Gastbeitrag Für eine Kulturrevolution der Bildung

Symbolbild Bildung
Symbolbild Bildung
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Deutschland braucht eine radikale Reform des Bildungssystems. Es muss aber Schluss sein mit dem Herumdoktern an Strukturen, fordern Thomas Sattelberger und Sven Gábor Jánszky. Auf die Lernkultur und -inhalte kommt es an

„Die Zukunft gehört denjenigen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben.“ Ein Satz, der Eleanor Roosevelt zugeschrieben wird. Heute entwickelt sich Zukunft deutlich rasanter als zu Lebzeiten der amerikanischen Menschenrechtsaktivistin. Und dies gilt in der digitalen Ära erst recht für Lernen und Bildung.

Prognosen sind auf diesem Feld daher doppelt schwierig. Gleichwohl gelten auch hier die üblichen Weisheiten: Zukunft ist nie eine lineare Verlängerung der Gegenwart. Wer nur linear denkt, verschläft die Chancen und Risiken exponenziellen Wachstums - also den nach langatmiger Anlaufkurve explodierenden Anstieg des Wissensumschlags.

Unsere bewährt-spröde und auf Vorratswissen ausgerichtete Lernarchitektur gerät unter Druck. Ihr Haltbarkeitsdatum ist gemeinsam mit dem alten Industriezeitalter abgelaufen. Unter dem Deckel gärt es.

Die vielzitierte Studie „ The Future of Employment: How suceptible are jobs to computerisation? “ der Oxford-Wissenschaftler Michael Osborne und Carl Benedict Frey hat 2013 eine bis heute andauernde große Debatte angestoßen und damit viele weitere Untersuchungen über die Substitution von Arbeit durch Robotics und Künstliche Intelligenz. Deren Autoren sind sich überwiegend einig: standardisierte Arbeit wird nach und nach automatisiert, selbst solche mit hohen kognitiven Komplexitätsanforderungen. Wachsen hingegen werden kreative und experimentelle Hightech-Arbeit mit hohen sozio-emotionalen Anteilen ebenso wie sogenannte Hightouch-Tätigkeiten, etwa in Gesundheits- und Pflegeberufen sowie in der Bildung.

Dieser Megatrend trifft Nationen sehr unterschiedlich. Das Bundesarbeitsministerium prognostiziert bis 2035 einen Rückgang von 5,3 Millionen alter Arbeitsplätze und 3,6 Millionen neu entstehende Jobs. Allerdings werden im selben Zeitraum 1,7 Millionen Menschen das Erwerbsleben altersbedingt verlassen. In Deutschland kommt uns die alternde Gesellschaft also zugute.

Auf den Skillshift kommt es an

Unser großes Thema ist nach diesen Prognosen im Unterschied zu den USA nicht drohende Arbeitslosigkeit, sondern vielmehr der nötige Skillshift in neue oder deutlich veränderte Hightech- und Hightouch-Tätigkeitsfelder, den Millionen Menschen in Deutschland bewältigen müssen.

Dies unterstreicht auch die kürzlich veröffentlichte OECD-Studie „Beyond Academic Learning“, wonach selbst anspruchsvolle kognitiv-intellektuelle Fertigkeiten nicht ausreichen werden, um in der komplexen Welt von morgen zu überleben.

Schlüssel für die Skills der Zukunft sind mehr als jemals zuvor emotionale und soziale Fähigkeiten: Kreativität, Toleranz, Kreativität, Neugier sowie Stress-Stabilität, Teamkompetenz, Vertrauen in die eigene Person. Wie Studien zeigen, sind all dies keine angeborenen Eigenschaften, sondern erlernbare Fertigkeiten, die man aber auch verlernen kann. Traurig: bei 10-Jährigen sind sie in der Regel ausgeprägter als bei 15-Jährigen.

Der amerikanische Bildungsökonom und Nobelpreisträger James Heckman spricht von der Pathologie eines Bildungssystems, in dem abstrakte Fähigkeiten erlernt und emotional-soziale ausgetrieben werden. Dabei müssten junge Menschen doch neben Rechnen, Schreiben und Lesen heute vor allem all das lernen, was sie von Computern und Robotern unterscheidet.

Grundlegend neue Lernkultur und -inhalte

Nötig ist jetzt eine radikale Reform des Bildungssystems: entlang der gesamten Bildungskette, angefangen bei frühkindlicher Erziehung über Schule, Ausbildung, Studium bis hin zu Weiterbildung und lebenslangem Lernen. Was dabei kontraproduktiv wäre: Riesenexperimente an Strukturen. Uns geht es vor allem um grundlegend neue Lernkultur und -inhalte.

Die Geschwindigkeit und Schrittlänge, mit der Schulen und Hochschulen sich aufmachen, ist dabei sicher von unterschiedlicher Natur: von der Normalschule über die Wachstumsschule, von der Normalhochschule über die Wachstumshochschule bis hin zur jeweiligen Avantgarde.

Unter dem Druck von Digitalisierung und interdisziplinärer Problemlösung werden alter Fächerkanon wie altes Curriculum erodieren – selbst im trägen System Normal(hoch)schule. Im Zuge der Digitalisierung des Lernens an Normal(hoch)schulen entstehen wahrscheinlich auch durchtechnokratisierte Digital(hoch)schulen. Doch die Chance für den Sprung zur Wachstumsschule wird an diesem Scheidepunkt steigen.

