Zoom-Kündigung „Im schlimmsten Fall eine Live-Schalte ins Kinderzimmer“

Per Zoom-Call möchte wohl niemand von seiner Entlassung erfahren
Per Zoom-Call möchte wohl niemand von seiner Entlassung erfahren
© MASKOT / IMAGO
In den USA hat ein Chef auf einen Schlag 900 Mitarbeiter per Zoom-Call entlassen. Leider kein Einzelfall: Viele Führungskräfte tun sich besonders schwer mit Kündigungen. Ein Gespräch über eine gelungene Trennung – und eine Anleitung in fünf Schritten

Schlechtes Beispiel mit weltweiter Wirkung: Der Chef der amerikanischen Kreditplattform Better.com hat in einem einzigen Zoom-Meeting 900 Mitarbeiter gefeuert. Seither macht die Entlassung und vor allem ihr Stil im Netz die Runde. Doch dass Unternehmen in Pandemiezeiten digital kündigen, ist kein Einzelfall.

Die E-Scooter-Firma Bird aus Kalifornien setzte im März 2020 insgesamt 400 Mitarbeiter vor die Tür – und teilte das ebenfalls in einem Videoanruf mit. Ohne Bild, nur mit Ton. Auch hierzulande gebe es immer häufiger Firmen, die mit dem Gedanken einer Kündigung auf digitalem Wege spielen, sagt Bernd Fricke von der Personal- und Managementberatung Kienbaum. Fricke und seine Kollegen haben für eine Studie 262 Führungskräfte unter anderem dazu befragt , wie sie auf Trennungsgespräche vorbereitet werden.

Capital: Herr Fricke, welche Note geben Sie dem Chef von Better.com für seine Art zu kündigen?

Bernd Fricke: Sowas ist absolut nicht nachahmenswert. Ob das jetzt mehrere hundert Mitarbeiter sind oder eine Einzelperson, spielt gar keine so große Rolle. Es ist falsch, über Medien wie Zoom, Teams oder sonstige Videokonferenzen eine Trennungsbotschaft zu übermitteln. Während des Lockdowns wurden wir tatsächlich von Unternehmen des Öfteren gefragt: Kann man Trennungen über eine Videokonferenz übermitteln? Geht das? Es geht nicht. Davon ist dringend abzuraten. Im schlimmsten Fall haben Sie eine Live-Schalte direkt ins Kinderzimmer, wenn jemand im Homeoffice arbeitet. Das ist natürlich der absolute Super-Gau. Und deshalb die ganz klare Empfehlung: Wann immer nur möglich sollten Trennungsbotschaften persönlich übermittelt werden.

Das klingt nach einer glatten Sechs...

...ja.

Ist so eine missglückte Kündigung überhaupt zu retten?

Wenn einmal der falsche Weg eingeschlagen wurde, dann ist es eigentlich nicht mehr zu retten. Da gibt es auch kein Zurück mehr.

Warum gehen Firmen unprofessionell und stümperhaft mit Entlassungen um?

Das hat was damit zu tun, dass Menschen im Unternehmen gewohnt sind, auf rein rationaler Ebene zu agieren. Da geht es um Umsatz und Geschäftszahlen, da geht es auch viel um Taktik. Und eine Trennung ist ja eine sehr emotionale Angelegenheit. Da tun sich viele schwer. Ein Grund ist auch, dass man mit Trennungen keine Lorbeeren ernten kann. In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass etwa 60 Prozent der Führungskräfte, die Trennungen durchführen müssen, gar nicht darauf vorbereitet werden. Und das hat natürlich ganz massive Auswirkungen auf die Qualität der Gespräche. Der häufigste Fehler im Trennungsgespräch ist, wenn es der Chef oder die Chefin vermeintlich gut meint – so widersprüchlich es zunächst klingt. Da kommen dann Aussagen wie „Es ist ja nicht meine Entscheidung“, „Schauen wir mal, ob wir noch was tun können“ oder „Wird schon irgendwie“. Das mag gut gemeint sein, hat aber in der Regel ganz fatale Auswirkungen. Menschen schöpfen dann Hoffnungen, die am Ende doch umso schlimmer enttäuscht werden.

