Wir machen was „Wir wollen Chaos beseitigen“

Wir machen was: Heatmap: Diese symbolische Übersichtskarte aus der Testphase der Notfall-App "UGT Request" zeigt, wie der Bedarf an Hilfsgütern angezeigt werden kann
Heatmap: Diese symbolische Übersichtskarte aus der Testphase der Notfall-App "UGT Request" zeigt, wie der Bedarf an Hilfsgütern angezeigt werden kann
Wolfgang Gründinger und Simon Harske arbeiten beim Solar-Start-up Enpal und sind an einem IT-Projekt beteiligt, dass die Hilfsaktionen in der Ukraine besser koordinieren will

Capital kürt jährlich die herausragenden Talente des Landes aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft – die „Top 40 unter 40“. Daraus ist ein Netzwerk aus über 1000 Mitgliedern entstanden. Viele dieser Entscheider haben nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine umgehend Initiativen gestartet: Sie helfen Menschen in der Ukraine vor Ort und auf der Flucht und sie positionieren sich gegen den Angriff des russischen Regimes. Capital stellt einige Top40-Akteure in der Serie „Wir machen was“ vor.

Capital: Herr Gründinger, Herr Harske, Sie arbeiten beide beim Solaranlagen-Start-up Enpal. Wie kam Ihr Engagement für ein Hilfsprojekt zustande?

SIMON HARSKE: Kurz nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine hatte ich in einem sozialen Netzwerk den Aufruf von einem Google-Produktmanager gesehen, der in München arbeitet. Er suchte Leute, die mit ihm zusammen überlegen, wie Hilfsaktionen durch IT-Lösungen unterstützt werden können. Ich habe mich gemeldet. Schon am ersten Tag haben sich rund 200 Leute an dem Projekt beteiligt, nach zwei Wochen waren es über 1000 Experten aus 70 Ländern. Darunter sind mehr als 100 Softwareentwickler.

WOLFGANG GRÜNDINGER: Simon hat auch bei uns im Unternehmen von der „Ukraine Global Taskforce“ erzählt und gefragt, wer noch mitmachen will. Simon ist an der Strategie- und Produktentwicklung der Taskforce beteiligt. Außerdem verantwortet er die Kommunikation nach innen und außen. Ich unterstütze ihn dabei, habe ihn mit weiteren Menschen vernetzt. Es ist beeindruckend und mitreißend, wie viel Energie alle da reinstecken, und was innerhalb weniger Tage entsteht. Unsere Geschäftsführung hat Simon volle Rückendeckung und Freiraum gegeben, obwohl er intern für uns gerade auch an einem großen Projekt sitzt.

Was ist das Ziel dieses großen Projektteams?

Simon Harske, Head of Operations bei Enpal Montage
Simon Harske, Head of Operations bei Enpal Montage
© privat

Harske: Der Initiator, Google-Manager Gustavo Iwanaga, hatte schon in seinem Aufruf das Ziel formuliert, dass wir die humanitären Auswirkungen des Krieges minimieren wollen indem wir Hilfsorganisationen durch technische Lösungen unterstützen. Konkret heißt das: Wir wollen Excel-Listen überflüssig machen, Chaos beseitigen und Transparenz darüber schaffen, was die Menschen im Land wirklich brauchen. Helfer in der Ukraine haben uns berichtet, dass viele wichtige Informationen etwa zu benötigten Hilfsgütern tatsächlich in einzelnen Excel-Listen zusammengetragen werden.

Gründinger: Niemand hat offenbar den kompletten Überblick, wo gerade der größte Notstand ist, was gebraucht wird und wer schon Hilfe auf den Weg gebracht hat.

Und was entwickelt die Taskforce jetzt konkret?

Harske: Als erstes haben wir eine Art Notruf-App entwickelt. Diese „UGT Request“ ist sehr einfach aufgebaut, da können die Ukrainer, die in ihrem Land sind - in ihren Wohnungen, Verstecken oder auf der Flucht - melden, wo sie sind, wie viele Kinder und Erwachsene sie sind und was sie brauchen: Essen, Wasser, Babynahrung, Medikamente, Kleidung, Decken, Batterien und weiteres. Das kann innerhalb weniger Sekunden angekreuzt und abgesendet werden. Diese Anfragen laufen in einer zentralen Übersichtskarte bei uns zusammen, in einer sogenannten Heatmap.

