GeldanlageWarum Venezuela-Anleihen hoch im Kurs stehen

Seit Wochen demonstrieren Venezolaner gegen die Regierung
Seit Wochen demonstrieren Venezolaner gegen die Regierungdpa

Die Lage in Venezuela bleibt unübersichtlich. Der Machtkampf zwischen Staatschef Nicolás Maduro und dem selbsternannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó dauert an, tausende Menschen gingen in den vergangenen Tagen für Neuwahlen auf die Straße. Am Donnerstag hat das EU-Parlament Guaidó als Interimspräsidenten anerkannt. Zuvor hatten die USA bereits denselben Schritt getan – und zudem Sanktionen gegen Venezuela verhängt, unter anderem gegen den staatlichen Ölkonzern PDVSA. Diese sollen in Kraft bleiben, bis das Land eine demokratisch gewählte Regierung hat.

Die Staatskrise in Venezuela kennt nicht nur Verlierer. Anleger, die venezolanische Staatsanleihen im Depot haben, freuen sich dieser Tage über massive Kursgewinne. Seit Jahresbeginn haben die Bonds des südamerikanischen Landes um rund 50 Prozent an Wert zugelegt. Damit stehen ihre Kurse auf dem höchsten Stand seit November 2017. Damals hatte Venezuelas Regierung aufgehört, ihre Anleihen zu bedienen. Zu den größten Profiteuren gehört die US-Investmentbank Goldman Sachs. Sie ist seit Ende 2017 einer der größten Gläubiger Venezuelas und hatte sich mit ihren damaligen Anleihe-Käufen den Vorwurf eingehandelt, die Regierung Maduro finanziell zu unterstützen.

Investoren spekulieren offensichtlich auf einen Regierungswechsel. Jean-Jacques Durand, Manager eines Schwellenländer-Anleihefonds bei Edmond de Rothschild Asset Management, sagt einen solchen Wechsel bereits seit mehr als einem Jahr voraus. Beruhigt sich die politische Lage, hat Venezuela dank seines Rohstoffreichtums Potenzial, ist er überzeugt. Venezolanische Staatsanleihen gehörten deshalb schon vor den jüngsten Unruhen zu den größten Positionen in seinem Fonds.

Hohe Ausfallrisiken

Vielen anderen Investoren, selbst gestandenen Profis, sind venezolanische Staatsanleihen dagegen zu riskant. Alexander Posthoff, Portfoliomanager beim Fondsanbieter Bantleon, weist darauf hin, dass der Handel mit Venezuela-Bonds wegen der US-Sanktionen auch in Europa quasi zum Erliegen gekommen ist. „Es gibt keine Möglichkeit mehr, die Papiere zu verkaufen“, sagt er. Darüber hinaus sei die Interessenlage im Land einigermaßen schwer zu durchschauen.

Maduro hatte angekündigt, die Staatsschulden neu strukturieren zu wollen. Dieses Vorhaben wird nun durch die US-Sanktionen gestört, die den Ölverkauf des Landes nahezu abwürgen. „Gleichzeitig wird die Regierung in Venezuela weiter destabilisiert, zugunsten der Opposition“, sagt Posthoff. Nach einem Machtwechsel könnte es mit der Restrukturierung womöglich sogar rascher vorangehen, dank eventueller Hilfe von Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Aktuell sollten sich Privatanleger aber der hohen Ausfallrisiken venezolanischer Anleihen bewusst sein und bedenken, dass sich die weitere Entwicklung im Land kaum vorhersagen lässt, mahnt der Bantleon-Experte.

Immerhin: Die Ansteckungsgefahr, die von Venezuela für den Rest der Region ausgeht, ist nach Einschätzung von Marktexperten gering. Unter allen Rentenmärkten der Schwellenländer habe sich Lateinamerika in den vergangenen drei Monaten am besten entwickelt, berichtet Cathy Hepworth, Co-Leiterin des Emerging-Markets-Anleiheteams beim Fondsanbieter PGIM Fixed Income. „Unser Ausblick für Brasilien ist optimistisch, weil wir eine lang erwartete Rentenreform für möglich halten“, sagt sie. Für Argentinien gibt sich Hepworth ebenfalls optimistisch, den laufenden Reformprozess bewertet sie positiv. Venezuela-Investoren könnte das zusätzliche Hoffnung geben: Auch Argentinien hat Gläubiger einst leer ausgehen lassen – und ist heute als Anleiheemittent wieder voll im Spiel.