Sylvia Earle „Die Ozeane sind ein Grundpfeiler unseres Planeten: Kein Meer, kein Leben!“

Sylvia Earle wurde 1935 im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Mehr als 7000 Stunden hat die Leiterin von Dutzenden Ozeanexpeditionen unter Wasser verbracht
Sylvia Earle wurde 1935 im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Mehr als 7000 Stunden hat die Leiterin von Dutzenden Ozeanexpeditionen unter Wasser verbracht
© Rolex
Seit über 60 Jahren erforscht die Amerikanerin Sylvia Earle die Meere. Der Schutz der bedrohten Ozeane ist für die Gründerin der Aktivistengruppe Mission Blue eine Menschheitsaufgabe

Für die Meeresbiologin Sylvia Earle endete das Jahr 2021 mit einem weiteren Meilenstein in ihren Bemühungen um den Erhalt des Blaus auf unserem blauen Planeten. Die von ihr gegründete Organisation Mission Blue konnte vor der Küste Costa Ricas einen weiteren „Hope Spot“ einrichten – mit Unterstützung des langjährigen Partners Rolex. Diese Schutzzone sichert nun Buckelwalen und anderen Meeressäugern, die einmal im Jahr Tausende Kilometer aus der Antarktis hierher schwimmen, eine ungestörte Fortpflanzung und Aufzucht ihrer Jungtiere. Bestmöglich abgeschirmt von Abwässern der lokalen Landwirtschaft, Geisternetzen und Langleinen der industriellen Fischerei.

Unterstützt wurden die Maßnahmen vor Ort erneut von der Uhrenmarke Rolex, die Sylvia Earle und ihre vielen Mitstreiter weltweit seit 2014 bei ihrer so wichtigen Arbeit unterstützt. Das Ziel von Mission Blue: Bis zum Jahr 2030 sollen statt derzeit 8 dann 30 Prozent der Weltmeere vor den Gefahren der Zivilisation sicher sein.

Capital sprach mit der 86-jährigen Pionierin über die Magie der Tiefe, ihre große Sorge um die für uns überlebenswichtigen Meere und ihre erste Expedition anno 1964.

Seit Ende 2021 gehört eine für die Buckelwale wichtige Zone vor Costa Rica zu den Hope Spots.
Seit Ende 2021 gehört eine für die Buckelwale wichtige Zone vor Costa Rica zu den Hope Spots.
© Rolex

Frau Earle, können Sie sich noch erinnern, seit wann die Meere Sie faszinieren?

In die Ozeane habe ich mich verliebt, als ich im Alter von drei Jahren am Strand von New Jersey von einer Welle umgehauen wurde. Von diesem Moment an besaß das Meer meine ganze Aufmerksamkeit – dass es sie über all die Jahrzehnte behalten hat, lag an den Lebewesen darin. Mit zwölf Jahren zog unsere Familie an die Westküste Floridas, wo ich Pfeilschwanzkrebse entdeckte – und damit einen Nachbarn, den ich verstehen konnte. 1953 hatte ich erstmals die Gelegenheit zum Gerätetauchen. Der Gedanke, unter Wasser atmen zu können, war zuerst etwas beängstigend, doch schon nach dem ersten Tauchgang habe ich nie mehr zurückgeblickt. Man weiß nie, worauf man im Meer stoßen wird, nur, dass es großartig sein wird.

Wenn Sie Ihre Erfahrungen resümieren müssten, was würden Sie zu Protokoll geben?

Seit ich als junge Wissenschaftlerin in den 1950er-Jahren damit begann, die Ozeane zu erforschen, haben wir mehr und mehr über ihre Natur gelernt und warum ihr Wohl für jeden Menschen auf der ganzen Welt von großer Wichtigkeit ist. Die Ozeane bestimmen das Klima, unser Wetter, sie beeinflussen die Chemie unseres Planeten und liefern 97 Prozent des Wassers auf der Erde. Sie produzieren über die Hälfte des Sauerstoffs in der Atmosphäre, binden einen Großteil des Kohlenstoffdioxids und geben der Mehrheit aller Lebewesen auf der Erde eine Heimat. Die Ozeane sind ein Grundpfeiler des Versorgungssystems unseres Planeten. Kurz: kein Blau, kein Grün, kein Meer, kein Leben.

SYLVIA EARLE, FOUNDER OF MISSION BLUE, DURING AN EXPEDITION TO A HOPE SPOT AT CABO PULMO, LOS CABOS, MEXICO, IN 2017
Die Mission-Blue-Gründerin in ihrem Element: Sylvia Earle taucht in Mexiko unter.
© Rolex

Und all das ist bedroht?

Die Ozeane sind durch unser Zutun der letzten rund 50 Jahre in große Gefahr geraten. Etwa die Hälfte der Korallenriffe, Seetangwälder, Mangroven- und Küstensümpfe sind verschwunden, unzählige Fischarten entweder bereits ausgestorben oder davon bedroht. Vor allem dem Thunfisch – insbesondere dem Roten Thun aus dem Nordatlantik – wird sein hoher Verkaufswert zunehmend zum Verhängnis. Außerdem übersäuern die Ozeane mehr und mehr, weil der Überschuss des von Menschen produzierten Kohlendioxids zu Kohlensäure wird und sich mit weiteren an Land erzeugten Giften vermischt.

Sie prangern auch die Aufrüstung in der Fischerei an.

