KolumneWarum Deutschland auf die Finanzbranche setzen sollte

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Einigermaßen verzweifelt versucht die Bundesregierung, Wege zur Einhaltung der selbstgesetzten Klimaziele zu finden. Diese Suche ist wertvoll, weil Dinge infrage gestellt werden, die in guten Zeiten nicht angetastet werden können. Indem die Klimaveränderung als Krise mit potentiell katastrophalem Ende dargestellt und behandelt wird, erhält eine diesbezügliche Veränderungsdynamik höhere Legitimation.

Politiker wissen allzu genau, dass große Veränderungen nur in Krisen möglich sind, denn dann verlangt das Wahlvolk Aktion und verleitet die Politik mitunter zu Aktionismus. Der Express-Atomausstieg nach dem Fukushima-Unfalls ist ein typisches Beispiel für politische Handlungsrituale in den westlichen Demokratien. Freilich können noch so wohlgemeinte Entscheidungen auch unerwartete Konsequenzen nach sich ziehen, was zum Beispiel an der seitherigen Strompreisentwicklung beobachtet werden kann.

Und ganz ähnlich könnte die traditionelle Branchenbedeutung in Deutschland durch die scheinbare Klimakrise durcheinandergeworfen werden. Es dämmert den Verantwortlichen bereits, dass die Bundesrepublik mit ihren starken Industriesäulen aus Automobil, Maschinenbau und Chemie strukturell ein Land mit hohem Energieverbrauch und CO2-Ausstoß pro Einwohner ist. Demgegenüber sind die Dienstleistungsbranchen eher klimafreundlich. Wie wäre es also, wenn die deutsche Politik einen ihrer Kardinalfehler der letzten 50 Jahre korrigierte und stärker auf Finanzdienstleistungen setzte. Dann dürften die Klimabesorgten laut jubeln und Deutschland könnte möglicherweise die Wohlstandslücke zu anderen Ländern etwas verringern.

Die Finanzbranche ist eine große Chance

Wir dürfen nicht vergessen, dass Länder mit einer starken Finanzmarktkultur stets auch Länder großen materiellen Wohlstandes sind. Die einwohnermäßig kleine Schweiz, deren Volkswohlstand uneinholbar weit vor demjenigen Deutschlands liegt, hat einen Aktienmarkt, der fast so groß ist wie der verkümmerte deutsche Aktienmarkt. Die klugen Schweizer haben gut daran getan, einen starken Finanzplatz aufzubauen und vor vielen Jahren eine dritte kapitalgedeckte Säule der Altersvorsorge einzuführen, die ihre Wohlstandsgewinne überwiegend aus der Wertschöpfung am Aktienmarkt bezieht. Besonders weise war es, Erträge aus Aktiengeschäften nicht doppelt beziehungsweise hoch zu besteuern, wie dies in Deutschland der Fall ist.

In Deutschland setzt man bekanntlich auf den Generationenvertrag, der allerdings aufgrund der gesellschaftlichen Überalterung vor dem Zusammenbruch steht. Vielleicht bietet die aktuelle Klimahysterie jedoch eine Gelegenheit dazu, endlich der klimafreundlichen Finanzbranche hierzulande Rückenwind zu verschaffen. Dafür spricht außerdem, dass Finanzprodukte angesichts der exorbitanten Regulierungsdichte im Gegensatz zu Industriewaren nicht von chinesischen Wettbewerbern substituiert werden können. Vor allem ernährt die Finanzbranche ein vielfältiges Ökosystem angrenzender Dienstleistungen mit gut bezahlten, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen.

Man kann sich über den Berliner Tiefschlaf nur wundern, den selbst die Jahrhundert-Chance Brexit nicht unterbricht. In dieser Zeit wäre nämlich eine wachstumsorientierte Finanzmarktentwicklung die richtige Antwort auf die Londoner Kapriolen. Im Übrigen täte man damit auch einen Schritt in Richtung Emanzipation von den USA, denn die Amerikaner dominieren seit Jahrzehnten die weltweiten Finanzmärkte. Allein ein Blick auf die Begriffe der Börse, Performance, Compliance, Exposure, IPO, ETF, Futures et cetera legt Zeugnis ab von dieser Dominanz. Nicht zuletzt diese Finanzmarktorientierung hat den Vereinigten Staaten die Transformation zur führenden Dienstleistungsnation geebnet.


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns