FondsWelche ETFs ins Depot gehören

Jahnstraße 114. Nicht gerade die beste Adresse von Düsseldorf. Das Rattern der Straßenbahnen schallt von der Kreuzung herüber, die Absperrung einer Baustelle ist umgerissen, am Gehsteigrand Sperrmüll. Schlichte, in die Jahre gekommene Mehrfamilienhäuser reihen sich aneinander. Bei Nummer 114 ist der Name des Vormieters auf dem obersten Klingelschild mit Tesafilm überklebt. JustETF steht da jetzt. Von hier aus soll der Angriff auf die europäische Vermögensverwaltungsbranche gestartet werden.

Petra Dentlinger, 31 und bis vor zwei Jahren Spezialistin für Währungsderivate bei der Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt – gleich um die Ecke an der Königsallee. Dominique Riedl, 33 und bis vor zwei Jahren Family-Office-Manager bei Flossbach von Storch in Köln, einem der derzeit erfolgreichsten Vermögensverwalter. Jetzt sitzen die beiden hier in ihrem nüchtern-zweckmäßig eingerichteten Büro und konzipieren und programmieren.

Ihr Slogan: „Nehmen Sie Ihre Finanzen jetzt selbst in die Hand!“ Sie bieten Do-it-yourself-Vermögensmanagement mit Musterportfolios auf Basis von Indexfonds, besser bekannt als ETFs, das Ganze auch als Abo. „Das ist die Zukunft“, sagt Riedl einfach nur. Bei der Bank müsse der Durchschnittsanleger viel zu hohe Gebühren zahlen. „Das zehrt am Ertrag.“ Faire Beratung bekomme er trotzdem nicht. Seit 2011 sind die Düsseldorfer am Markt, 10.000 User haben sie schon.

Anbieter wie JustETF (Dentlinger und Riedl sind nicht die einzigen, aber bei der Konkurrenz ist noch zu wenig spruchreif, als dass man hier Namen nennen könnte) betreiben nicht weniger als die Revolution in der Fondsbranche. Vor 20 Jahren erfanden ETFs den Investmentfonds in den USA neu. Die Produkte sind einfach eins zu eins an einen Index gekoppelt und schwanken mit dessen Wert-entwicklung automatisch. Auf jede Art von Management wie etwa Stockpicking wird verzichtet (weshalb auch vom passiven Investieren geredet wird). Damit kosten sie deutlich weniger als klassische Fonds.

Jetzt kommt Phase zwei: Online-Anbieter, die ETF-Portfolios zum Selbstbauen und automatischen Verwalten offerieren. Der Investor entscheidet sich für ein passendes Musterdepot, kauft oder lässt die Papiere via Internet kaufen und verwalten – ohne Bankberater. Alles ganz einfach, alles nach Schema F. Das kann jeder.

Für Capital-Leser hat Andreas Beck vom Institut für Vermögensaufbau drei günstige ETF-Portfolios entwickelt, die auf ihre jeweilige Laufzeit gerechnet allein aus Dividenden und Zinsen einen Kapitalerhalt garantieren. Und bei positiver Marktentwicklung sogar Gewinn machen.

Die ETF-Industrie boomt. Bei den „privaten Selbstentscheidern“ seien ETFs zwar das „am schnellsten wachsende Finanzprodukt“, sagt Michael Grüner, Vertriebschef beim globalen ETF-Marktführer iShares. Doch 70 bis 80 Prozent des Anlagevolumens, so vermutet er, entfallen immer noch auf Profiinvestoren. Sie schätzen nicht nur die geringen Kosten, sondern auch, dass ETFs transparenter und über die Börse handelbar, sprich flexibler sind. Seit 2008 steigen Zahl und Anlagevolumen deutlich an. 4800 Produkte weltweit sammelten bis Februar 2013 mehr als 2000 Mrd. Dollar ein. In Europa kommen rund 2100 Produkte auf 400 Mrd. Dollar.

