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Daniel Saurenz Warum nicht jede Kritik am Tankrabatt stichhaltig ist

Tanken an einer Münchner Tankstelle
Der Tankrabatt bleibt ein Daueraufregerthema: Er hat nicht zu nachhaltig niedrigeren Spritpreisen geführt
© IMAGO / Wolfgang Maria Weber
Als Einheitsmeinung hat sich durchgesetzt, dass der Tankrabatt für Kraftstoff gescheitert ist. Doch nicht nur Saskia Esken oder Robert Habeck brauchen dringend eine Art Kurvendiskussion, denn manche Kritik geht an der Sache vorbei

Der vorläufige Höhepunkt allgemeiner Polemik war am zweiten Juni-Wochenende zu vernehmen. SPD-Chefin Saskia Esken dachte darüber nach, aufgrund mangelnder Preisgestaltung befristete Maßnahmen wie Sonntagsfahrverbote anzuordnen. Schon zuvor hatten sich Robert Habeck und viele andere Politiker pauschal negativ zur Umsetzung des Tankrabatts geäußert. Dabei soll es an dieser Stelle gar nicht darum gehen, dass die Minderung bei Diesel und Benzin eine denkbar unsinnige Maßnahme darstellt und den Bürgern besser geholfen wäre, man hätte ihnen ein paar Monate lang 100 oder 200 Euro aufs Konto gebucht. Simpel verrechnet über die Steuer beispielsweise.

Nein, der Tankrabatt ist eine unsinnige Idee. Doch dies allein macht nicht jede Kritik automatisch richtig. „Der Benzinpreis weist mit Steuerkomponente, Euro-Entwicklung und der Ölpreisentwicklung gleiche mehrere Einflussfaktoren auf“, meint Gil Shapira, Kapitalmarktexperte beim Broker Etoro. Und in der Tat genügt ein Blick auf die Terminkurven, beispielsweise bei der CME-Group in den USA, um die Terminkurve des Ölpreises vor Augen zu haben. Doch auch auf ganz kurze Sicht tut sich was und vor allem tat sich etwas Anfang Juni. Am 31. Mai lag der Brent-Preis im Tageshoch bei 125 US-Dollar. Am 1. Juni, dem Tag des Rabatts, lag der Preis dann bei im Tief 116 Dollar, um bis zum 10. Juni schon wieder auf 123 Dollar zu klettern. Somit geht es dann schon kumuliert um rund sieben Prozent negative Preisentwicklung, sprich kletternde Einkaufspreise, vom ersten bis zum 12. Juni. Dass der erste Juni ein Mittwoch gewesen ist und damit unmittelbar vor dem langen Pfingstwochenende und den Brückentagswochen lag, kommt erschwerend hinzu. Auch in normalen Jahren ohne Rabatt steigen die Preise üblicherweise dann an.

Denn um zu beurteilen, ob die Öl-Multis an ihren Tankstellen den Rabatt weitergeben, muss man sich mit mindestens zwei Dingen beschäftigen. Zum einen gehört der Vergleich des Ölpreises dazu, zum anderen wäre eben der Blick auf den Euro zum US-Dollar nicht schlecht. Denn der Tankrabatt wurde zum 1. Juni umgesetzt, dies war sozusagen der Stichtag. Zunächst ist die Betrachtung zum Euro-Dollar eine einfache. Vom 31. Mai bis zum 13. Juni hat sich der Euro zum US-Dollar im Wert um zwei Cent vermindert, von 1,073 ging es auf 1,053 Dollar abwärts. Am Rohstoffmarkt ist der Dollar eine wichtige Richtgröße, daher macht diese kleine Differenz schon einmal ein klein wenig aus – steigend vom 31. Mai bis 12. Juni wohlgemerkt.

Langfristig winkt ein anderer Rabatt

Dass der Tankrabatt generell eine ziemlich unsinnige Idee war, ist leicht zu verstehen. Beim Beschimpfen der Ölkonzerne sollte man aber differenzieren. Dass sie ihren Schnitt machen, scheint klar. Doch fachlich sauber sollte die Kritik doch sein und nicht pauschal die Preise zweier Kalendertage miteinander vergleichen. Feiertage, die Steuer, Einkaufspreise und Währungsschwankungen ergeben ein recht kompliziertes Gebilde.

Übrigens gibt es ein wenig Hoffnung auf die lange Sicht. „Der wahre Tankrabatt könnte nämlich die Terminkurve am Ölmarkt sein, die in der sogenannten Backwardation steckt. Dies ist die Preiskurve für die Zukunft und da ist der Preis für Brent kontinuierlich fallend und liegt in zwölf Monaten 20 Dollar tiefer“, sagt Franz-Georg Wenner von Indexradar. Aber ohnehin können jederzeit Verhandlungen der Amerikaner mit Venezuela, Saudi-Arabien oder sogar dem Iran für Bewegung sorgen und nicht zuletzt ist selbst im Ukrainekrieg eine andere Entwicklung möglich.

Ölpreise und Spritpreise an der Zapfsäule bleiben ein komplizierter Fall – mit oder ohne Rabatt. Und die Aktien der Ölkonzerne werden vom deutschen Tankrabatt ohnehin nicht beeinflusst. Die Charts am Börsenplatz Gettex der Münchner Börse zeigen sowohl Shell als auch Total seit 7. Juni im Korrekturmodus.  

Daniel Saurenz betreibt mit seinem Team das Börsenportal Feingold Research. Es bietet täglich einen Börsenbrief an, den Sie für 14 Tage kostenfrei testen können. Melden Sie sich unter info@feingold-research.com an oder probieren Sie den Börsendienst unter diesem Link aus. Trainingstage und Coachings finden Sie NEU unter feingold-academy.com


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