Ein Besuch lohnt sich hier ganz sicher und dort kann neben hochkarätiger Kunst ohne Frage alles passieren. Wenn Robert de Niro, Julian Schnabel, Patti Smith und Klaus Biesenbach in Avarca-Sandalen einen Xoriguer Gin trinken, dabei einer menorquinischen Band lauschen und direkt daneben auf einem Kindergeburtstag Louise Bourgeois-Spinnen gebastelt werden – dann könnte das einfach nur eine wirre Vorstellung sein – aber es könnte eben auch auf der Illa del Rei sein.

An diesem Ort kann man die Kunst des Koexistierens unterschiedlichster Realitäten staunend beobachten und einem spannenden Experiment folgen. Diese friedliche Kunst-Insel wird zur Blaupause für ein neues Luxusgefühl und fasziniert ihre Besucher:innen auf eine ganz eigene Weise. Diese Insel hat eine besondere Magie und wird zu einem utopischen Ort der Hoffnung und des „so könnte es auch gehen“.

Malte Bülskämper ist Texter und Kreativdirektor aus Berlin. In seiner unregelmäßig erscheinende Kolumne schreibt er über die kleinen Absurditäten des Alltags in unserer Kommunikationsgesellschaft – oder wie diesmal über Kunst und Kultur


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