VersicherungWechselbad für Privatversicherte

Damit Privatversicherte nicht zum Notfall werden, sollen Tarifwechsel künftig erleichtert werden
Damit Privatversicherte nicht zum Notfall werden, sollen Tarifwechsel künftig erleichtert werden
© Johannes Mink

Britta Langenberg  schreibt hauptsächlich über Finanzthemen, insbesondere Vorsorge und Versicherungen.

Der Artikel erschien zuerst unter dem Titel „Wildwechsel“ in der Printausgabe 12/2014


Als Daniel Bahr am 3. November seinen Dienst antrat, strahlte die Fassade der Allianz in Unterföhring weiß vor blauem Himmel. München statt Berlin. Einen Tag vor seinem 38. Geburtstag startete der Ex-Banker, Ex-Parlamentarier und Ex-Gesundheitsminister Bahr seine nächste Karriere. Jetzt wacht er als Generalbevollmächtigter der Allianz Kranken über Vertrieb und Leistungs­management.

Bahr steigt in die private Krankenversicherung (PKV) zur geschäftigsten Zeit ein: Jahresendspurt im Vertrieb, Bilanzstichtag – noch vor der Verkündung von Beitragserhöhungen. Ab November versenden die meisten Krankenversicherer ihre Briefe mit „Beitragsanpassungen“, gemeint sind damit meist Preis­erhöhungen. Sie rüsten sich für die Konfrontation mit Kunden – und die ewige Frage: Wie komme ich von ­meiner hohen Prämie runter

In diesem Jahr bleiben die meisten Privatversicherten wohl von Prämiensprüngen von zehn Prozent und mehr verschont. Die Beiträge im Neugeschäft sind laut dem Analysehaus Morgen & Morgen bislang stabil oder steigen nur moderat. Das liegt vor allem an der Umstellung auf Unisex-Angebote, die die Branche vor zwei Jahren vollziehen musste.

Anders sieht es für diejenigen unter den 8,9 Millionen Kunden aus, die schon länger dabei sind. Bei vielen von ihnen summieren sich mittlerweile selbst übliche Beitragssteigerungen von vier bis fünf Prozent pro Jahr gewaltig. Wer einmal mit 300 Euro Monatsbeitrag gestartet ist, berappt nach 20 Jahren bis zu 796 Euro – unabhängig vom Einkommen. Zu viel für manchen.

„Die Richtung stimmt, aber der Schritt kommt Jahre zu spät“

Einen Tarifwechsel innerhalb der Gesellschaft, bei der Versicherte ihr Alterspolster mitnehmen dürfen, blockten viele Anbieter jedoch bisher ab. Auf Druck der Politik gelobt die Branche nun endlich Besserung: Sieben Leitlinien sollen einen „transparenten und kundenorientierten Tarifwechsel“ ermöglichen. So verpflichten sich die Unternehmen unter anderem dazu, Kunden auf günstigere Angebote hinzuweisen – allerdings erst ab 2016.

„Die Richtung stimmt, aber der Schritt kommt Jahre zu spät“, sagt Timo Voss vom Bund der Versicherten (BdV). Viel Neues bietet das Manifest ohnehin nicht: Das Kundenrecht auf einen Tarifwechsel bei der eigenen Gesellschaft ist seit 1996 gesetzlich verbrieft. Mehr als ein Jahr lang verhandelte die Branche über das leidige Thema. Heraus kam letztlich ein Bekenntnis zu geltendem Recht.

So wollen die 25 Unternehmen, die dem Sieben-Punkte-Plan des PKV-Verbands bislang beitraten, künftig individuell beraten und den „Bedarf und die Wünsche des Versicherten“ berücksichtigen. Das fordert längst das Gesetz. Überdies wollen sie einen verständlichen Überblick über „das gesamte Spek­trum“ an Tarif­alternativen aufzeigen – die Voraussetzung dafür, dass ­Kunden ihr Recht überhaupt wahrnehmen können.

Am Erfolg zweifeln Krankenversicherungsexperten schon heute. „Die Idee ist gut, aber in der Praxis kaum umzusetzen“, sagt Versicherungsberater Stefan Albers. Zu groß sei die Zahl der Tarife, zu unüberschaubar die Kombinationen. Wohl wahr. Morgen & Morgen zählt in seiner Rechensoftware marktweit rund 2 700 mögliche Tarifkombinationen. Wer soll da durchblicken? 

Viele große oder alte Gesellschaften wie Central, Gothaer oder Signal haben im Laufe der Jahre einen wahren Tarif-Irrgarten angelegt. Nahezu jede Fünfte muss inzwischen mehr als zehn Parallelangebote für Angestellte und Selbstständige managen, beim Kölner Marktriesen DKV sind es sogar 30.