Grenzen des Wachstums sind noch lange nicht in Sicht. Der ETF-Boom setzt die etablierte Fondsbranche mehr und mehr unter Druck. Zumal viele Manager trotz hoher Gebühren nur wenig Performance bringen. Riedls Ex-Chef Bert Flossbach, bullish, wie man ihn kennt, tönt: „Die Zukunft gehört den Passiven und wirklich Aktiven.“ Dazwischen sei nichts. In der Investmentwelt werde nur noch Platz sein für Manager, die ihre ¬Gebühr langfristig auch durch eine gute Wertentwicklung rechtfertigen. Oder eben für Passive mit ihren günstigen Produktlösungen.

Portfolioberater Beck geht noch einen Schritt weiter. Er gibt ETFs gleich ganz den Vorzug. Zum einen mit Blick auf die Gebühren der klassischen Fonds („Hohe Kosten sind langfristig ein entscheidender Renditekiller“). Zum anderen mit Blick auf das Risiko. Wie clever ein Fondsmanager auch sei, so Beck, das Risiko, Verluste zu erleiden, könne keiner vollständig ausschalten. „Je aktiver ein Fonds, desto größer das Managerrisiko.“ Bei ETFs existiere allein ein „Marktrisiko“. Weniger gehe an der Börse nicht. Die Zukunft gehört den Passiven.  

Jung und dynamisch

Dentlinger und Riedl wollen mitmischen beim Boom der ETF-Industrie – und das Geschäft noch einen Schritt weitertreiben. Ihr Vorbild: Wealthfront aus den USA, der Vorreiter, der erste Anbieter, der das profitable System der etablierten Asset-Manager aufgemischt hat.

Hinter der Firma steht kein ausgewiesener Vermögensberater, im Gegenteil. Wealthfront-Gründer Andy Rachleff war früher Wagniskapitalgeber im Silicon Valley, eigentlich wollte er sich als Dozent an der Stanford-Universität einen ruhigen Ausstieg aus dem Berufsleben gönnen.

Daraus wurde nichts. Es ärgerte ihn, dass die besten Investmentprodukte und Services nur Kunden mit viel Geld vorbehalten bleiben. Und dass kleinere Vermögen oder Menschen in der Ansparphase auch noch mindestens ein Prozent, für einzelne Fonds sogar mehr als zwei Prozent Gebühren im Jahr zahlen müssen.

Rachleff ließ Software-Algorithmen programmieren, setzt wie große Vermögensverwalter moderne Portfoliotheorie ein, um günstige ETF-Musterdepots individuell auf den Anleger zuschneiden zu können und zu managen – und bietet das Ganze auch noch als App fürs Smart¬phone. Genau das Richtige für eine technikverliebte Generation von Sparern.

Bis 25000 Euro Anlagesumme kostet die Wealthfront-Dienstleistung nichts. Danach nimmt Rachleff 0,25 Prozent des Depotbetrags, das ist wenig. Das Konzept geht auf. Das Investmentvolumen des Silicon-Valley-Veteranen wächst jeden Monat um mehr als 20 Prozent. Wealthfront – der Anfang einer neuen Generation technologiegetriebener Anlagehäuser.

Bei aller Ähnlichkeit – das Geschäftsmodell von JustETF funktioniert etwas anders als Wealthfront. Anleger finden kostenfrei Musterportfolios, die sie individuell anpassen können. Zusatzdienste wie das Rebalancing, also das Angleichen der Portfoliostruktur an stärkere Marktbewegungen, kosten als Premiumabo höchstens 14,90 Euro im Monat.

Einer, der auf JustETF kopiert wird: Martin Weber, Professor an der Uni Mannheim. Seinen Arero-ETF gibt es auf der Seite der Düsseldorfer zum Nach-bauen. Das Original sammelte bereits mehr als 250 Mio. Euro Anlagegelder ein wegen seiner erfolgreichen Mischung aus Aktien, Anleihen und Rohstoffen.

