Die Höhle der Löwen Math 42: Rechne dich reich

Die Gründer der Mathe-App Math 42 Raphael und Maxim Nitsche bei Markus Lanz
Die Gründer der Mathe-App Math 42 Raphael und Maxim Nitsche bei Markus Lanz
Maxim und Raphael Nitsche sind zwei Mathe-Cracks, die eine Nachhilfe-App erfunden haben. Math 42 machte die Brüder und ihren Vater zu Millionären. Nun basteln sie an einer Idee, die noch größer ist

Maxim und Raphael Nitsche sind gerade erst zur Wohnungstür reingekommen, da platzt es schon heraus: „Wir sind da wieder an etwas dran“, sagt Maxim. Die Brüder setzen sich an den Couchtisch. Der schwarze Ledersessel rechts ist für ihren Vater reserviert. Der kommt aus dem Nebenraum, grüßt kurz und fragt seine Söhne sofort: „Habt ihr es schon erzählt?“

„Es.“ Das Neue. Das Große.

Vater Thomas Nitsche und seine Jungs sitzen in einer Berliner Altbauwohnung. Stuckverzierte Decken, volle Bücherregale, Holzdielen. Gediegenes Bürgertum.

"Die Höhle der Löwen" - das Magazin zur TV-Show auf Vox
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Bei der neuen Idee geht es um eine andere Welt als hier in Berlin. Bei ihren Erklärungen fallen sich die zwei jungen und der alte Nitsche gegenseitig ins Wort, korrigieren einander, überholen sich. Eine neuartige Suchmaschine ist das Ziel, ein Art Google hoch drei. Vermutlich fänden die Nitsches diese Umschreibung anmaßend. Aber der Vater sagt, es sei etwas, „das signifikant, um Potenzen weitreichender ist als das, was wir bislang gemacht haben“.

Dabei war schon das ein großer Wurf. Der heute 22-jährige Maxim hatte als Schüler vor acht Jahren die Idee für ein Mathematik-Lernprogramm. Die Lehrmethoden der Schule fand er rückständig, ineffizient und frustrierend. Die Kinder, denen er seit der fünften Klasse Nachhilfeunterricht gab, quälten sich. Hunderte Formeln müssten sie lernen. „Dabei brauchen sie nur 20 Regeln zu verstehen“, sagt Maxim. „Dann können sie Mathematik – jede Rechnung.“

Das führte zu einer Idee: Integrale, Vektoren, Matrizen – sämtliche Aufgaben können Schritt für Schritt detailliert erklärt werden. Ideal für ein Computerprogramm, dachte Maxim.

Seinen damals 13-jährigen Bruder Raphael überzeugte er sofort. Der Vater, ein erfahrener Mathematiker, Softwareentwickler und Unternehmer, nannte es hingegen „eine Schnapsidee“. Die Söhne sollten erst mal einen Businessplan ausarbeiten.

Die Schüler recherchierten und fanden heraus: In Deutschland werden jährlich rund 800 Mio. Euro für Mathe-Nachhilfe ausgegeben, in Südkorea das Zehnfache, weltweit werden es 2021 voraussichtlich mehr als 100 Mrd. Dollar sein. „Mathe ist ein Monsterproblem, und der Markt ist riesig“, fand Maxim. Und heute stellt Thomas Nitsche fest, dass seine hartnäckigen Söhne wohl den richtigen Riecher hatten: „Das ist ein großes Ding.“

Wie Mark Zuckerberg!

Drei Jahre lang tüftelten die Brüder neben Schule und Studium an ihrem Nachhilfeprogramm. Mit der Hilfe des Vaters und dessen Frau Oxana, einer Computerlinguistin. Sie programmierten und probierten, verwarfen und entwickelten neu. 2013 war Math 42 fertig, eine Anwendung für Mobiltelefone. Nun brauchten die Nitsches vor allem eins: Geld.