Das heißt, Führungskräfte halten solche Gespräch nicht aus?

Genau. Menschen können Gesprächspausen oftmals nicht aushalten. Wenn Sie eine Trennungsbotschaft übermitteln, ist der Betroffene oft erst einmal entsetzt. Er schweigt, kann es nicht fassen, es entsteht eine Gesprächspause. Beim Kündigungsgespräch versuchen viele Chefs, diesen Raum irgendwie zu füllen, indem Sie sich in weiteren Argumenten verstricken oder sich quasi entschuldigen. Das kann nur schiefgehen.

Kündigen alle Führungskräfte so schlecht?

Nein, es gibt durchaus gute Beispiele. Gut läuft es insbesondere dann, wenn Trennungsgespräche gut vorbereitet werden. Vorgesetzte sind sich oft der Tragweite gar nicht bewusst. Wenn man sich von einem Mitarbeiter trennt, dann denken viele: Mit dem habe ich nichts mehr zu tun, also muss ich mich auch nicht vorbereiten. In ein Rekrutierungsgespräch wird mehr Zeit investiert. Dabei ist die Tragweite von Trennungsgesprächen größer. In der Studie kam heraus, dass 60 Prozent der befragten Unternehmen sich vorstellen können, dass entlassene Mitarbeiter zukünftige Kunden oder Lieferanten sein können. 30 Prozent haben der Aussage zugestimmt, dass Mitarbeiter, von denen man sich getrennt hat, zukünftige Kandidaten für eine Wiedereinstellung sein können. Das zeigt, dass eine Vorbereitung des Trennungsgesprächs enorm wichtig ist.

Welchen Imageschaden riskiert die Firma, wenn ihre Führungskräfte unangemessen kündigen?

Bestes Beispiel ist ja die Kündigung in den USA, die jetzt durchs Netz geht. Da sprechen alle drüber. Überlegen Sie sich mal, welche Auswirkungen das nun auf den Arbeitgeber hat. Ich denke, das Unternehmen wird erhebliche Schwierigkeiten haben, neue Leute zu rekrutieren. Die Arbeitgebermarke wird einigen Schaden haben und es werden vielleicht auch Kunden abspringen. An dem Beispiel kann man sehen, dass es sehr nachhaltige und sehr nachteilige Auswirkungen haben kann. Gerade jetzt, wo wir einen Fachkräftemangel durch den demografischen Wandel und strukturelle Veränderungen haben, wie etwa die E-Mobilität oder die Energiewende. Da sind neue und andere Qualifikationen am Markt gefragt. Gleichzeitig muss man sich in vielen Fällen auch von anderen Qualifikationen trennen, von Menschen, von Positionen, wenn man sie nicht weiterentwickeln kann. Es ist aktuell eine besondere Herausforderung für Unternehmen, gleichzeitig zu rekrutieren und sich auch professionell zu trennen. Das eine hängt mit dem anderen zusammen.

Was ist mit den rechtlichen und finanziellen Schäden?

Eine missglückte Trennung kann sehr teuer für Unternehmen werden. Die entlassene Person kann unter Umständen eine höhere Abfindung fordern. Außerdem kann eine Verhandlung etwa über einen Aufhebungsvertrag sehr viel länger dauern. Wenn betroffene Mitarbeiter anfangen, um ihren Job zu kämpfen, kann sich auch ein Rechtsstreit anbahnen.

Wie trennt man sich am besten? Haben Sie eine Anleitung parat?

