AnalyseDas Fünf-Sterne-Problem des Internets

Wissen Sie, für was ich null Sterne vergeben würde? Die meisten der Sterne-Bewertungen sehen Sie online. Du musst Sterne vergeben an Deinen Uber-Fahrer, den Film, den Du gestreamt hast, das Ben & Jerry’s-Eis, das Du bestellt haben – und den Kerl, der es ausgeliefert hat.

Und was bekommt man dafür? In einem kleinen Experiment habe ich mir alle Klebebänder angeschaut, die bei Amazon verkauft werden. Für die 250 Typen und Größen lag die durchschnittliche Bewertung bei 4,2 Sternen. Auf Yelp habe ich mir Eisdielen in San Francisco angeschaut: Mehr als die Hälfte erhalten entweder 4,5 oder 5 Sterne. Und ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals einen Uber-Fahrer mit einer Bewertung unter 4,3 Sterne gesehen hätte.

Tatsächlich erhalten online bewertete Produkte durchschnittlich 4,3 Sterne, wie Power Reviews bei der Analyse von mehr als 1000 Online-Shops festgestellt hat.

Netflix: Daumen statt Sterne

Zweifellos können Online-Bewertungen helfen, schlechte Produkte auszusortieren, vor miesen Restaurants zu warnen und gefährliche Fahrer von der Straße fernzuhalten. Bewertungen sind eine Säule der Online-Kultur, und es gibt Möglichkeiten, um nützliche Informationen aus ihnen herauszuholen. Aber ich mag nicht akzeptieren, dass alles im Internet überdurchschnittlich gut sein soll.

Am Mittwoch vergangener Woche hat Netflix offiziell sein Fünf-Sterne-System abgeschafft. Nach umfangreichen Tests wird es ersetzt durch ein einfaches Daumen hoch und Daumen runter. „Sie erhalten mehr Bewertungen, wenn Sie weniger Entscheidungsmöglichkeiten haben“, sagt Todd Yellin, Netflix-Vizepräsident zuständig für Produktinnovationen. Und mehr Daten, kombiniert mit dem tatsächlichen Sehverhalten, ermöglichen es Netflix, personalisierte Empfehlungen zu geben, die als prozentuale Übereinstimmung dargestellt werden. Es ist wie eine Dating-Website für Filme.

Daumen und Empfehlungen können nicht für jede App funktionieren. Aber das schaffen auch die Sterne-Bewertungen nicht, die von professionellen Kritiken entlehnt und jetzt oft als Mittel zur Bestimmung der Schwarmintelligenz missbraucht werden.

Die Menschen brauchen mehr Hilfe, um die Ergebnisse zu interpretieren. „Ist drei Sterne gut oder schlecht? Ich kann mich an keine Plattform erinnern, die das festgelegt hat“, sagt Michael Luca, Dozent für Informationsdesign an der Harvard Business School.

Wir sind viel zu nett

Es ist zum Teil unsere Schuld: Wir sind viel zu nett. Das Internet ist bekannt dafür, Meinungen zu verdrehen. Aber es gibt Beweise, dass wir viel eher zu positiven Bewertungen neigen als schlechte zu vergeben. Laut Yelp werden für örtliche Unternehmen in 46 Prozent der Fälle fünf Sterne vergeben. Das mag an der menschlichen Natur liegen: Du hast dieses Restaurant gewählt, also wie könnte es etwas weniger sein als eine Fünf-Sterne-Entscheidung? Nur einmal während eines längeren Zeitraums haben Sie mal ein schreckliches Erlebnis, vor dem Sie mit einer Ein-Sterne-Bewertung warnen möchten.

Viele von uns würden sich sogar selbst belügen, wenn sie sich als Kritiker betätigten, sagt Yellin. Haben Sie nicht auch mal einen Oscar-nominierten Film mit fünf Sternen bewertet, weil er „wichtig“ war … obwohl Sie ihn tatsächlich gähnend langweilig fanden?