Mit Mathe-Apps hatten es bis dahin schon viele versucht, auch die ganz Großen aus den USA wie Microsoft. Mit wenig Erfolg. Und jetzt sollten zwei Teenager aus Deutschland wissen, wie es geht? Eine Frage, die sich auch die Investoren in der „Höhle der Löwen“ stellten.

Raphael Nitsche (l.) und sein älterer Bruder Maxim haben zusammen die App Math 42 entwickelt
Raphael Nitsche (l.) und sein älterer Bruder Maxim haben zusammen die App Math 42 entwickelt (Foto: dpa)
© dpa

2,4 Millionen Vox-Zuschauer sehen an einem Herbstabend 2015, wie der damals 19-jährige Maxim und der 18-jährige Raphael in Wollpullis und mit geröteten Wangen vor die „Löwen“ treten. Sie wollen 2 Mio. Euro für 20 Prozent an ihrem Unternehmen. So viel Geld hat zuvor kein Kandidat gefordert. „Ganz schön selbstbewusst“, sagt Jochen Schweizer.

Doch begeistert, fasziniert sind bald alle Investoren. Sie steigen aus, weil die App nicht ihre Welt ist. Am Ende blieben Vural Öger und natürlich Frank Thelen. Die App ist sein Beuteschema. „Das ist ein Mark Zuckerberg“, raunt Thelen Öger zu und weist auf Raphael Nitsche, das Mathe-Hirn mit einem Intelligenzquotienten von 151.

„Ist das etwas, was durch die Decke geht?“, fragt Judith Williams. „Ja. Ich kann das Ding morgen für 100 Millionen verkaufen, wenn das alles stimmt“, sagt Thelen. Gemeinsam mit Öger macht er den Brüdern ein Gegenangebot: zwei Millionen, aber für 30 Prozent. Der Deal kommt nicht zustande. Denn plötzlich bekennt einer der Brüder, dass der Vater der beiden die Mehrheit an der Familienfirma hält. Zu kompliziert solche Besitzverhältnisse.

App erreicht Millionen

Berlin, im heißen Sommer 2018. Thomas Nitsche beugt sich aus dem schwarzen Ledersessel vor, schüttet sich Tee aus einer Thermosflasche nach. Dass sich Investoren an dem Gründerteam stören, hat der 65-Jährige immer wieder gehört: „Dem einen sind die Söhne zu jung, dem anderen bin ich zu alt, oder es heißt, das Familienmodell implodiere irgendwann.“ Das Gegenteil sei der Fall. „Wir sind das perfekte Team“, sagt der Vater. Und die Söhne widersprechen an der Stelle nicht.

Der Vater, der Großvater und Cousins sind Mathematiker. Maxim und Raphael bekamen schon von klein auf ständig Denksportaufgaben zu lösen, lernten früh Schach. Das ist ihre Erfolgsformel: „Das strukturierte Denken, bei dem wir auch sehr komplizierte Dinge in kleine Einzelteile zerlegen und mit großer Hartnäckigkeit nach Lösungen suchen“, sagt Thomas Nitsche. „Darin sind wir so eingespielt, dass wir sogar gegenüber Konzernen mit einer Armada an Experten einen Wettbewerbsvorteil haben.“

Der große Durchbruch kommt erst zwei Jahre nach der „Die Höhle der Löwen“-Sendung. Immerhin hat der TV-Auftritt enorme Aufmerksamkeit gebracht. Das Math-42-Programm wird innerhalb einer Woche 250 000-mal heruntergeladen, ist damit auf einen Schlag die erfolgreichste App in Deutschland und insgesamt bei mehr als einer Million Nutzern weltweit auf dem Handy aktiviert.

