ArbeitsrechtUrteil: Fristlose Kündigung wegen Desinfektionsmittel

Zu Beginn der Pandemie waren Desinfektionsmittel MangelwareIMAGO / foto2press

Erstaunlich viele Menschen halten Diebstahl im Job für ein Kavaliersdelikt. Da könnte womöglich dieses Urteil ein Weckruf sein. Nach 17 Jahren hat ein Paketzusteller einem Mitarbeiter fristlos gekündigt, weil der einen Liter Desinfektionsmittel entwendet hat. Der Beschuldigte zog bis vor das Landesarbeitsgericht. Die Düsseldorfer Richter aber gaben dem Unternehmen recht.

Das Ganze hatte sich am 23. März 2020 ereignet, also wenige Tage nach Verkündung der weltweiten Covid-19-Reisewarnung der Bundesregierung. Desinfektionsmittel waren damals Mangelware, die oft zu einem Vielfachen des eigentlichen Preises gehandelt wurde. Der Kläger hatte nach Gerichtsangaben seit 2004 als Be- und Entlader sowie Wäscher für die Fahrzeuge bei dem Unternehmen gearbeitet. Nach der Nachtschicht wurde sein Auto stichprobenartig kontrolliert.

Mann stiehlt Desinfektionsmittel

„Hierbei fand der Werkschutz im Kofferraum des Klägers eine nicht angebrochene Plastikflasche mit einem Liter Desinfektionsmittel und eine Handtuchrolle. Zum damaligen Zeitpunkt betrug der Wert des Desinfektionsmittels circa 40 Euro. Bei der Beklagten kam es immer wieder vor, dass Desinfektionsmittel aus den Waschräumen entwendet wurden“, teilte das Gericht mit. Nachdem Zeugen befragt worden waren, stimmte der Personalrat der fristlosen Kündigung zu. Der Ex-Mitarbeiter erhob Kündigungsschutzklage.

„Der Kläger begründete seine Klage damit, dass er sich während der Arbeit stündlich zu seinem Fahrzeug begeben habe, um die Hände zu desinfizieren und abzutrocknen. Das Desinfektionsmittel habe er für sich und eventuell seine Kollegen verwenden wollen, da dieses in den Waschräumen nicht immer verfügbar gewesen sei. Bei der Ausfahrt habe er an die Sachen im Kofferraum nicht mehr gedacht“, hieß es. Das Arbeitsgericht Mönchengladbach fand diese Behauptung nicht überzeugend. Der Kläger zog vor das Landesarbeitsgericht. Das bestätigte im Januar 2021 das Urteil aus erster Instanz.

Die 5. Kammer ging davon aus, dass der Mann das Desinfektionsmittel nicht wie behauptet mit Kollegen teilen, sondern für sich behalten wollte. Schließlich sei die Flasche nicht angebrochen gewesen. Trotz der langen Beschäftigungszeit sei eine vorherige Abmahnung vor der Kündigung nicht nötig gewesen. Denn der Kläger habe während der Pandemie eine nicht geringe Menge Desinfektionsmittel entwendet. „Damit habe er zugleich in Kauf genommen, dass seine Kollegen leer ausgingen. Ihm hätte klar sein müssen, dass er mit der Entwendung von einem Liter Desinfektionsmittel den Bestand seines Arbeitsverhältnisses gefährdet“, urteilte das Gericht. Es ließ die Revision zum Bundesarbeitsgericht nicht zu.

 


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