Markus Väth Warum Meetings besser sind als ihr Ruf

Markus Väth
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Meetings sind oft zu lang, ermüdend und die Teilnehmer chronisch unvorbereitet. Kein Wunder, dass die Konferenzen einen immer schlechteren Stellenwert haben. Doch das ist gefährlich – und muss nicht sein

Meine Kinder lieben Äpfel. Wir haben immer welche im Haus, und natürlich freut es uns, wenn die lieben Kleinen nicht immer zum Keks, sondern zum Obst greifen. Irgendwann gab es aber eine Phase, da wollte meine Tochter partout keine Apfelschalen essen. Man bittet, droht, argumentiert: Kind, die Vitamine, die stecken doch alle unter der Schale! Pustekuchen. Nichts zu machen. Irgendwann denkst du dir als Vater dann: Na gut, besser ohne Schale gegessen als gar nicht. Die Schale landete dann nicht selten als Abfallprodukt im Bio-Müll. Eine Verschwendung, die nicht sein sollte.   

Bei unseren Meetings im Arbeitsalltag legen wir meiner Meinung nach die gleiche Haltung an den Tag wie meine Kinder mit ihren Apfelschalen. Genau wie meine Kinder die Schalen als Abfallprodukt behandelten, das beim Verzehr von Äpfeln eben anfällt, behandeln wir unsere Meetings als Abfallprodukt unserer individuellen Arbeit. Meetings haben bei den allermeisten von uns keinen hohen Stellenwert: Sie sind manchmal lang, anstrengend (gerade im virtuellen Raum), oft sind die Teilnehmer schlecht vorbereitet, man stolpert gerade so an der Agenda entlang, und wenn man fertig ist, wartet oft schon das nächste. „Back-to-back-Meetings“ nennt das der aktuelle anglizistische Volksmund.

Unser Zeitaufwand in Meetings verhält sich meist umgekehrt proportional zu unserer Wertschätzung. Je mehr Meetings wir haben, desto weniger mögen wir sie. Vielleicht betrachten wir Meetings deshalb als organisatorisches Abfallprodukt unserer eigentlichen Tätigkeit. Lass es bloß schnell vorübergehen, damit ich wieder an meine echte Arbeit gehen kann! Mit dieser Haltung, so verständlich sie auch ist, gewinnen wir in unserer vernetzten Arbeitswelt leider keinen Blumentopf mehr. Denn (gut gemachte!) Meetings sind eben kein Abfallprodukt, das man erleiden muss, sondern eine eigene Kategorie der Wertschöpfung. Und um die geht es in jedem Unternehmen.

Es gibt drei Kategorien, die man in der Organisationsentwicklung optimieren kann: erstens Strukturen und Prozesse, zweitens Menschen und drittens deren Zusammenarbeit. Während wir an den ersten beiden Kategorien bereits seit Jahrzehnten arbeiten, behandeln wir die dritte Kategorie, die Zusammenarbeit, immer noch ein wenig stiefmütterlich. Gut, wir unternehmen Versuche wie Agilität oder Holakratie, aber diese Versuche scheitern oft – trotz allem guten Willens. Ich glaube, das liegt daran, dass wir im Grunde unserer Herzens nicht wirklich von der Werthaltigkeit von Zusammenarbeit überzeugt sind. Wir wollen gern in unser Kästchen zurück und ungestört unsere Arbeit machen. Der andere irritiert da eher als er hilft. In einer solchen Welt der mentalen Grenzziehung können Meetings gar nicht anders als zur Qual zu werden.

Was wir brauchen, ist eine Rehabilitierung der Apfelschale. Apfelschalen gehören genauso zum ganzen Apfel wie Meetings zum Unternehmensalltag. Und genauso wie wir Apfelschalen ganz selbstverständlich mitessen, sogar genießen, sollten wir den fundamentalen Wertbeitrag von Meetings am Wertschöpfungsergebnis anerkennen und begrüßen. Denn Meetings und Zusammenarbeit sind nunmal – siehe oben – eine der drei entscheidenden Stellschrauben der Organisationsentwicklung. Diese stellt inzwischen genügend Instrumente bereit, um Meetings abwechslungsreich, dynamisch, kreativ zu machen. Das entlastet die Teilnehmer und verbessert die Wertschöpfung. Bei richtigem Gebrauch des Werkzeugkoffers von Moderation, Facilitation, Formaten zu Innovation und Kreativität muss niemand mehr Angst vor endlosen Diskussionen, nicht getroffenen Entscheidungen oder dominanten Teilnehmern haben. Die Werkzeuge sind da, man muss sie nur nutzen.

Entscheidend ist jedoch, dass wir uns nicht mehr mental im Schneckenhaus der Einzelarbeit verkriechen und Zusammenarbeit als wichtige Vorstufe der Wertschöpfung begreifen. Natürlich sind Meetings heutzutage vielerorts ein Hort der Langeweile und des langsamen Hirntods. Aber das muss ja nicht so bleiben. Zusammenarbeit kann Freude machen, kann inspirieren, kann Großes bewirken. Lassen wir uns diese Chance nicht nehmen – für uns, aber auch für unser Unternehmen. Essen wir den ganzen Apfel. 

Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth

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