Zudem melden sich zahlreiche Investoren, die ihr Interesse bekunden. Mit einem namhaften Kapitalgeber trifft sich das Team in einem Restaurant in Berlin-Charlottenburg. „Am nächsten Tag saßen wir hier in unserem Wohnzimmer, um in einer Telefonkonferenz den Deal zu besiegeln“, erinnert sich Thomas Nitsche. Da habe der Investor zahlreiche Bedingungen diktiert, die den Gründern das Mitspracherecht entzogen hätten. „Das war brutal, ich habe meine Söhne angeschaut, und wir haben die Verhandlungen umgehend abgebrochen.“

Ein anderes Vater-Sohn-Gespann

Stattdessen kommt bald ein anderes Vater-Sohn-Gespann zum Zuge: Schulbuchverleger Michael Klett und sein Sohn David steigen Ende 2015 mit einem sechsstelligen Betrag bei den Math-42-Gründern ein und bekommen dafür knapp sieben Prozent der Firmenanteile. Ein Jahr später schießen die Kletts noch mal eine halbe Million Euro nach.

Durch die Erfahrung mit den Kletts kommen die Mathe-Experten auf die Idee, ihre Methode an Verlage und IT-Firmen zu lizenzieren. Im Januar 2017 fliegt das Dreiergespann nach New York, um einem Vertreter des US-Bildungskonzerns Chegg ihr Produkt anzupreisen.

Zu dem Termin taucht unerwartet einer der Top-Manager auf, der sehr interessiert an der App ist. „Wir haben das gar nicht ernst genommen“, erinnert sich Maxim. Der Chegg-Manager habe gefragt, an welchen Problemen sie arbeiten. Darauf habe sein Bruder Raphael erwidert: „Wir lösen nicht irgendwelche Probleme, nur die ganz großen.“

Sprüche, wie man sie im Silicon Valley erwartet, aber nicht von zwei Jungs aus Deutschland. Der Chegg-Manager ist begeistert. „Ich habe ihn später gefragt, was ihn in dem Moment eigentlich überrascht hat“, sagt Maxim. „Er meinte, wir seien so ungewöhnlich entspannt gewesen, hätten nicht einmal über Gehalt verhandelt und dann auch noch eine Präsentation gezeigt, die original aus ihren Ordnern hätte stammen können.“

Die drei Nitsches schmunzeln: „Zu dem Zeitpunkt hatten wir zwei Übernahmeangebote und wollten uns nur ein bisschen warmlaufen“, sagt Maxim. Die Chemie mit Chegg stimmt. Die Amerikaner durchleuchten die Technologie der Deutschen intensiv, und im Oktober 2017 besiegeln die Nitsches den Verkauf ihrer Familienfirma an das kalifornische Unternehmen für 20 Mio. Euro. Die Kletts werden ausbezahlt, die Nitsches bekommen rund 10 Mio. Euro sofort, den Rest in Raten, weitere Aktienoptionen stehen in Aussicht.

Dafür müssen beide Brüder und der Vater sich noch weiter ins Unternehmen einbringen. Details zu den Verträgen dürfen sie nicht nennen. „Wir wollten bloß nicht ins Silicon Valley“, sagt Thomas Nitsche. Dort haben sie vor gut zehn Jahren schon mal gelebt, als er sein letztes Start-up entwickelt und verkauft hat. Das Leben dort sei nicht mit dem Standard in Berlin vergleichbar.

Und das Geld? Wie verändert es in dem jungen Alter? Diese Fragen haben die Brüder immer zurückhaltend beantwortet. „Solche Summen fühlen sich sehr merkwürdig an“, sagten sie. Sie hätten harte Zeiten durchgemacht. Und seien bescheiden aufgewachsen. Nein, kein schickes Auto. Aber: mit Freunden häufiger essen gehen. Und: Raphael kaufte sich Filmplakate, mit denen er seine neue Wohnung tapezierte.

