AnalyseSüdkorea will Industriestaat sein

Computer, Unterhaltungselektronik, Autos, Schiffe: Südkorea ist ein exportstarkes Land mit einer blühenden Industrie. Die wirtschaftlichen Folgen der Asienkrise hat das Land längst überwunden, der Tourismus boomt. Trotz allem gilt Südkorea noch immer als Schwellenland – zumindest bei MSCI. Der US-amerikanische Indexanbieter ordnet Aktien aus der Republik Korea, wie das Land offiziell heißt, hartnäckig weiterhin seinen Emerging-Markets-Indizes zu. Die koreanische Regierung findet das gar nicht gut. Sie will ihr Land als Industriestaat klassifiziert wissen und forciert derzeit ihre Bemühungen, den Anforderungen von MSCI gerecht zu werden.

Damit Indexanbieter ein Land als entwickelt einstufen, muss sein Aktienmarkt eine bestimmte Größe und einen gewissen Umsatz aufweisen. Viele Index-Unternehmen, etwa FTSE und S&P, sehen diese Kriterien in Südkorea erfüllt und haben das Land mittlerweile ihren Industriestaaten-Barometern zugeschlagen. Für MSCI, einen der weltweit größten Indexanbieter, sprechen zwei Punkte dagegen: Erstens unterliegen ausländische Investoren in Südkorea gewissen Beschränkungen. Zweitens ist die nationale Währung, der Won, nicht frei handelbar.

MSCI fordert Won-Freigabe

Einmal jährlich nehmen MSCI-Experten nicht nur einzelne Wertpapiere, sondern die Aktienmärkte ganzer Länder unter die Lupe und entscheiden, ob ein Markt einen anderen Status zugewiesen bekommt. Südkorea hat sich bereits in früheren Jahren um eine Aufnahme in die MSCI-Industriestaaten-Indizes beworben, ist aber stets gescheitert. Nachdem die koreanische Regierung die MSCI-Kriterien jahrelang nicht erfüllt hatte, hat der Indexanbieter das Land im Jahr 2014 von der Liste der Länder gestrichen, die für eine Umklassifizierung in Frage kommen.

Die nächste „Market Classification Review“ steht am 14. Juni an. Südkorea gibt sich alle Mühe, diesmal zumindest wieder für eine Umklassifizierung in Betracht gezogen zu werden: Im Mai dieses Jahres hat die koreanische Finanzaufsicht beschlossen, die Regeln für ausländische Investoren zu lockern. Damit ist sie einen Schritt auf MSCI zugegangen. Das Problem des nicht frei handelbaren Won besteht indes fort. Der Indexanbieter fordert, dass Südkoreas Währung in Hongkong, London und New York rund um die Uhr handelbar sein soll. Die koreanische Regierung befürchtet ihrerseits, dass Spekulanten die Stabilität das Won gefährden würden, weshalb sie vor diesem Schritt zurückschreckt.

Wegen der Won-Problematik bezweifeln Marktbeobachter, dass Südkorea in zwei Wochen bei MSCI den Sprung zum Industriestaat schafft. Der Indexanbieter selbst gibt sich zurückhaltend und führt überdies Terminprobleme an: „Wenn das Land auf die Liste aufgenommen wird, fällt die Entscheidung zu einer Umklassifizierung nicht vor Juni 2017“, sagt David Mark, der in Deutschland für das MSCI-Indexgeschäft mit Großanlegern verantwortlich ist. Bis Südkorea in Industriestaaten-Barometern auftauchen würde, dürfte also mindestens ein weiteres Jahr vergehen.

Investoren würden mehr koreanische Aktien verkaufen als kaufen

Sollte MSCI Südkorea in einem der kommenden Jahre in den Status eines Industrielands erheben, würde es an der Börse in Seoul turbulent zugehen. Die Schwellenländer-Indizes von MSCI gehören zu den beliebtesten Benchmarks für Schwellenländerfonds. Wäre Südkorea dort nicht mehr vertreten, müssten Fondsmanager, die sich an den MSCI-Indizes orientieren, koreanische Aktien verkaufen. Der Aktienindex MSCI Emerging Markets dürfte nach einem Aufstieg Südkoreas zum Industriestaat Abflüsse in Höhe von rund 225 Mrd. US-Dollar verzeichnen, schätzen Analysten der Société Générale.

Investoren, die sich an den MSCI-Benchmarks für entwickelte Märkte orientieren, müssten wiederum koreanische Aktien zukaufen. Weil die großen Barometer nach Marktkapitalisierung gewichtet sind, hätte Südkorea allerdings in den neuen Indizes ein geringeres Gewicht als in den alten. Unterm Strich würden Investoren mehr koreanische Aktien verkaufen als kaufen, prognostiziert die Société Générale. Für Anleger, die koreanische Aktien im Portfolio haben, wäre es also vielleicht gar nicht so vorteilhaft, wenn der Wunsch der koreanischen Regierung in Erfüllung ginge.