VorsorgeSo arm sind deutsche Rentner wirklich

Rentner in Deutschland
Rentner in DeutschlandJohannes Mink

Sie sind viele und sie sind sauer. Über 100.000 Facebook-Nutzer haben sich in der Gruppe „Fridays gegen Altersarmut“ zusammengeschlossen. Sie empören sich im Netz lautstark über die „steigende Altersarmut“ und organisieren Mahnwachen in Fußgängerzonen. Für die Facebook-Aktivisten ist es der Gipfel der sozialen Ungerechtigkeit, wenn nach einem ganzen Berufsleben die Rente nicht zum Leben reicht. Gewerkschaften und einige Wissenschaftler sehen das ähnlich. Sie warnen immer wieder vor Armut im Alter und wähnen Millionen deutscher Rentner in Gefahr.

Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung scheint den Warnern und Mahnern Recht zu geben. Demnach sehen zwei Drittel der Deutschen ein hohes oder sehr hohes Risiko, im Alter unter die Armutsgrenze zu rutschen. Politiker überbieten sich mit neuen Ideen und Gesetzesvorschlägen, die dieses Problem ein für alle Mal lösen und jedem Deutschen eine ausreichende Rente garantieren sollen. Doch wie real ist die Gefahr wirklich, im Ruhestand unter die Armutsgrenze zu rutschen?

„Die Angst vor Altersarmut ist völlig überzogen.“ Zu diesem Ergebnis kommen die Autoren einer Studie im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung. Die Studienautoren haben ausgerechnet, dass im Jahr 2018 nur drei Prozent der Über-65-Jährigen Grundsicherung im Alter bezogen. Das entspricht 544.000 Personen. Die staatliche Hilfe fließt, wenn das Einkommen inklusive Wohngeld nicht zum Überleben reicht. Nach Berechnungen der Rentenversicherung wird der Anteil der Über-65-Jährigen, die Grundsicherung erhalten, bis 2030 auf gut vier bis knapp sechs Prozent steigen. Mindestens 94 Prozent der deutschen Rentner werden demnach also auch in zehn Jahren noch ohne staatlichen Zuschuss auskommen.

Ganz unberechtigt ist die Sorge vor Altersarmut allerdings vor allem bei der kommenden Rentnergeneration nicht. So rechnet eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) mit anderen Zahlen als die Deutsche Rentenversicherung – und kommt zu einem anderen Ergebnis: Laut DIW-Studie wird im Jahr 2036 jeder fünfte 67-Jährige von Altersarmut bedroht sein. Das DIW weist zudem darauf hin, dass es beim Thema Altersarmut vermutlich eine hohe Dunkelziffer gibt. So gehen wohl viele Rentner, die eigentlich Anspruch auf Grundsicherung hätten, nicht zum Sozialamt, um die Transferleistung zu beantragen. Gerade einmal 40 Prozent der Anspruchsberechtigten stellen laut DIW-Studie einen Antrag auf Grundsicherung im Alter. Tatsächlich hätten also schon heute mehr als eine Million Menschen im Rentenalter Anspruch auf eine Aufstockung der Rente.

Vor allem Bundesbürger, die älter als 77 Jahre oder verwitwet sind, scheuen oft vor dem Gang zum Sozialamt zurück. Ihre Einkommen würden bei Auszahlung der Grundsicherung im Schnitt um 30 Prozent steigen. „Vielen ist das Verfahren vermutlich zu aufwendig, gerade bei kleinen Beträgen. Oder sie wissen gar nicht, dass sie einen Rechtsanspruch haben“, vermutet Studienautor Hermann Buslei. Auch die Angst, als „Almosenempfänger“ abgestempelt zu werden, könne eine Rolle spielen.

Das eher positive Bild, das die Deutsche Rentenversicherung zeichnet, ändert sich auch dann, wenn man nicht die Grundsicherungsquote betrachtet, sondern die sogenannte Armutsgefährdungsquote. Als armutsgefährdet gelten Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verdienen, also des Einkommens, das genau in der Mitte aller Einkommen liegt. Im Jahr 2017 waren 16 Prozent aller Ruheständler armutsgefährdet. Ohne Berücksichtigung der Beamten liegt diese Quote nach Berechnungen der Hochschule Koblenz und der Linksfraktion im Bundestag sogar bei fast 20 Prozent.

Wie hoch das Risiko von Altersarmut in Deutschland tatsächlich ist, hängt also nicht zuletzt davon ab, welche Zahlen man heranzieht. Fest steht: Privat vorzusorgen oder eine berufliche Altersvorsorge (bAV) abzuschließen, kann nicht schaden, wenn man sich im Ruhestand auch einmal etwas gönnen will.