Weber ist kritisch, was die große Zahl verschiedener Musterportfolios angeht, wie JustETF sie anbietet: „Da ist viel Marketing dabei.“ Für Privatanleger reiche ein einfaches Musterportfolio, das über wenige Anlageklassen gestreut sei. „Grob über den Daumen gepeilt, sollte die gewählte Verteilung sich nicht zu sehr verschieben. Das funktioniert ganz gut.“

Komplexes Finetuning über Marktmodelle und Portfoliotheorien – der Professor sieht darin kaum Mehrwert: „So abstrus es klingt, mit Nichtstun fährt man häufig besser, als wenn hektisch gehandelt wird.“ Das müssten sich Privat¬an¬leger bewusst machen.

Musterportfolios auf ETF-Basis kann also jeder nachbauen und muss sie nicht ständig nachjustieren. Daher sind sie nicht nur für Selbstentscheider und klassische Direktbankkunden geeignet, sondern auch für weniger versierte Anleger.
Grenzen des Wachstums – nicht in Sicht. Grenzen des Internets dagegen schon. Riedl glaubt kaum, „dass ein paar Fragen im Internet die richtige Risikoneigung eines Anlegers ermitteln können“. Wer sich die Anlageentscheidung nicht zutraue, solle besser mit einem Finanzcoach sprechen und sich erst danach für ein Musterportfolio entscheiden. Das rät auch Portfolioexperte Beck.

Mittlerweile finanziert sich JustETF aus dem Umsatz. Doch die Firma soll weiter wachsen, europaweit – vielleicht auch mit einem Investor. Viel Zeit für Privates bleibt Dentlinger und Riedl nicht. Zum Glück haben sie es nicht weit nach Hause: Zwei Stockwerke über ihrem Büro ist die gemeinsame Wohnung.

Wie finde ich den richtigen Indexfonds?

1200 ETFs werden in Deutschland angeboten. Ein paar einfache Regeln helfen, das passende Produkt zu identifizieren.

Markt Als Erstes sollte sich jeder Anleger die Frage stellen, welche Asset-Klasse und welche Region er mit seinem ETF abdecken will. Es stehen Produkte auf Aktien, Renten, Rohstoffe oder etwa auch Währungen und Strategien zur Auswahl. Für ein Basisportfolio reichen zunächst ganz einfache Aktien- und Rentenfonds auf Regionen völlig aus.

Index Grundlage jedes ETFs ist ein Börsenindex. Wie er sich bei den zur Auswahl stehenden Produkten zusammensetzt, lässt sich leicht bei Emittenten und Börsen im Produktblatt nachlesen. Für Portfoliostarter gilt: Je einfacher, desto besser. Produkte, in deren Beschreibung Begriffe wie Leverage oder Short auftauchen, sind eher für Profis und passen nicht zu ¬einem Basisdepot. Hauseigene Indizes vom Asset-Manager sollten Privat¬anleger ebenfalls besser meiden.

Bauweise Es gibt zwei Grundarten von ETFs: Die sogenannten physisch replizierenden kaufen tatsächlich jede Aktie, die im zugrunde liegenden Index enthalten ist, und legen sie in den Fonds. Bei synthetischen ETFs wird über Derivate die Wertentwicklung des Index eingekauft. Das investierte Kapital fließt häufig in völlig andere Aktienkörbe, die als Sicherheit hinterlegt sind. Beide Verfahren sind ¬relativ transparent und sicher. Viele Anleger fühlen sich mit physisch-replizierenden Indexfonds wohler.

Größe Indexfonds für ein Basisdepot sollten mindestens drei Jahre am Markt sein, von einem renommierten Anbieter stammen und eine Mindestgröße von 100 Mio. Euro haben, damit sie dauerhaft handelbar sind. Innovative Indizes, die etwa über eine Gleichgewichtung aller Werte Marktverwerfungen auffangen wollen, sind zwar sinnvolle Neuerungen. Aber aktuell noch zu klein, als dass sie in ein Privatdepot gehörten.

Gebühren Wenn nur noch wenige Produkte zur Auswahl stehen, entscheidet als letztes Kriterium der Vergleich von Managementgebühren und Handelsspannen.