InterviewAlbert Wenger: „Brauchen wir überhaupt Firmen?“

Albert Wenger ist Managing Partner Union Square Ventures
Albert Wenger ist Managing Partner Union Square Ventures dpa


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.



Was hält Sie nachts wach? Was interessiert Sie oder fordert Sie heraus?

Was mich durchgehend beschäftigt, das ist die Frage, wie wir als Menschheit den Wandel vom Industrie- zum Informationszeitalter bewältigen. Wir haben das Industriezeitalter durch günstige Kredite der Zentralbanken künstlich abgestützt, durch eine sogenannte quantitative Lockerung. Wir tun dies, statt herauszufinden, wie wir mit den großartigen Optionen, die uns die digitale Technologie bietet, einen neuen Gesellschaftsvertrag kreieren, der uns in das Wissenszeitalter führt. Ich fürchte, dieser Übergang wird umso schlechter geraten, je länger wir damit warten. Es wird da all diese aufgestaute Angst und Besorgnis geben. Wir tun weiterhin so, als geschähe dies nicht und als könnten wir das Industriezeitalter reparieren. Je länger wir nur heucheln, desto schlechter wird der Übergang verlaufen.

Was ist in diesem Kontext die größte Herausforderung? Warum sind wir diesem Wandel bisher nicht gewachsen?

Das größte Problem liegt darin, dass die politisch Verantwortlichen weltweit nicht wirklich verstehen, was digitale Technologie ist. Sie betrachten digitale Technologie als eine schlichte Fortführung von Maschinen des Industriezeitalters. Sie sehen Computer nur als eine andere Art von Maschinen und sie verstehen diese nicht als eine Technologie, die sich in zweierlei Hinsicht fundamental unterscheidet: Zum einen bringt digitale Technologie überhaupt keine marginalen Kosten mit sich. Sobald etwas erst einmal in digitaler Form vorliegt, kostet die Herstellung einer zusätzlichen Kopie gar nichts mehr. Und zum anderen ist da etwas, das ich einmal Universalität nennen möchte. Was auch immer sich berechnen oder programmieren lässt, das kann von einem digitalen Apparat berechnet oder programmiert werden. Diese zwei Charakteristika stellen grundlegende Unterschiede zu früheren Technologien dar. Somit können wir nun Dinge tun, die zuvor noch unmöglich waren. Und daher sollten wir schauen, wie wir die Gesellschaft reorganisieren können – etwa durch Dinge wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, kostenlose Informationsquellen à la Wikipedia, die Khan Academy etc. Wenn wir das hinbekommen, dann können wir mehr Zeit den eigentlich wichtigen Dingen widmen, also unseren Freunden und der Familie, unserem Sinn des Lebens, den großen Problemen, wie etwa dem Klimawandel, und den großen Möglichkeiten, zum Beispiel Reisen ins All. Das alles können wir tun, statt Zeit für die Fragen aufzuwenden, wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen, wie wir unser Einkommen erhöhen oder wie wir mehr Zeug kaufen können als unser Nachbar.

Von welchem Unternehmen können wir am meisten lernen und warum?

Das, wovon wir im Moment am meisten lernen können und was am aufregendsten ist, ist kein Unternehmen: Was geschieht gerade in Sachen Blockchain-Technologie und dezentralisierte Systeme wie Bitcoin oder Ethereum? Menschen entwickeln Protokolle, die nun Aktivitäten in dezentralisierter Form ermöglichen, die zuvor zentralisierte Systeme benötigten. Alle großen, heute über das Internet erreichbaren Systeme wie Facebook, Amazon und Google sind zentralisiert. Die neuen Protokolle sollen das ändern. Und natürlich gibt es stets kolossale Fehlschläge, wenn man etwas völlig Neues versucht. So gab es etwa die DAO (Dezentralisierte Autonome Organisation), die als ein dezentralisierter Venture Capital Fonds angekündigt worden war, sich aber schließlich als fehlerhaft herausstellte. Anleger haben viel Geld verloren, und das System wurde schließlich noch einmal nachjustiert. Dennoch denke ich, dass dies das Gebiet ist, auf dem wir am meisten lernen können.

Ein CEO, der sich nicht wirklich für die Zukunft interessiert, ist kein CEO, sondern nur ein Verwalter der Vergangenheit.

Albert Wenger

Was Blockchains ermöglichen, das ist die Aufrechterhaltung konsistenter Daten ohne die Notwendigkeit eines zentralen Unternehmensinhabers. Facebook etwa ist eine gigantische Database von Nutzernamen, Listen von Freunden und Status-Updates. Und der Grund, warum Facebook 500 Mrd. Dollar wert ist, liegt darin, dass Facebook die gesamte Database besitzt und ganz allein darüber entscheidet, wer was wann sehen kann. Mit der Blockchain werden wir hingegen dazu in der Lage sein, Systeme wie Facebook zu entwickeln, die sich dann nicht im Besitz eines einzelnen, sie betreibenden Unternehmens befinden. Das ist eine fundamentale Neuerung und vermutlich der größte Durchbruch im Bereich der Organisation menschlicher Aktivitäten seit der Erfindung der Firma.

Wer sollte in Firmen für die Zukunftsplanung zuständig sein?

Es sollte mit dem CEO beginnen. Wenn der CEO keine klare Vorstellung von der Zukunft hat, wie sollte er oder sie dann heute bereits gute Entscheidungen treffen? Entscheidungen wie etwa jene über die Verteilung der Ressourcen oder die Fragen, wo bisherige Aktivitäten beendet, neue dafür initiiert werden sollten etc. Man kann die Planung der Zukunft nicht einfach einer Innovationsabteilung überlassen. Dies ist es jedoch genau, was viele große Unternehmen zu tun versuchen. Das ist Dekoration statt Substanz. Ein CEO, der sich nicht wirklich für die Zukunft interessiert, ist kein CEO, sondern nur ein Verwalter der Vergangenheit.