Carol Dweck, Psychologie-Professorin an der Stanford University, hat die Theorie von Growth und Fixed Mindset begründet. Menschen mit einem Fixed Mindset glauben an festgefügte, einzementierte Charaktereigenschaften. Wer hingegen über ein Growth Mindset verfügt, ist so vehement an neuen Lösungen interessiert, dass die Bereitschaft zur Veränderung auch vor der eigenen Persönlichkeit nicht halt macht.

Situativ angewandtes Wissen

Wenn sich ein Growth Mindset erlernen lässt, dann hat das Folgen für die Organisation und Kultur von Bildungsprozessen. Wissen ist dann jederzeit aktualisierbar und temporär nützlich. Es wird situativ angewandt – ohne festgeschriebene Lösungswege und mit einer Fehlerkultur als Lernvoraussetzung.

Zum Beispiel in Maker-Garagen, die nicht nur technologisches Experimentieren ermöglichen, sondern zugleich künstlerisches und schauspielerisches Lernen gemeinsam mit anderen. Denn zum Lernprozess gehört auch, im Sozialgefüge mit der eigenen Gefühlswelt klarzukommen und sich in Gedanken, Gefühle und Werte anderer hineinversetzen zu können: Empathie.

An vom Growth Mindset geprägten Bildungsinstitutionen steht anstelle klassischer Fächer und Disziplinen problemlösendes, interdisziplinäres Erfahrungslernen im Vordergrund. Der Weg ist das Ziel, da Ziele, Berufsabschlüsse, Siege immer mit Verfallsdatum kommen. Sportlerinnen und Sportler kennen das Prinzip.

An Bildungsorten mit Growth Mindset geht es auch darum, digitale Lerncoaches zu nutzen und zu integrieren, die in der Interaktion mit Lernenden Geschwindigkeit, Herangehensweise und Aufgabenkomplexität maßgeschneidert anpassen. Solche digitalen Assistenten können längst mehr als Siri und Alexa. Sie ähneln eher dem neuen Google-Prototypen, der als Roboterkellner in Restaurants bereits mit jeder denkbaren Lebensmittelunverträglichkeit zurechtkommt. Der nächste Evolutionsschritt werden digitale Coaches sein, die selbst ohne explizit gestellte Fragen die richtigen Informationen liefern.

Kooperationsgebot statt -verbot

Die neuen Jobs wachsen derweil längst heran. Einige nennt die kanadische Studie „Inspired Minds. Jobs of 2030“, etwa das Berufsbild Roboterberater: sie oder er wird Verbrauchern helfen, den richtigen Roboter für die eigenen vier Wände einzurichten. Abfalldesigner werden aus Abfällen hochwertige Produkte fertigen, urbane Landwirte Stadtfarmen beackern. Identitätsmanager werden ihre Kunden bei Entwicklung, Aufbau und Schutz von virtuellen Identitäten unterstützen.

Diesen und vielen weiteren Berufen der Zukunft ist eines gemeinsam: sie erfordern Feingefühl, Empathie, kreative Intelligenz sowie oft Fingerfertigkeit. Denn Roboter werden, wenn überhaupt, soziale Kompetenz und Feinmotorik als Allerletztes lernen.

Welche robusten Schritte muss Deutschland jetzt zuerst gehen? Aus unserer Sicht mindestens vier:

  1. Wir müssen das grundgesetzliche Kooperationsverbot in Bildungsfragen zwischen Bund und Ländern wandeln in ein Kooperationgebot. Daneben brauchen wir in den Ländern Schul- und Hochschulfreiheitsgesetze mit Handlungsspielraum vor Ort in finanziellen und personellen Fragen sowie bei Stoff und Curriculum.
  2. Quer durch Deutschland müssen wir an vielen hunderten Schulen und Hochschulen Maker Spaces errichten als Prototypen neuer Lernkultur.
  3. Dieses Land braucht einen Digitalpakt 2.0 für Schulen sowie einen Digitalpakt für Hochschulen mit Fokus nicht nur auf IT-Qualitätssicherung durch IT-Koordinatoren und Digitalisierung zeitraubender Verwaltungsabläufe, sondern vor allem mit Blick auf die Entwicklung tutorieller digitaler Assistenzsysteme.
  4. Aus- und Fortbildung von Lehrenden an Schulen und Hochschulen braucht ein radikales Update. Aus Vermittlern von Vorratswissen sollen pädagogisch wie digital kompetente Lerndesigner und -prozessbegleiter werden.

Wir müssen die Gelegenheit beim Schopf packen und zurückkehren zum Humboldt’schen Bildungsideal. Allerdings in einer Version Humboldt 2.0, die durch digital gestützten, zeit- und ortsunabhängigen Wissensserwerb Bildungsorte wieder zu Agorai erwachsen lässt mit Freiraum für Reflexion, Vernetzung, Perspektivenwechsel und neue Lösungen.

Thomas Sattelbergerist FDP-Bundestagsabgeordneter. Er ist Fraktionssprecher für Innovation, Bildung und Forschung. Zuvor war Sattelberger Vorstand und Arbeitsdirektor der Deutschen Telekom.Sven Gábor Jánszkyist Zukunftsforscher und Geschäftsführer der 2b AHEAD ThinkTank GmbH


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