KolumneWarum Krisen nicht gerecht sind

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker

Ich war heute morgen schwimmen im Meer – das gehört zum Besten, was Sie an den feucht-heißen Augusttagen in Barcelona tun können. Viele Einheimische verlassen traditionell in diesem Monat die Stadt. Die Heerscharen von Touristen, die sie normalerweise ersetzen, bleiben dieses Jahr aus. Aus Gründen. Es ist also ungewöhnlich ruhig und angenehm in der Stadt.

Die Läden öffnen trotzdem, zumindest die, die überhaupt noch aufmachen. Die Krise in Spanien ist an allen Ecken spürbar.

Umso mehr ist mir bei meinem Gang zum Meer etwas aufgefallen …

Alles muss raus!

Ich komme auf diesem Weg an einem Restaurant vorbei, in dem ich häufig und gerne das Menú del dia einnehme – ein ebenso günstiges wie wohlschmeckendes Mittagsmahl. Zu dieser frühen Stunde wird das Restaurant normalerweise von vielen Senioren-Grüppchen aus dem Viertel besucht, die hier an einem Kaffee und auch am ein oder anderen Likörchen nippen.

Am liebsten sitzen diese älteren Herrschaften drinnen im Lokal, weil es dort so gemütlich ist und die Akustik die Gespräche erleichtern. Doch das tun sie seit Corona nicht mehr. Auch spanische Senioren achten sehr darauf, so selten wie möglich Innenräume zu betreten, in denen sich anderen Menschen aufhalten.

Doch das Restaurant hat auf diese Entwicklung reagiert: Jeden Morgen tragen die Angestellten die halbe Einrichtung aus dem Lokal hinaus auf den großen Platz davor. Statt der üblichen vielleicht fünf Tische stehen hier nun 20 oder mehr. Und nicht nur das: Es wandern zum Beispiel auch große Grünpflanzen und Stehlampen mit nach draußen. Letztere werden zwar nicht angeschlossen – warum auch, schließlich ist es taghell –, aber die Gegenstände sorgen für die Atmosphäre, die diese Besucher so lieben.

Und ich kann Ihnen sagen: Es ist rappelvoll.

Die paar Tischchen des benachbarten Cafés, die so wie vor der Krise draußen stehen, sind dagegen komplett verwaist.

Das Kuchenproblem

Sicher, das ist ein ziemlich banales Beispiel für eine Mini-Innovation – aber auch eine solche kann schon genügen, um die Wettbewerber auszubooten. Das ging nie leichter als heute.

Ich will auch gerne mit Ihnen ergründen, warum das so ist. Wenn Sie sich umschauen, dann werden Sie bemerken: Viele Märkte liegen brach, tote Hose. Wenn aber etwas angeboten wird, was besonders ist, wenn ein Angebot einen echten substantiellen Vorteil zu bieten scheint – und sei er noch so klein –, dann greifen die Kunden zu.

In den meisten Unternehmen herrscht nämlich aktuell kein Geldproblem. Wie auch, noch nie waren Finanzierungskosten so niedrig, Insolvenzverschleppungen rechtlich so nahe an der Legitimation und die Bilanzierungsmöglichkeiten der Banken für faule Kredite so vielfältig. Aber die Unternehmen setzen natürlich sehr klare Prioritäten, wofür sie Geld ausgeben. Sprich: Die Unternehmen halten ihr Geld im Zweifel lieber auf der hohen Kante. Sie wollen zwar investieren und kaufen, nur eben nicht mehr alles, was sie vorher gekauft haben. Sie greifen nur zu den Angeboten, von denen sie glauben, dass sie ihnen wirklich helfen und sie vom Wettbewerber abheben.

Durch diese gedrosselten Investitionen ist der Kuchen in vielen Branchen deutlich kleiner geworden als vor der Krise. Das verschärft per se schon den Wettbewerb. Was die Situation für etliche Firmen aber richtige schwierig macht: Dieser geschrumpfte Kuchen wird nicht einfach zu gleichen Stücken wie vorher – also „gerecht“ – verteilt, die Kuchenstücke werden nicht einfach nur kleiner. Nein, denn den verbliebenen Kuchen teilen sich plötzlich nur noch ein oder zwei Anbieter unter sich auf. Und zwar die, denen gerade eine Innovation geglückt ist.

Das gilt vielleicht nicht für alle Branchen. Ganz sicher gilt es jedoch für diejenigen, in denen Effizienz nicht das wichtigste Kriterium ist, sondern in denen die Funktion, die Qualität oder die gute Lösung zählt. Dazu gehören zum Beispiel Maschinenbau oder Softwaresysteme. Hier machen die innovativen Firmen häufig einen deutlich besseren Schnitt als vor der Krise, während der Rest das bittere Nachsehen hat.