Punkt eins ist eine innere, wertschätzende Haltung gegenüber den Betroffenen aufzubauen. Das zweite ist, damit einhergehend, eine gute Vorbereitung des Trennungsgesprächs. Was hat im Vorfeld stattgefunden? Gab es Feedbackgespräche, die herangezogen werden können? Das dritte wichtige Thema ist: eine ganz klare Botschaft zu senden und eine Trennungsbegründung, die vom Betroffenen akzeptiert werden kann. Sie darf nicht emotional oder persönlich sein. Es sollte um die Position gehen, nicht um die Person. Punkt vier ist, sich vorab bewusst zu werden, welche Reaktionen kommen könnten und zu überlegen, wie man als Führungskraft damit umgeht. Der letzte Punkt ist entscheidend: Sie müssen erklären, wie es weiter geht und ganz klare Meilensteine definieren. Also zum Beispiel die Aussage: „Wir treffen uns nächste Woche Dienstag, 14 Uhr, und besprechen die weiteren Details.“

Ist jemand nur eine gute Führungskraft, wenn er oder sie sich gut trennen kann?

Ja, authentische und gute, starke Führungskräfte trennen sich in der Regel auch sehr gut. Es zeigt eine grundsätzliche Führungsfähigkeit. Eine gute Führungskraft unterscheidet nicht zwischen Mitarbeitern, die Top-Performer sind, und Mitarbeitern, von denen man sich im schlimmsten Fall trennen muss. Die Führungskraft weiß in beiden Situationen die Kommunikation zu wählen und die Wertschätzung auszustrahlen, die der jeweiligen Situation angemessen ist. Führungskräfte, die selber unsicher sind oder die von der Entlassung nicht überzeugt sind, weil die Entscheidung zum Beispiel auf einer höheren Ebene getroffen wurde, kommen dann in eine schwierige Situation. Selbst wenn man also nicht so überzeugt ist, sollte man sich trotzdem eine Überzeugung erarbeiten. Das strahlt wirklich auf die Gesprächsatmosphäre ab und auf die Qualität der Trennungsbotschaft. In dem Moment, wo die Führungskraft unsicher ist, ist das ganze Gespräch sehr verunsichernd und endet oftmals darin, dass keine klaren Botschaften ausgesprochen werden.

Was macht eine Entlassung mit den verbleibenden Beschäftigten?

Es gibt ja dieses Sprichwort: Bei Trennungen zeigen Unternehmen ihr wahres Gesicht. Das ist häufig auch so. Trennungen haben eine enorme Tragweite, auch ins Unternehmen hinein. Kollegen schauen schon sehr genau hin, wie man mit betroffenen Mitarbeitern umgeht. Wenn Trennungen nicht gut laufen, können sie sogar eine ungewünschte Fluktuation auslösen. Manche Mitarbeiter sagen sich vielleicht: In einem Unternehmen, wo man so miteinander umgeht, will ich wirklich nicht arbeiten. Positiv betrachtet kann ein Unternehmen natürlich auch zeigen, dass es auf ein wertschätzendes Klima setzt und für eine fürsorgliche Unternehmenskultur steht. Beispielsweise durch eine gute Karriereberatung, die entlassene Mitarbeiter dabei unterstützen kann, woanders einen guten neuen Job zu bekommen.

Sehen Sie eine Lernkurve bei den Firmen ?

Etwa 60 Prozent und damit die Mehrheit der Führungskräfte werden nicht auf Trennungsgespräche vorbereitet. Das ist nach wie vor so. Bei unserer letzten Erhebung 2016 waren es 67 Prozent. Unternehmen geben sich also schon mehr Mühe, aber es ist nach wie vor ein eher geringer Teil, der auf diese Aufgabe vorbereitet wird. Ich kann Unternehmen nur empfehlen, sich auf Trennungsgespräche vorzubereiten. Da ist die Personalabteilung gefordert, aber auch externe Trainer und Coaches. Man kann mit der Führungskraft zum Beispiel eine Art Sprechzettel erarbeiten. Es ist auch durchaus empfehlenswert, das auch mal in einem Rollenspiel zu probieren.


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