AnalyseWas bringt Frankreichs Wahl für den Euro?

Der Zinsaufschlag auf französische Staatsanleihen bewegt sich derzeit auf dem höchsten Stand seit 2012. Auch Anleihen schwächerer Volkswirtschaften Europas leiden darunter, dass die Wahlen in Frankreich das Projekt der gemeinsamen Währung erneut in Frage stellen können.

Die Kandidatin des Front National, Marine Le Pen, hat angekündigt, die Gründungsnation der EU aus der Euro-Zone führen zu wollen. Ihr Verbleibt hängt damit am Ausgang der Präsidentschaftswahlen. Noch reagiert der Euro relativ unbeeindruckt auf die Drohung. Aber was steht genau auf dem Spiel?

Was führt Le Pen im Schild?

Der Austritt aus der Gemeinschaftswährung ist ein Eckpfeiler von Le Pens Wahlprogramm. Die ersten sechs Monate ihrer Amtszeit will sie ganz Verhandlungen über die Rückkehr zum französischen Franc widmen. Das könnte eine Umwidmung der Staatsschuld bedeuten, was aus Sicht der Rating Agentur S&P kurzfristig einem Zahlungsausfall gleichkäme.

Wie wahrscheinlich ist ein Austritt Frankreichs aus der Eurozone?

Die meisten Experten und Wetten setzen darauf, dass Le Pen in der zweiten Wahlrunde Anfang Mai unterliegt, da die Mehrzahl der Wähler sich um den verbleibenden Gegenkandidaten scharen dürfte. Sollte sie dennoch siegen, muss sie eine Volksabstimmung abhalten. Dafür braucht das Staatsoberhaupt die Unterstützung des Ministerpräsidenten, den eine andere Partei stellen wird, wenn der Front National nicht auch im Parlament eine Mehrheit stellt.

Bei den Regionalwahlen 2015 führte Le Pens Partei in rund 50 Wahlkreisen, aber für eine Mehrheit in der Nationalversammlung werden 289 Mandate benötigt. Bei Umfragen standen die meisten französischen Wähler in der Vergangenheit konsistent hinter dem Euro. „Etwa zwei Drittel verstehen sich als Bürger Europas und wollen den Euro behalten“, sagt die für die Eurozone zuständige Ökonomin von Oxford Economics, Marion Amiot.

Nervosität hält sich in Grenzen

Wetten die Märkte auf Frankreichs Ausscheiden?

Kurzfristig verteuern sich Derivate, die gegen einen drastischen Kursverfall absichern. Dreimonatige Risk Reversal-Bandbreitenprodukte auf den Euro-Dollar-Kurs sind von minus 1,4 Prozent auf minus drei Prozent gefallen. Negative Werte bedeuten, dass Anleger mehr für die Absicherung ausgeben. Es ist der negativste Stand seit acht Monaten. Aber vor dem Brexit-Votum war der Trend zur Absicherung weit stärker ausgeprägt. Da bewegte sich der Wert von minus 4,5 Prozent drei Monate vor der Abstimmung bis sechs Prozent kurz davor.

Glaubt man den Daten der US Commmodity Futures Trading Commission (CFTC), erwarten wenige Anleger tatsächlich eine Euro-Schwäche. In der Woche zum 17. Februar verzeichnete die CFTC 46.764 mehr Short- als Long-Kontrakte auf den Euro, weit weniger als der wöchentliche Durchschnitt von 82.579 im vergangenen Jahr.

Überdies muss die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Eurozone die Währung nicht zwangsläufig schwächen. Während der Schuldenkrise 2011-12, als die Zukunft des Euro am seidenen Faden hing, war er im Verhältnis zu einem Korb internationaler Währungen rund sieben Prozent stärker als heute.

Ausstieg nicht ohne Referendum

Was passiert, wenn Frankreich ausschert?

Heißt die Siegerin Marine Le Pen, erwarten einige Anleger einen unmittelbaren Kursrutsch. Fabio Bassi, Währungsstratege bei JP Morgan, geht in den Folgewochen von einem Minus von zehn Prozent zum Dollar aus. Andere halten den Euro auch ohne Frankreich für überlebensfähig, da er in vielen Mitgliedsländern – insbesondere der führenden Volkswirtschaft Deutschland – anhaltende Unterstützung erfährt. Der Euro würde dann mehr zu einer „Quasi-D-Mark“, so Analysten der Citigroup. „Das klingt für uns nicht nach einer schwachen Währung.“

Passt Frankreich überhaupt noch zum Euro?

Auch wenn es Frau Le Pen nicht gefällt, spiegelt der Euro in vielerlei Hinsicht die französische Wirtschaft gerechter wider als die vieler anderer Euro-Staaten. Frankreichs Gleichgewichtswechselkurs – ein Maß des realen Werts basierend auf Wirtschaftsdaten wie Arbeitslosigkeit oder Handelsbilanz – lag Ende 2015 bei rund 1,25 Dollar, bemerkt Angel Talavera von Oxford Economics. Der Kurs der gesamten Eurozone lag bei 1,23 Dollar, ein stärkeres Deutschland stünde bei 1,37 Dollar, Griechenland bei schwächeren 1,097 Dollar.

Werden andere folgen, wenn Frankreich geht?

Auf dem Höhepunkt der griechischen Schuldenkrise wurde befürchtet, dass ein Grexit einen Dominoeffekt auslösen und die nächstschwächsten Währungen mitreißen könnte. Die Risikoprämien auf Anleihen von Grexit-gefährdeten Ländern schnellten in die Höhe. „Der Markt kann eine Dynamik erreichen, in der es unmöglich wird, die Euro-Zone zusammenzuhalten, noch bevor Le Pen die ersten Gesetze für eine Rückkehr zum Franc unterschrieben hätte“, schätzt Neville Hill von Global Economic Research der Credit Suisse.

Einige Anleiherenditen in Südeuropa sind neben den französischen zuletzt bereits stark gestiegen – in Italien seit Jahresanfang sogar noch mehr als in Frankreich.

Copyright The Wall Street Journal, 2017