Zukunft der ArbeitViele Unternehmen haben keine Strategie für die neue Arbeitswelt

Eine Frau arbeitet im Homeoffice an ihrem ComputerIMAGO / Westend61

Nach Ansicht ihrer Beschäftigten verfügen noch immer zu wenige Unternehmen in Deutschland über eine erkennbare Strategie für die neue Arbeitswelt. Wie eine repräsentative Ipsos-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ermittelte, sind mit 52 Prozent nur rund die Hälfte der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen der Auffassung, dass ihr Unternehmen eine klare Position zur Gestaltung der künftigen Arbeitsprozesse habe.

Bemerkenswert ist, dass sich damit seit der vorangegangenen Befragung im Dezember 2020 keine Veränderungen zeigen. Damals hatten ebenfalls nur 50 Prozent ihrem Unternehmen attestiert, einen Plan für die Zukunft zu besitzen. „Offenbar sind sich viele Unternehmen auch nach anderthalb Jahren Pandemie noch immer nicht darüber im Klaren, wie das Arbeiten unter den flexiblen und digitalisierten Bedingungen erfolgen soll. Diese Unentschlossenheit verunsichert einen großen Teil der Belegschaft und kann das Fundament der Unternehmenskultur erschüttern“, sagt Jörg Habich, Experte für Führungsfragen der Bertelsmann Stiftung.

Ungeachtet der Zukunftsskepsis deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich die Arbeitnehmer mit der „neuen Normalität“ längst arrangiert haben. Jeweils 70 Prozent der Befragten geben an, dass sich die Beziehung zu Kolleginnen und Kollegen und zur Führungskraft sowie die Wahrnehmung der Unternehmenskultur seit Ausbruch der Corona-Krise nicht verändert hätten.

Generell treten dabei keine großen Unterschiede zwischen den Beschäftigten vor Ort und denen im Homeoffice auf – doch im Detail gibt es auffällige Abweichungen. So empfinden Mitarbeiter im Homeoffice die Situation in den Bereichen Work-Life-Balance, Wohlbefinden, Motivation, Arbeitsbelastung und Produktivität nach wie vor etwas positiver als die Kollegen, die weiterhin am Arbeitsplatz beschäftigt sind. Zugleich fällt es den Beschäftigten im Homeoffice schwerer, die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz zu pflegen sowie den Kontakt zu anderen Teams aufrechtzuerhalten. Insgesamt ist die Zufriedenheit mit der Tätigkeit im Homeoffice seit Ende 2020 von 80 auf 88 Prozent angestiegen.

Nachteile für Frauen

In den Umfragedaten zeichnen sich allerdings auch die negativen Auswirkungen ab, die mit der flexiblen Arbeitswelt einhergehen. So fällt es insgesamt knapp jedem Zweiten schwer, nach der Arbeit abzuschalten sowie Beruf und Privatleben zu trennen. Vor allem jüngere Arbeitnehmer unter 35 Jahren berichten verstärkt von höherem Leistungsdruck und einer Verschlechterung der Work-Life-Balance. „Die Unternehmen sind gefordert, auf diese wachsende Entgrenzung zu reagieren. Sie können ihre Beschäftigten beispielsweise durch Informations- und Coaching-Angebote unterstützen. Außerdem ist es sehr wichtig, dass die Führungskräfte diese Probleme wahrnehmen und gemeinsam mit den Mitarbeitenden nach Lösungen suchen“, sagt Habich.

Wie die Befragung zeigt, bringt der Wandel der Arbeitsbedingungen, insbesondere für Frauen, Schwierigkeiten mit sich. Sie geben öfter als Männer an, dass sich Arbeitsbelastung, Wohlbefinden und Produktivität verschlechtert hätten. Zudem äußern sie häufiger Zweifel, ob die Gleichbehandlung in ihrem Unternehmen weiter vorangetrieben wird. Dieses Thema ist ihnen bei der Wahl des Arbeitgebers wichtiger als Männern, während die Aspekte Weiterbildung und Karriere für sie eine geringere Rolle spielen. Die Kombination aus höherer Belastung sowie dem Zurückstellen der beruflichen Ambitionen sei für Frauen ein großes Hindernis auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung.

Trotz der Defizite und Anpassungsschwierigkeiten haben sich die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Großen und Ganzen an die neuen Rahmenbedingungen gewöhnt. „Die Unternehmen können die neu gewonnene Flexibilität nicht zurücknehmen. Daher müssen sie sich endlich konsequent mit der Frage beschäftigen, wie zukunftsfähige Modelle der Zusammenarbeit in ihrer jeweiligen Organisation gestaltet sein müssen und wie sie umzusetzen sind“, sagt Habich. Aus seiner Sicht des Experten sind dabei weniger die Technik und die Prozesse ausschlaggebend für den Erfolg, sondern vielmehr die unternehmenskulturellen und strategischen Weichenstellungen.

„Die intelligente Einbettung flexibler Arbeitszeiten und Büroraumkonzepte in die Unternehmenskultur stellt einen zunehmenden Wettbewerbsvorteil im Kampf um Talente dar. Hier wird auch das Homeoffice noch viel zu selten als strategische Option, zum Beispiel für das Personalmarketing, betrachtet“, ergänzt Habich. Daher sollten sich Personalabteilungen viel stärker in die Transformation einbringen und Ideen entwickeln, wo und vor allem wie der soziale Austausch der Beschäftigten künftig stattfindet. Von zentraler Bedeutung sei es auch, Führungskräfte gezielt für die veränderten Aufgaben in einer mobilen und digitalen Arbeitswelt sowie für ihre wichtiger werdende Rolle als Moderatoren zu befähigen.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de