KolumneVergessen Sie den „Schwarzen Montag“!

Ein Aktienhändler an der Wall Street fasst sich am Schwarzen Montag verzweifelt an den Kopf
"Black Monday": Vor 30 Jahren brachen die Kurse an der Wall Street einGetty Images

Jedes Paar, jede Familie kennt diese Szene: Man ist spät dran, muss morgens aus dem Haus und ist in der Hektik noch auf der Suche nach einem Schlüssel, Handy, Ladekabel oder Dokument. Statt ruhig zu suchen, ruft man lautstark nach dem Partner, ob er denn wisse, wo der Schlüssel sei.

Natürlich lautet die Antwort meist nein, und typischerweise folgt dann noch ein wertloser Suchhinweis  – „Guck‘ doch mal am Schlüsselbrett“ – oder gar konstruktiver Vorschlag, etwa von dieser Art: „Halt doch mal Ordnung und tu‘ ihn hin, wo er hingehört, dann musst Du morgens hier nicht herumtoben.“

Mit dem Ergebnis, dass bestenfalls noch größere Hektik ausbricht, schlimmstenfalls noch zur Unzeit eine handfeste Diskussion über Ordnung aufkommt. Rational wäre es, den Schlüssel gezielt zu suchen. Stattdessen werden in der Zeit eines Wimpernschlags aus zuvor rationalen Erwachsenen bisweilen Menschen mit hochemotionalen Ausbrüchen und Verhaltensweisen eines Zweijährigen – ein Bild entlehnt aus diesem schönen US-Blogbeitrag.

Ungefähr so muss man sich auch den Crash 1987 vorstellen, der sich heute zum 30. Mal jährt. Der Tag ging in die Börsengeschichte als „Schwarzer Montag“ ein, an dem die Aktienmärkte zwischen 20 und 40 Prozent verloren. Warum? Weil wir nun mal merkwürdige Wesen sind, die zu emotionalen Reaktionen neigen, insbesondere dann, wenn es um Verluste geht. Egal, ob es um den Schlüssel geht oder den Aktienbesitz.

Es ist keine schöne Vorstellung, sich mit hart erarbeitetem Geld dem Risiko solcher kollektiven Ausbrüche, so selten sie sein mögen, freiwillig auszusetzen, indem man Aktien kauft.

Also entwickeln wir das Muster, für Kursentwicklungen – und hier besonders Crashs – Kausalitäten zu erfinden, die wir gar nicht belegen können, aber plausibel klingen. Für den 1987er Crash etwa: Die Computer waren schuld. Die anziehende Inflation war schuld. Der starke Anstieg vorher war schuld. Der schwache US-Dollar war schuld. Die Rede des damaligen US-Finanzministers James Baker war schuld.

Die Suche nach Parallelen zu damals

Bis heute liegt das alles im Dunkeln, es war ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren unbekannter Gewichtung – Börsenorder haben kein Pflichtfeld für die „Begründung“ der Transaktion – aber wir beruhigen uns damit, dass es gute Gründe für den Einbruch gegeben hat. Ein massenpsychologisches Phänomen, dass nun mal eine Weile alle in die eine und dann in die andere Richtung getrampelt sind, klingt zu banal.

Zwar blicken wir gerne auf historische Börsenereignisse an Jahrestagen zurück. Allerdings geht es dabei so gut wie nie um erfreuliche Jahrestage, etwa das Überschreiten markanter Kursmarken. Sondern in aller Regel um Jahrestage historischer Höchststände oder Krisen, ab denen es abwärts ging. Oder eben gleich um typische Crashs wie eben 1987.

Der Ball, der dann bildlich gesprochen, für Analysten und Kommentatoren einige Zentimeter vor der Torlinie liegt, mündet in folgende Analyse: Es gebe da ja einige Parallelen zu damals, und natürlich könnte so ein Crash jederzeit wieder passieren. So etwas lesen auch jene vier Fünftel der Menschen hierzulande gerne, die keine Aktien besitzen, denn es bestärkt sie in ihrer Haltung, besser die Finger von Aktien zu lassen.