Die Nofall-App von "UGT Request"
Die Nofall-App von "UGT Request"
© PR

Gründinger: Heatmap nennen das die Entwickler, weil tatsächlich wie bei Hitzegradabstufungen von rot über orange und gelb oder eben durch andere Visualisierungen auf einer Übersichtskarte angezeigt wird, wo gerade der größte Bedarf ist. Das ermöglicht einen schnellen Überblick und bessere Koordination der Hilfstransporte. Auf diese Heatmap bekommen Hilfsorganisationen Zugriff, die sich uns anschließen.

Und so etwas gibt es bislang noch nicht?

Harske: So eine App zur Bedarfsmeldung gibt es unseres Wissens und nach Auskunft der Helfer in den Krisenregionen offenbar noch nicht. Es gibt schon über 200 Datenbanken, die auch für Hilfsaktionen eingesetzt werden können. Das ist ein zersplittertes Überangebot an IT-Lösungen. Aber es gibt nicht die eine zentrale Software, in der alles zusammengeführt wird und die von allen genutzt wird. Dabei hätte so etwas wirklich Relevanz und Auswirkungen auf die Arbeit der Hilfsorganisationen. Meiner Meinung nach könnten da auch mehrere Projekte kollaborieren, um künftig die eine große Lösung anzubieten.

Birgt so eine App nicht auch das Risiko, das die Informationen über Menschen in Not in falsche Hände kommen, missbraucht und im Krieg auch zum Ziel von Angriffen werden können?  

Harske: Die Datenbank mit den Informationen der Nutzer und die Heatmap-Anwendungen sind technologisch getrennt. Wir haben Cybersecurity-Experten, die von vornherein die Sicherheitsarchitektur aufgebaut haben. Zugriff auf die Heatmap bekommen nur die Organisationen, die mit uns zusammenarbeiten und dafür einen professionellen Prozess durchlaufen müssen.  

Voraussetzung für den Erfolg dieser Technologie ist, dass sie sich rasch bei Nutzern verbreitet. Wie soll das mitten im Kriegsgeschehen funktionieren?

Harske: Wir haben zwei Wochen für die Entwicklung und Testphasen gebraucht. Seit Anfang dieser Woche sind wir live und haben umgehend die ersten Meldungen reinbekommen. Jetzt sind wir natürlich darauf angewiesen, dass es sich rumspricht und die Menschen von dem Nutzen überzeugt werden. Das läuft im ersten Schritt über die Helfer in den Distributionszentren, die in Kiew und an weiteren Standorten im ganzen Land, Kontakt zu den Einheimischen haben. Und über die 115 Ukrainerinnen und Ukrainer, die bei unserer Initiative mitarbeiten.

Wolfgang Gründinger, Chief Evangelist bei Enpal
Wolfgang Gründinger, Chief Evangelist bei Enpal
© privat

Gründinger: Wir haben zudem bereits viele private Netzwerke aktiviert, über die wir Ukrainerinnen und Ukrainer erreichen vor allem auch über Telegram, dem von vielen bevorzugten Nachrichtenkanal. Wir werden die Öffentlichkeitsarbeit jetzt über die international verstreuten Mitglieder der Taskforce ausrollen und zunächst rund 100 Hilfsorganisationen kontaktieren. Wir versuchen auch Kontakt zur ukrainischen Regierung aufzunehmen, die für das Vertrauen und die Nutzung einer solchen Lösung in der Bevölkerung werben kann.

Und wie geht es weiter?

Harske: Wir werden die App Schritt für Schritt verbessern und ausbauen. Bislang sammeln und lokalisieren wir die Bedarfsmeldungen. Als nächstes wollen wir Rückmeldungen und Aktionen der Hilfsorganisationen anzeigen und koordinieren. Angesichts der großen Flüchtlingsströme überlegen wir zudem, die App auch in den Nachbarländern freizuschalten.

Gründinger: Diese gerade erst so lose gestartete Taskforce hat jetzt zudem eine Rechtsform als Nicht-Regierungsorganisation (NGO) angemeldet. In Deutschland ist das leider auf die Schnelle nicht möglich gewesen, aber in der Schweiz ging es. Die NGO trägt den Namen „Stronger Global Taskforce“. Die soll dafür sorgen, dass ein Kernteam der über 1000 Helfer auch künftig weiter an dem Projekt arbeitet.

Wolfgang Gründinger, 37, ist Lobbyist und Publizist und derzeit als sogenannter Chief Evangelist beim Berliner Solar-Start-up Enpal tätig.

Simon Harske, 26, ist Head of Operations von Enpals Montagefirma, der Enpal Montage GmbH


Mehr zum Thema



Neueste Artikel