InterviewWarum LGTB+ für das gesellschaftliche Klima wichtig ist

LGTB+: Eva Kreienkamp ist Erstplatzierte im aktuellen Ranking „Germany's Top 100 Out Executives“
Eva Kreienkamp ist Erstplatzierte im aktuellen Ranking „Germany's Top 100 Out Executives“Out Executives

Eva Kreienkamp verfolgt gleich mehrere Karrieren: Sie ist Senior Vice President bei der Allianz Gruppe, Geschäftsführerin der Mainzer Verkehrsgesellschaft und Speakerin zu den Themen Mobilität, Gender und Diversity. Erst im September wurde sie auf die Liste der Top-Frauen in der Mobilitätsbranche gewählt. Für ihre Leistungen und ihr Engagement für die LGTB+Community erhielt sie jetzt im Ranking von „Germany’s Top 100 Out Executives“ den ersten Platz. 2018 erzielte sie Platz zwei.

Die Auszeichnung würdigt die Arbeit von LGTB-Persönlichkeiten, die sich öffentlich geoutet haben und beruflich besonders erfolgreich sind. Viele Kandidatinnen und Kandidaten setzen sich außerdem für LGBT+-Chancengleichheit ein. So gründete Kreienkamp 1995 unter anderem das LGTB-Netzwerk der Allianz. Im Interview mit Capital spricht sie darüber, mit welchen Stereotypen die LGTB-Community im Arbeitsalltag konfrontiert wird – und warum die Community ein Gradmesser für die gesellschaftliche Weiterentwicklung ist.

CAPITAL: Sie sind nach dem Mathematikstudium in die freie Wirtschaft gewechselt. Woher kam das Interesse für die Wirtschaft?

EVA KREIENKAMP: Einerseits habe ich ziemlich früh verstanden, dass ich als Mathematikerin nicht so gut bin, dass ich in die Forschung gehen könnte. Dann habe ich für mich verstanden, dass ich im Alltag gern mit mehr als zwei Menschen, die auch von meinem Fachgebiet sind, reden möchte. Und zuletzt, dass ich Wirtschaft auch einfach interessant finde!

Was genau finden Sie daran so interessant?

Die Vielfältigkeit der Aufgabenstellungen, die Unwägbarkeiten – man weiß ja nicht hundertprozentig, was kommt – und die Arbeit mit Menschen mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen und manchmal auch unterschiedlichen Kulturen, die sich letztlich im wirtschaftlichen Handeln wiederfinden.

Sie sind Autorin des Buches „Gender-Marketing“, in dem es auch darum geht Marketing-Stereotype aufzubrechen. Welche Rolle spielen Gender-Stereotypen heute in der Wirtschaft?

Stereotypen sind nicht nur in der Wirtschaft vorhanden, sondern ziemlich weit verbreitet in sehr unterschiedlichen Bereichen. Wenn man in Stereotypen denkt, macht man sich zwar einerseits das Leben leicht, andererseits verpasst man aber auch unheimlich viele Möglichkeiten. Und zwar individuell, gesellschaftlich und strukturell. Daher geht es darum herauszufinden: Was spricht denn bestimmte Gruppen von Leuten so an, dass man mit ihnen in einen Dialog kommen kann? Ein Beispiel: In Deutschland ist der Anteil an Frauen in MINT-Berufen. Angeblich ist der Frauenanteil in diesen Berufen sehr gering, allerdings fällt auf, dass es dort auch noch relativ wenige Männer gibt. Zum Beispiel gibt es in der Informatik, in der Physik und im Maschinenbau wenige Frauen und viele Männer. Wenn aber noch Mathematik, Chemie und Biologie hinzukommen, ergibt sich ein vollkommen anderes Bild. Dann stellt sich die Frage: Warum ist Biologie für Frauen attraktiv und was hindert Männer daran, zum Beispiel Tiermedizin zu studieren? Und das hilft natürlich dann am Ende auch wirtschaftlichem Handeln. Wenn man zum Beispiel über Kundengruppen redet, stellt sich die Frage: Für wen mache ich das Produkt eigentlich und wen lasse ich dabei eigentlich aus?

Wie sieht es denn mit Genderstereotypen für die LGBT+-Community aus?

Das ist differenziert zu betrachten. L haben es vielleicht leichter, weil sie unabhängiger sind. Sie sind nicht so eingebunden in Strukturen, die sie vielleicht hindern. Da ist ein Teil der Haltung einfach: „Ich gehe meinen Weg – wahrscheinlich auch, weil ich meinen Weg gehen muss, es finanziert mich ja niemand. Und weil ich auch freier bin in meinen Entscheidungen. Bei G ist es so, dass die natürlich auf männliche Geschlechterstereotype treffen, die sie an der ein oder anderen Stelle vielleicht hindern können. Und dann haben wir natürlich die Gruppe Transgender im weiteren Sinne. Ein Riesenthema, weil sie jegliche Geschlechtergrenzen sprengt und damit ganz viel zunächst infrage stellt – über sich und natürlich auch über die Wahrnehmung von Geschlecht in der Wirtschaft. Insgesamt würde ich aber sagen, wenn die anderen Bausteine „passen“, wenn also Leistung passt, Anpassungsfähigkeit passt und auch sonst alles so ist wie die allgemeine Mehrheit, dann ist es für LGBT natürlich einfacher, auch in deutschen Wirtschaftssystemen zu reüssieren als meinetwegen Deutschtürken der zweiten Generation, die noch als fremd betrachtet werden.