Ja, denn neben den negativen Folgen unseres Wohlstandes und Konsums für die Umwelt liegt im Einsatz von ursprünglich für Militärzwecke entwickelter Technologie ein wesentlicher Grund für die hohe Effizienzsteigerung des Fangs und die industrielle Vermarktung von Fischen: Hochleistungs-Sonargeräte zum Aufspüren von Schwärmen in großen Tiefen, moderne Navigation für die präzise Rückkehr zu ergiebigen Fanggründen und Netze aus immer günstigeren synthetischen Materialien. Hier müssen die Gesetzgeber endlich regulierend eingreifen. Auch beim Marketing, das uns allen „seafood“ unermüdlich schmackhaft gemacht hat.

Das klingt, als ob es wenig Aussicht auf rasche Besserung gäbe.

Es gibt auch positive Veränderungen: Verglichen mit der Zeit meiner Kindheit gibt es beispielsweise aktuell eine größere Anzahl von Walen und Schildkröten im Meer, weil die meisten Länder sie schützen. Und überall dort, wo offizielle Schutzzonen eingerichtet wurden, erholen sich die Bestände der Fische und anderer Lebewesen allmählich. Wir müssen die Ozeane endlich so gut behandeln, als hinge unser Überleben davon ab. Denn das tut es.

SEA TURTLES ARE AMONG MANY SPECIES THAT WILL BENEFIT FROM THE CREATION OF THE NEW HOPE SPOT
Meeresschildkröten profitieren ebenfalls von vielen der bisher rund 130 eingerichteten „Hope Spots“ von Mission Blue.
© Rolex

Sie haben Ihr Leben der Erforschung der Meere gewidmet. Was hat Sie geprägt?

1970 leitete ich eine Expedition von ausschließlich weiblichen Meereskundlern in einem Unterwasserlabor auf dem Meeresboden vor den amerikanischen Jungferninseln. Was mich enorm beeindruckt und mein Denken verändert hat, war die Entdeckung, dass kein Fisch dem anderen gleicht, ich lernte sie als Individuen neu kennen und konnte ihre Gesichter unterscheiden. Wir zeichnen uns durch einzigartige Fingerabdrücke und Gene aus, und das gilt auch für Fische. Seitdem habe ich keinen Fisch mehr gegessen!

Wo engagieren Sie sich konkret?

Durch den Gewinn des TED-Preises 2009 war ich motiviert, die gemeinnützige Organisation Mission Blue zu gründen. Unter ihrem Dach versuchen wir seither so viele Hope Spots wie möglich einzurichten, um ein Netzwerk geschützter Meereszonen zu bilden und auszubauen. Wir wollen noch mehr über die Meere herausfinden, diese Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich machen und so Menschen dazu inspirieren, sich für die Erhaltung der Ozeane einzusetzen. Etwa durch lokale Bemühungen für neue Hope Spots, also für Gebiete, die noch in guter Verfassung sind oder wieder hochgepäppelt werden können.

Wo auf der Welt liegen diese Hoffnungsorte?

Der erste Hope Spot war 2009 der Golf von Kalifornien. Später kamen die Galapagosinseln dazu, der Bunaken Marine Park in Indonesien und viele weitere mehr. Auch um die Chesapeake Bay mache ich mir große Sorgen. Ein Müllplatz gleich hinter Washington, D.C. Seit 2014 unterstützt uns Rolex bei der Mission Blue. Das hat meine Partnerschaft mit der Uhrenmarke, die bereits bis ins Jahr 1982 zurückreicht, noch einmal auf ein neues, großartiges Niveau gehoben.

SYLVIA EARLE ADDRESSES YOUNG VOLUNTEERS BEFORE A BEACH CLEAN-UP ON LONG ISLAND IN THE SEYCHELLES
Vor einer Säuberungsaktion auf den Seychellen spricht Sylvia Earle mit freiwilligen Helfern von Mission Blue.
© Rolex

Die Wissenschaft gilt bis heute als Männerdomäne. Als Sie begannen, muss das noch ausgeprägter gewesen sein.

Die erste Expedition, der ich mich anschließen konnte, dauerte sechs Wochen und führte mich 1964 nach Indien. Ich war dort als Botanikerin eingeteilt und die einzige Frau an Bord. Der Rest der 70 Teilnehmer waren Männer. Wann immer wir etwas von unten hinaufbrachten, waren das Dinge, die vor uns noch kein Mensch gesehen hatte. Was für eine großartige Lektion für uns Luftatmer, denen der Teil der Welt, in dem sich die meisten Lebewesen aufhalten, so verschlossen bleibt.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die sich für den Umweltschutz engagieren will?

Seid euch eurer Superkräfte bewusst, nämlich der nie zuvor existierenden Fülle an Wissen. Die müsst ihr nutzen, um die Welt etwas besser zu machen. Egal, ob mit mathematischen Formeln, mitreißender Musik oder erklärenden Worten. Ob du nun Leute zum Lachen bringst, ihnen die Schönheit der Welt bewusst machst oder als Naturwissenschaftler oder Ingenieur erforschst, wie man sie schützen kann. Niemand kann alles schaffen, aber jeder ein wenig.

Sylvia Earle wurde 1935 im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Mehr als 7000 Stunden hat die Leiterin von Dutzenden Ozeanexpeditionen unter Wasser verbracht. Earle wurde an der Duke University promoviert und hat in Harvard geforscht. Bekannt wurde die Ozeanografin durch ihren Kampf für den Schutz der Meere, der ihr unzählige Preise einbrachte; so war sie 1998 die erste „Heldin des Planeten“ im „Time Magazine“. Als Autorin und Rednerin gab sie der Sorge um die Meere einen Namen und ein Gesicht. Sie ist Gründerin der Aktivistengruppe Mission Blue (mission-blue.org).


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