Kfz-VersicherungTelematik-Tarife: Der Versicherer fährt mit

Wer eine Kfz-Versicherung mit Telematik-Tarif wählt, muss damit leben, dass sein Fahrstil überwacht wirdimago images / Westend61

Endlich kommt das Ortsausgangsschild, danach: Landstraße. Schon senkt sich der Fuß aufs Gaspedal, die Hand zuckt zum Schalthebel. Endlich wieder Tempo! Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Stundenkilometer spielt keine Rolle, hier steht ohnehin kein Blitzer. Da fällt er einem plötzlich wieder ein: der Sensor im Auto. Der alles überwacht – selbst auf der verlassensten Route.

Die Rede ist vom Telematik-Sensor. Dieser sammelt während der Fahrt alle Daten über das Fahrverhalten der Person hinterm Steuer: wie schnell sie fährt, wie stark sie beschleunigt, wie gut sie ihren Wagen in der Kurve hält und wie sie bremst. Diese Daten schickt der Sensor an die Kfz-Versicherung des Fahrers, die sie auswerten lässt und dann entscheidet: Fährt der Versicherungsnehmer verantwortungsbewusst? Falls ja, bekommt er einen Rabatt auf seine Kfz-Police, bei einigen Versicherern bis zu 30 Prozent. Bei einer Jahresprämie von 500 Euro könnten Versicherte so an die 150 Euro sparen.

Bisher entscheiden sich relativ wenige Verbraucher für die sogenannten Telematik-Tarife. Laut dem Bundesverband der Verbraucherzentralen nutzen 80.000 Deutsche das Angebot, andere Quellen gehen von 100.000 bis 200.000 Nutzern aus. Gerade unter jüngeren Fahrern, die wegen ihres höheren Unfallrisikos höhere Prämien für ihre Kfz-Versicherung zahlen, könnte die Nachfrage jedoch steigen. Mehr als ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen glaubt, nicht den optimalen oder einen zu teuren Kfz-Versicherungstarif zu haben, geht aus einer Umfrage des Vergleichsportals Joonko hervor.

Undurchsichtige Algorithmen

Zu den bekanntesten Anbietern von Telematik-Tarifen gehören HUK und Allianz. Sie bieten laut einer aktuellen Analyse der Ratingagentur Assekurata auch die besten Konditionen: Beide Versicherer machen relativ transparent, wie sie die Fahrweise ihrer Kunden bewerten. Beim „Telematik Plus“-Tarif der HUK etwa sollen sich einzelne Fahrfehler, zum Beispiel abruptes Bremsen in einer gefährlichen Situation, nicht entscheidend auf die Bewertung auswirken. Auch können HUK-Versicherte vergleichsweise früh von Rabatten profitieren. Haben sie es mit einer guten Fahrweise auf einen Score von 35 Punkten gebracht, erhalten sie fünf Prozent Rabatt. Beim Tarif des Generali-Konzerns müssen sie dafür 64 Punkte gesammelt haben.

Ob Verbraucher jemals den maximalen Rabatt ergattern können, ist fraglich – denn oft ist nicht klar, wie genau die Algorithmen funktionieren, die die Fahrdaten auswerten. Allerdings hilft es, sich die Bewertungskriterien der Anbieter genau anzuschauen. So wirken sich Nachtfahrten in der Regel negativ auf den Punktescore aus, da es im Dunkeln schneller zu Unfällen kommt. Für Menschen, die beruflich oft nachts unterwegs sind, eignet sich ein Telematik-Tarif also eher nicht. Auch wer sich häufig während der Hauptverkehrszeit ins Auto setzt, profitiert kaum, da sich das Stop-and-Go in der Innenstadt negativ auf den Score auswirkt. Für ältere Fahrer mit einer höheren Schadenfreiheitsklasse können Telematik-Tarife sogar teurer sein, warnen Verbraucherschützer.

„Big Brother“ fährt mit

Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach dem Datenschutz. Rund 60 Prozent der Teilnehmer der Joonko-Umfrage befürchten, dass die erhobenen Daten gegen sie verwendet werden könnten – etwa, um ihren Versicherungsbetrag zu erhöhen. Tatsächlich sollten sich Verbraucher darüber im Klaren sein, dass Versicherer die Fahrdaten bei einem Unfall zu ihrem Nachteil einsetzen könne, warnen Experten. Ein Blick in die Datenschutzbestimmungen ist deshalb sinnvoll. Beim HUK-Tarif etwa wertet zunächst ein Telematik-Dienstleister die Fahrdaten aus – die Nutzeridentität ist dabei pseudonymisiert – und übermittelt sie dann an die Versicherungsgesellschaft.

Dennoch ist vielen Verbrauchern unbehaglich zumute, einen ständigen Beobachter auf ihren Autofahrten zu haben. Fest installierte Boxen, wie es sie etwa über die HUK gibt, fahren tatsächlich stets im Auto mit. Alternativ gibt es aber auch die reine App-Variante: Sie werden nur zum „Big Brother“, wenn der Fahrer sein Smartphone dabeihat.

 


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