KolumneRenitente Energiepass-Verweigerer

Wärmebild eines Hauses
Wärmebild eines Hauses: Die Energieeffizienz spielt beim Immobilienkauf keine große Rolle – Foto: Getty Images

Susanne Osadnik ist freie Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt an dieser Stelle über ImmobilienthemenSusanne Osadnik ist freie Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt an dieser Stelle über den Markt für Immobilien


Fleißig, pünktlich, korrekt – ja, das passt zu uns. Aber renitent? Nein. So sind wir nicht. Oder doch? Renitenz ist nicht gerade eine herausragende Eigenschaft der Deutschen, aber manchmal überraschen wir uns selbst. Da gibt es seit knapp eineinhalb Jahren auch für private Immobilienbesitzer die Verpflichtung einen Energiepass ausstellen zu lassen, für jede Wohnung und jedes Haus, das vermietet oder verkauft werden soll. Also, spätestens bei Verkauf muss das Ding vorliegen.

Und was macht die Hälfte der Immobilienbesitzer hierzulande? Sie ignoriert diese Anordnung. Schon seit dem 1. Mai 2015 ist es laut Energiesparverordnung 2014 eine Ordnungswidrigkeit, eine Immobilienanzeige ohne die geforderten Energiekennwerte zu schalten. Sowohl Privatinserenten als auch Makler können mit einem Bußgeld in Höhe von bis zu 15.000 Euro belegt werden.

Na und – denken die braven Bundesbürger. Mir doch egal. Fast 50 Prozent aller Immobilienverkäufer, die sich an einen Makler wenden, besitzen immer noch keinen gültigen Energieausweis. Das hat kürzlich eine Studie der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) ergeben. Auch die Makler selbst haben zugegeben, es nicht ganz so genau zu nehmen mit der Einhaltung des Gesetzes. Jeder zehnte Befragte gab an, dass er den Ausweis meist erst zur Vertragsunterzeichnung vorzeigt – sechs Prozent standen dazu, den Energiepass ganz unter den Tisch fallen zu lassen.

Energiepässe bringen rein gar nichts

Was sagt uns das über die Deutschen und den Energiepass? Dass wir zu geizig sind – denn das Ausstellen eines solchen Ausweises kostet locker ein paar hundert Euro? Oder, dass wir keine Lust haben, schon wieder für etwas berappt zu werden, das keinen Mehrwert liefert, dafür aber ganzen Berufsgruppen wie Architekten, Ingenieuren oder staatlich anerkannten Technikern zu neuen Einnahmequellen verhilft? Vielleicht ist die Antwort aber schlicht und ergreifend: Diese vermeintlich wichtigen Zusatzinformationen interessieren uns nicht, weil sie rein gar nichts bringen.

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Wir erinnern uns: Mit dem Energiepass wollte die Bundesregierung den Energieverbrauch von Gebäuden transparent machen. Und hat gleich zwei Varianten kreiert: Beim sogenannten Bedarfsausweis errechnet ein Experte anhand der Gebäudedaten – Stärke der Dämmung, Effizienz der Heizungsanlage, Qualität der Fenster – wie hoch der Energieaufwand ist, um im Winter eine angenehme Innentemperatur zu halten. Weil das aufwändig ist, kostet der Spaß schon mal bis zu 500 Euro.

Günstiger ist der Verbrauchsausweis mit rund 100 Euro. Dabei wird der Mittelwert der Heizkostenabrechnung der vergangenen drei Jahre ins Kalkül gezogen. Billig, bringt aber nix, sagten Verbraucherschützer schon vor dessen Einführung. Stehen Wohnungen länger leer oder nutzte der vorherige Mieter sie nur am Wochenende, liegen die Heizkosten viel niedriger als bei einem Rentner, der den ganzen Tag daheim ist. Außerdem wird in größeren Miethäusern ohnehin der Durchschnittsverbrauch aller Wohnungen genommen. Also, wozu ein Ausweis mit hübschen bunten Farbtabellen, die mir nicht verraten, wie hoch wohl mein Verbrauch sein wird.

„Niemand will die Dinger sehen“

Wie lebensfremd der Pass in der professionellen Vermietungspraxis ist, bestätigen auch viele Makler. „Wir haben die Dinger bei uns liegen, aber sehen will sie niemand, höchstens mal ein Lehrer“, sagte mir kürzlich ein Hamburger Makler. Und wer ein altes Haus von älteren Herrschaften kaufe – aus den 50er oder 60er-Jahren – rechne ohnehin damit, mindestens die alte Heizung durch eine neue zu ersetzen. 

Auch das ergibt sich aus den jüngsten Kenntnissen einer Befragung der Nürtinger Immobilienexperten: Aus Sicht der Makler machen energetische Sanierungen vor dem Verkauf immer weniger Sinn. Zwar sind immer noch 47 Prozent der Makler davon überzeugt, dass sich ein hoher energetischer Objektzustand positiv auf den Verkaufspreis auswirkt, 2010 waren noch 60 Prozent dieser Meinung. Aber durch das geringe Angebot an verfügbaren Häusern und Wohnungen steigt bei den potenziellen Käufern die Bereitschaft, bei der Energieeffizienz Abstriche zu machen.

Vor allem bei Immobilien in Top-Lage spielt die Energieeffizienz als Vermarktungsfaktor so gut wie keine Rolle, wissen die Profis. Deshalb rät auch ein Viertel der befragten Makler von Sanierungen vor dem Hausverkauf ab. Ähnliches gilt auch für Neuvermietungen. Die Kosten für die Sanierungen können nur selten durch höhere Mieten kompensiert werden.