DebatteHochfrequenzabzocke?

Börsenhändler
Skeptischer Blick: Auf dem Parkett hat der Hochfrequenzhandel wenig Freunde
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Es kommt nicht oft vor, dass ein neues Sachbuch die Finanzszene in Aufruhr versetzt. Michael Lewis, dem Großmeister der Finanzreporter, ist das Kunststück wieder einmal gelungen. Sein Buch „Flash Boys“ (die deutsche Übersetzung erscheint am 10.4.) berichtet vom umstrittenen Hochfrequenzhandel, bei dem in Millisekunden Aktienpakete hin- und hergeschoben werden. Lewis´Behauptung, dass dabei die Anleger über den Tisch gezogen werden, wird an der Wall Street leidenschaftlich debattiert. Mittlerweile hat auch das FBI und die Börsenaufsicht SEC Ermittlungen aufgenommen. 

Lewis behauptet, dass die High Frequency Trader (HFT) mit enormem technischen Aufwand den US-Aktienmarkt manipulieren: Noch bevor eine große Order über die regulären Datenkanäle den Markt erreicht, haben die sie dank ihrer superschnellen Leitungen schon Kenntnis davon und können den Kurs ein wenig zu ihren Gunsten verändern. Wer kaufen will, zahlt dadurch etwas mehr, wer verkaufen will, bekommt etwas weniger als bei der Platzierung der Order gedacht. Im Maklergeschäft ist dieser Trick seit jeher als „Frontrunning“ bekannt und verboten.

Wenn man früher 10.000 Aktien von Intel zum Preis von je 22 Dollar per Knopfdruck auf dem Computer geordert habe, sei dieser Auftrag auch so ausgeführt worden. Heute dagegen verschwinde ein Teil der Order, nur wegen des Übertragungstempos bis zum jeweiligen Börsenplatz. Die Neue Zürcher Zeitung liefert auf ihrer Webseite eine kurze Einführung in die Tätigkeitsfeld der Hochfrequenzhändler anhand von fünf Charakteristika:

„Sie nutzen aussergewöhnlich hohe Geschwindigkeiten und ausgeklügelte Programme, um Transaktionen zu generieren, zu lenken und auszuführen. Sie placieren ihre Server oftmals in der Nähe der Börsen, um Zeitverzögerungen zu verhindern; sie nutzen dabei die von den Börsen angebotenen Räumlichkeiten (‚Co-locations services’) und andere Dienstleistungen wie den Empfang von auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Börsendaten. Sie wickeln ihre Transaktionen in Bruchteilen von Sekunden ab; der Kauf und schliesslich der Verkauf einer Aktie finden oft innert Millisekunden statt. Oft werden riesige Mengen an Aktien gekauft, um sie sofort wieder zu verkaufen. In der Regel schliessen sie den Handelstag ab, ohne nicht-abgesicherte Positionen in ihren Büchern zu haben.“

Erregte Debatten

Etwa 80 Prozent des Aktienhandelsvolumens werden über den Hochfrequenzhandel abgewickelt. Lewis bezieht sich in seinem Buch auf Brad Katsuyama, der mit der IEX Group einen „fairen“ Handelsplatz gegründet hat. Katsuyama war auch eine der Hauptpersonen in einem denkwürdigen TV-Schlagabtausch, wo sich Gegner und Befürworter des Hochfrequenzhandels gegenseitig beharkten.



Die Art der Auseinandersetzung zeigt die Brisanz des Themas. Auch an der Wall Street wurde die Debatte während des Handels aufmerksam verfolgt. Applaus gab es für Katsuyama:

Ist damit alles klar? Die amerikanische Bundespolizei FBI und die Börsenaufsicht SEC gehen Manipulationsvorwürfen nach, die Flash Boys stehen im Verdacht Kaufaufträge abzugeben und sie unmittelbar danach wieder zu stornieren. Damit – so der Vorwurf – sollten andere Marktteilnehmer getäuscht und Insidergeschäfte verschleiert werden. Für den Ökonomen Dean Baker vom Center for Economic and Policy Research ist der Hochfrequenzhandel eine Form des Insiderhandels:

„By contrast, the front-running high speed trader, like the inside trader, is providing no information to the market. They are causing the price of stocks to adjust milliseconds more quickly than would otherwise be the case. It is implausible that this can provide any benefit to the economy. This is simply siphoning off money at the expense of other actors in the market.“

Falsche Behauptungen?

Für Baker lässt sich das Problem ganz einfach lösen: durch eine moderate Finanztransaktionssteuer. Für andere ist das alles kalter Kaffee. Laut Reuters Blogger Felix Salmon prangert Lewis in seinem Buch Zustände an, die so gar nicht mehr existieren:

„The scale of the HFT problem — and the amount of money being made by the HFT industry — is in sharp decline: there was big money to be made once upon a time, but nowadays it’s not really there anymore. Because that fact doesn’t fit Lewis’s narrative, however, I doubt I’m going to find it anywhere in his book.“

Wer ist der Verlierer?

Der Hochfrequenzhandel habe bereits 2008 seinen Höhepunkt überschritten. Auch sei Lewis’ Behauptung falsch, dass vor allem kleine Investoren vom High-Speed-Handel geschädigt würden. Diese Meinung vertritt auch Craig Pirrong in seinem Blog „Streetwise Professor“:

„Instead, the battle is mainly part of the struggle between large institutional investors and HFT. Large traders want to conceal their trading intentions to avoid price impact. Other traders from time immemorial have attempted to determine those trading intentions, and profit by trading before and against the institutional traders. Nowadays, some HFT traders attempt to sniff out institutional orders, and profit from that information. Information about order flow is the lifeblood of those who make markets.“

Ein Opfer hat die Debatte um Lewis’ Roman schon gefordert. Der Hochfrequenzhändler Virtu sagte seinen geplanten Börsengang vorerst ab.