BörseVersicherungsaktien: Noch verlässliche Dividendentitel?

Die schweren Unwetter in Deutschland dürften Versicherer 2021 teuer zu stehen kommen. Anleger fragen sich jetzt, ob sich das auch bei den Versicherungsaktien bemerkbar macht
Die schweren Unwetter in Deutschland dürften Versicherer 2021 teuer zu stehen kommenIMAGO / Uta Wagner

Hitzewellen und Dürren genauso wie Starkregen und Schwergewitter: Der Klimawandel macht Wetterextreme und die damit verbundenen Naturkatastrophen immer wahrscheinlicher. Die verheerenden Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und anderen Teilen Deutschlands haben abermals verdeutlicht, welche Opfer die Klimakatastrophe fordert. Nebenbei dürften sich die Überschwemmungen laut erster Prognosen zu den teuersten Naturkatastrophen der vergangenen 20 Jahre einreihen.

Die Schadenssumme lässt sich noch nicht genau beziffern. Doch schon jetzt ist absehbar: Das Jahr 2021 kommt Deutschlands Versicherern teuer zu stehen. Allein im Juni dieses Jahres mussten sie für 1,7 Mrd. Euro an Schäden infolge von Starkregen und Hagel aufkommen. Im gesamten Jahr 2020 waren es 1,95 Mrd. Euro.

Wer sein Geld in Versicherungsaktien angelegt hat, wird sich nun fragen, wie lange die deutschen Versicherer bei solchen Schadensleistungen noch mithalten können. Ihre Papiere notierten bereits in den Tagen nach der Flutkatastrophe im Minus.

Zuverlässige Dividendenzahler

Versicherungsaktien spielen gerade in Zeiten des Nullzins in den Portfolios von Privatanlegern eine wichtige Rolle. Deutschlands Versicherer zählen nämlich seit Langem zu den zuverlässigsten Dividendenzahlern. Und im Gegensatz zu Banken waren sie nicht vom Dividendenstopp im Coronajahr betroffen, den die Europäische Zentralbank (EZB) verhängt hatte. „Die Dividende macht auf lange Sicht einen beträchtlichen Teil der Erträge in einem gut aufgestellten Aktienportfolio aus“, sagt Arne Rautenberg, Fondsmanager beim Investmenthaus Union Investment. „Zudem kann die Ausschüttung zwischenzeitliche Marktschwankungen abfedern, Dividendenaktien sind also im Schnitt stabiler als Wachstumsaktien.“

Eine der wichtigsten Kennzahlen für Anleger ist die Dividendenrendite. Sie ist das Verhältnis der Dividende zum Aktienkurs und gibt an, wie viel Dividende ein Anleger für sein eingesetztes Kapital jährlich erhält. Bei einer Dividende in Höhe von 9,60 Euro pro Aktie für das Jahr 2020 beträgt die Dividendenrendite der Allianz 4,62 Prozent. Bei der Münchener Rück und ihrer Dividende von 9,80 Euro für das Jahr 2020 sind es 4,28 Prozent.

Laut einer Studie der Aktienanalysten von Value Investor Research, die bei der Berechnung der Dividendenrendite nicht nur den aktuellen Kurs, sondern auch das absehbare Dividendenwachstum berücksichtigt und einen Barwert ermittelt, befindet sich die Allianz mit 7,80 Prozent sogar auf Platz 5 der weltweiten „Dividendenkönige“.

Keine voreiligen Schlüsse ziehen

Nach den aktuellen Ereignissen fragen sich viele, wie lange das noch so bleibt. Anleger sollten trotz der aktuellen Kurstalfahrt der Versicherertitel jedoch keine voreiligen Schlüsse ziehen: Versicherungen sind mit ihren zahlreichen Geschäftsbereichen breit aufgestellt und zeigten sich bislang auch im Krisenfall solide. So vermeldete die weltweit zweitgrößte Rückversicherungsgesellschaft Münchener Rück im zweiten Quartal 2021 trotz aller Mehrbelastungen einen Nettogewinn von 1,1 Mrd. Euro. Und auch Deutschlands größter Versicherer Allianz SE übertraf Ende 2020 die Gewinnerwartungen der Analysten, als er in der Coronapandemie einen zweistelligen Milliardengewinn einfuhr. Der Allianz-Vorstand beließ daraufhin die Dividende bei 9,60 Euro je Aktie, wie bereits im Jahr zuvor.

Zu der auskömmlichen Dividende gesellen sich jetzt auch noch rosige Performance-Aussichten für die Substanzwerte. Und darauf warten Value-Investoren schon ziemlich lange: Seit der Finanzkrise hatten Wachstumsaktien die Nase in Sachen Kursgewinne vorn, getrieben von den allseits bekannten Technologieriesen. Das wurde auch nochmal im Coronajahr deutlich: Ende 2020 notierte der Russell 1000 Value-Index fünf Prozent unter seinem Jahresstart. Der Russell 1000 Growth-Index legte hingegen um 27 Prozent im Vergleichszeitraum zu. Doch das Blatt könnte sich nun wenden: „In einem Umfeld von höherem Wachstum und Inflation sollten Dividendenaktien gegenüber Wachstumsaktien an Attraktivität gewinnen“, sagt Rautenberg. „Mit der zunehmenden Impfdurchdringung ist die Outperformance der Wachstumsaktien ausgelaufen.“

Die Wiedereröffnung der Wirtschaft infolge der Impfkampagnen spielt den Substanzwerten mit ihren grundlegenden volkswirtschaftlichen Funktionen somit in die Karten. „Insgesamt sehen wir ein positives Wachstumsumfeld, daher sollten Value- und Dividendentitel mittelfristig mindestens mit den Wachstumstiteln gleichziehen“, prognostiziert der Anlageexperte.


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