DebatteApple zieht nach - aber auch vorbei?

Apples Smartwatch
Apple-Watch: Zu sehen waren nur Prototypen
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Neue iPhones, ein Bezahlsystem, die lang erwartete Smartwatch und eine neue Version des iOS-Betriebssystems – das sind die Highlights von Apples Neuigkeitenshow. Wie immer wurde das Ereignis von den Fans sehnsüchtig erwartet und wie fast immer sind sich die Kommentatoren uneins, ob die neuen Produkte einschlagen werden. Apple-Chef Tim Cook hat das geliefert, was von ihm erwartet worden war. Nimmt man die Reaktion der Börse zum Maßstab, war das wohl zu wenig: Die Aktie des Computerkonzerns rutschte nach einer Berg- und Talfahrt ins Minus.

Vielleicht lag es daran, dass Cook bei der Vorstellung der iWatch einiges schuldig blieb, zum Beispiel den genauen Zeitpunkt der Markteinführung oder die Laufzeit des Akkus. Johannes Kuhn, der für die „Süddeutsche Zeitung“ von dem Ereignis berichtete, zeigte sich wenig angetan von den Prototypen, die in Cupertino präsentiert wurden: Die Steuerung sei kompliziert und der Zoom in die unterschiedlichen Anwendungen wirke nicht überzeugend und vor allem kleinteilig. Apple-Mitarbeiter „priesen die Möglichkeit an, anderen Besitzern der Uhr seinen Herzschlag oder kleine Zeichnungen zu schicken. Das wirkt in der Praxis nett umgesetzt, allerdings für Nutzer jenseits des Teenager-Alters ziemlich sinnfrei.“

Michael Spehr sieht das auf Faz.net völlig anders: Die Apple-Watch unterscheide sich „fundamental von den aktuellen Modellen à la Android Wear oder Pebble. Die Apple Watch verhält sich wie ein Smartphone am Handgelenk. Sie kann viel mehr – und sie bringt deshalb echten Mehrwert, das ist das Versprechen und der Clou“. Und auch die späte Markteinführung wertet er als geschickten Schachzug: „Mit der Vorführung in Amerika werden schon jetzt Begehrlichkeiten und Leidenschaften geweckt. Die Konkurrenz sieht blass aus.“

„nur ein Schmankerl für die eigene Kundschaft“

Dan Gallagher vom Wall Street Journal ist weniger optimistisch. Die Marktchancen der Uhr seien schwer einzuschätzen: „…im Gegensatz zu früheren Apple-Geräten, die ganz neue Produktkategorien einläuteten, ist die Apple-Uhr letztlich nur ein Schmankerl für die eigene Kundschaft“. Es werde schwierig den Erfolg des iPad zu wiederholen: „55 Millionen Apple-Uhren müssten für einen Preis von 349 Dollar verkauft werden, um auf 10 Prozent des Gesamtumsatzes für das Fiskaljahr 2015 von geschätzten 197,4 Milliarden Dollar zu kommen. Das ist selbst für Apple eine große Herausforderung.“

iPhone 6
Hoffnungsträger: Neue iPhone-Modelle
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Für Jay Yarow spielt die Apple-Uhr nicht die zentrale Rolle bei den Produktneuheiten: „Here’s what you need to know about Apple’s mega event: The iPhone line looks great, and that’s all that matters“, schreibt er auf Businessinsider. „Apple is the iPhone company. It gets 53% of its revenue and ~70% of its profits from the iPhone. As long as Apple can keep iPhone sales chugging, it’s going to keep doing well.“ Mit dem iPhone 6 und dem iPhone 6 Plus habe Apple für jeden Bedarf ein Gerät im Angebot. Die neuen Modelle haben größere Displays wie die Android-Konkurrenz von Samsung, Sony oder HTC. Laut Yarow entzieht sich Apple mit den neuen teureren Modellen auch dem Druck auf die Margen: „Apple has managed to raise the price of the iPhone with the iPhone 6 Plus. This is going to boost Apple’s sales and margins. Or, at minimum, this price increase will offset any margin pressure if the 5C sells really well.“

Chance für „Apple Pay“?

Große Hoffnungen verbinden sich auch mit dem Bezahlsystem, das Tim Cook ebenfalls vorstellte. Die Technik ist zwar nicht neu, doch erst mit Apple könnte der Erfolg kommen, denn iPhone-Nutzer geben eher Geld aus als die Besitzer eines Smartphones mit Googles Android-Betriebssystem. Außerdem sucht der Computerkonzern den Schulterschluss mit der Finanzwirtschaft, um das System zu etablieren. Ob damit aber die Kreditkarte über kurz oder lang verschwinden wird, muss sich erst weisen.

Patrick Bernau sieht auf Faz.net durchaus Chancen für „Apple Pay“: „Bei mittleren und großen Beträgen, die heute schon oft mit Karte gezahlt werden, hat das Zahlen im Vorbeiziehen jetzt deutlich größere Chancen. Vielleicht profitieren sogar die Besitzer von Google-Handys von dem Apple-Vorstoß. Wenn die Läden sich nun schon mal Bezahlchips ins Haus holen, dann ist die Chance größer, dass sie Googles Bezahlsystem mit akzeptieren.“

Bei den Neuigkeiten dürfte vielen entgangen sein, dass Apple offensichtlich auch eine Produktkategorie einstellt. Der iPod Classic, das letzte Musikabspielgerät mit Festplatte, sei aus Apples Online-Laden verschwunden, schreibt Heise Online. Mit einem Festplatten-iPod begann 2001 der Aufstieg des Konzerns. Die Geräte revolutionierten den Musikmarkt.