Pendeln nach Israel

Die Jungs sind aus dem Familiendomizil ausgezogen und haben jetzt ein Büro mit 20 Mitarbeitern in Kreuzberg. Da fährt Raphael, der Mathe-Crack, jeden Morgen hin und arbeitet an der Software. Maxim, der Sprecher und Außenminister der Math-42-Delegation, leitet das Matheteam bei Chegg und liebt es, zwischen den Standorten in Kalifornien, Israel und Indien hin und her zu fliegen. „Wir wollen das Produkt jetzt so groß machen, wie wir es immer haben wollten“, sagt Raphael. „Wir decken mit unserer Technologie rund 50 Prozent der wichtigsten Matheaufgaben ab, das sind aber nur rund zehn Prozent aller rechenbaren Aufgaben, die wir darstellen wollen.“ An der Stelle diskutieren alle drei Nitsches wieder laut und gleichzeitig, ob die Aussage so stehen bleiben kann. (Thomas: „Bist du dir bei der Relation wirklich sicher?“ Maxim: „Pssst, Papa, nein, ich versuche, das jetzt noch mal zu erklären.“)

War es eine Genugtuung, nach der Niederlage bei den „Löwen“ trotzdem den großen Deal abzuschließen? Nein, die Sendung hat ihnen einen Schub an Aufmerksamkeit gegeben, der sie in eine andere Richtung katapultiert hat. „Die größte Genugtuung ist, dass wir den Durchbruch geschafft haben und es denen zeigen können, die sich immer über uns lustig gemacht haben“, sagt Maxim. Auch Lehrer und Freunde, bei denen die Matheexperten als Spinner galten und die sich über Thomas „mit seinen Blödmannprojekten“ und „die Vorstandssitzungen mit seinen Kindern“ lustig machten.

Bei unserer Suchmaschine kommen fünf bis zehn Innovationen zusammen, die kein anderer beherrscht. Auch Google nicht
Thomas Nitsche

Solche Sitzungen und Diskussionen halten die drei regelmäßig ab. „Wir haben immer noch 15 neue Ideen, die wir aus Fokusgründen noch nicht gemacht haben“, sagt Maxim. „Aber jetzt bauen wir gerade ein cooles, begabtes, neues Team auf, das eines unserer Projekte vorantreibt.“ Es ist dieses Google hoch drei.

Eine Suchmaschine, die jede Art von Dokumenten versteht, analysiert und auffindbar macht. Und das in jeder Sprache von Deutsch, Englisch und Russisch bis hin zu Chinesisch, Arabisch, Hebräisch oder Koreanisch. „Texte richtig zu verstehen ist etwas, was sich der künstlichen Intelligenz, so wie wir sie kennen, weitestgehend entzieht“, sagt Thomas Nitsche. „Das ist unendlich kompliziert und nicht im Ansatz gelöst.“

Doch es gibt eine Technologie, mit der die Nitsches arbeiten können: Sie heißt Natural Language Processing (NLP) und ist eine Methode zur direkten Kommunikation zwischen Mensch und Computer. Und Lösungen werden gebraucht, etwa bei Juristen, die Tonnen an Aktenordnern und Megabytes an elektronischen Daten verarbeiten müssen.

„Wir denken immer noch, wir hätten Suchen und Analysen im Griff. Doch das stimmt schon lange nicht mehr“, sagt Thomas Nitsche. „Bei unserer Suchmaschine kommen fünf bis zehn Innovationen zusammen, die kein anderer beherrscht. Auch Google nicht.“

Kann daraus ein deutsches Google entstehen? „Wir beschäftigen uns noch nicht damit, wofür wir es verwenden werden oder wie ein Geschäftsmodell aussehen wird. Das kostet viel Zeit, und da haben wir noch keine Lust zu“, sagt Vater Nitsche. Das ist genau der Moment, an dem manche Investoren zweifeln und andere ihre Chance sehen.

„Höhle der Löwen“-Investor Frank Thelen sagte nach dem Verkauf von Math 42 an Chegg: „Ich freue mich, dass wir zwei sehr intelligente junge Gründer haben, die nun etwas Kapital bekommen, um unser Start-up-Ökosystem zu befeuern. Vielleicht finden wir ja bei ihrer nächsten Idee zusammen. Ich würde mich freuen!“

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