Geldanlage Schwellenländer - Trend in Sicht

Die westlichen Börsen schwanken, die Schwellenländer streben bergauf. Es könnte der Beginn eines Aufschwungs sein. Von Nadine Oberhuber
Geldanlage: Schwellenländer - Trend in Sicht

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

Es erinnert an das Prinzip: Wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Zurzeit liefern sich die Börsenindizes in Amerika und hierzulande ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen darum, wer es schafft, trotz aller Turbulenzen besser abzuschneiden. Und das ist nicht einfach. Denn Politik und Wirtschaft machen es den Märkten nicht gerade leicht, gut auszusehen und die Kauflust der Anleger zu beflügeln: Amerika bibbert, ob im Herbst wirklich ein Unberechenbarer zum neuen Präsidenten gewählt wird – und was das wohl für Börsen, Banken und Unternehmen bedeutet. Europa fragt sich derweil, wann die Briten denn nun ihren Brexit vollziehen und wie stark das die Wirtschaft auf dem Kontinent betrifft. Während die Banken überall leise unter ihren Altlasten ächzen und die Angst vor unkalkulierbaren Angriffen dieser Tage wächst. Stabilität sieht anders aus und das bekommen derzeit auch die Anleger zu spüren. Jedenfalls in den Industrieländern. In den Schwellenländern dagegen sieht es derzeit ganz anders aus – nämlich viel besser.

Sie sind diejenigen, die sich zurzeit über das Chaos diesseits und jenseits des Atlantiks freuen können. Oder sich zumindest recht unbeeindruckt davon zeigen, weil ihre Volkswirtschaften davon entweder profitieren oder davon unbeeindruckt wachsen. Ausgerechnet die Schwellenländer? Die waren zuletzt nicht eben ein Hort der Stabilität. Eben drum, lautet die Antwort. Denn während die entwickelte Welt sich mit immer neuen Problemen herumschlägt, haben die aufstrebenden Staaten einen Teil ihrer Probleme gelöst. Das ergibt momentan für Anleger folgendes Bild:

Die Kurse in Europa und Amerika schwanken wieder einmal heftig. Auf die vergangenen zwölf Monate gesehen ist der europäische Leitindex Eurostoxx um mehr als 13 Prozent abgesackt. Unter großem, teils hektischem Auf und Ab wohlgemerkt. Der amerikanische Dow Jones hat sich etwas besser gehalten und knapp sieben Prozent zugelegt. Dennoch: Wirklich überzeugend sehen auch seine Wellenbewegungen mit etwas Distanz betrachtet nicht aus. Auf Dreijahressicht lautet die Bilanz Amerika-Europa: 20 zu fünf, 20 Prozent Plus für die Vereinigten Staaten nämlich und fünf Prozent Plus fürs (noch) vereinigte Europa. Wer in dieser Zeit nur auf den deutschen Markt vertraute, der fuhr diesseits des Atlantiks deutlich besser. Denn der Dax zog mit dem Dow Jones gleich und strebte 20 Prozent bergauf. Das ergibt immerhin eine stattliche Jahresbilanz von sieben Prozent Plus. Es könnte aber auch vorerst das Ende der guten Zeiten gewesen sein angesichts der anstehenden Probleme, fürchten viele Marktbeobachter. Die maue Entwicklung der jüngsten Monate könnte ein erster Beleg dafür sein.

Leichte Hoffnung für Brasilien

Macht aber nichts, denn nun kommen die Schwellenländer anscheinend wieder richtig in Fahrt. Das beobachten Analysten zumindest seit ein paar Monaten: Brasilien, Russland, Chile und Mexiko warten wieder mit Wirtschaftswachstumszahlen auf, die besser sind als gedacht sind. China wächst zwar weniger als in den vielen Jahren zuvor, pendelt sich aber auch auf knapp sieben Prozent Wachstum ein, was immer noch ordentlich ist. Die höheren Öl- und Rohstoffpreise haben den Schwellenländern – die ja mehrheitlich Rohstoffexporteure sind - zuletzt gut getan. Und die Preise für Roh- und Grundstoffe sollen ja noch weiter nach oben streben, wenn man vielen Studien und Schätzungen glauben darf.

So gesehen sind die Aussichten für die aufstrebenden Länder nicht schlecht. Hinzu kommen noch einige politische Entwicklungen, die den Aufschwung hier und da befördern: Brasilien etwa hat eine neue Regierung bekommen und wird nun wieder von einem wirtschaftsfreundlichen Präsidenten geführt. Das wird sich positiv auf Exporte und Industrieproduktion auswirken, heißt es. Allerdings sinkt die Beschäftigung, die Inflation ist hoch und der Binnenkonsum springt nicht richtig an. Dennoch erwarten die Volkswirte fürs kommende Jahr wieder ein kleines Wachstum für die Südamerikaner, rund 0,4 Prozent sollen es sein. Das ist zwar nicht viel, könnte aber dem Aktienmarkt erheblichen Auftrieb geben. Denn Hoffnungen beflügeln immer die Kurse – und zwar viel früher als das Wachstum wirklich eintritt.

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Flügel bekommen könnte auch der chinesische Aktienmarkt bald wieder, sagen Beobachter. In China sind die Kurse zuletzt schnell in den Keller gekracht. Allein seit Juni vergangenen Jahres gaben sie um 40 Prozent nach. Vor allem die große Angst ums Wachstum und die Unsicherheit über den Kurs der Regierung hat den Kurssturz befördert. Nun aber hat die Regierung mit ihrer Geld- und Fiskalpolitik signalisiert: Wir stützen den Markt. Das wirkt wie ein Konjunkturpaket und das Wachstum bleibt stabil. Die Folge davon könnte sein: Der Aktienmarkt schaltet vielleicht bald den Turbo wieder ein. Und wenn er das tut, dann geht es in China gewöhnlich schnell, sehr schnell nach oben. 100 Prozent Plus in einem Jahr sind für den Hang Seng nichts Ungewöhnliches. Die hat er in den vergangenen Jahren öfter geschafft.

Risiken bestehen fort

Auch andere Schwellenländer haben derzeit viel Potenzial nach oben. Gemessen an den Ständen von denen viele abgerutscht sind, notiert Russlands Leitindex satte 50 Prozent unter seinem Höchststand von 2011. Irgendwann wird er die wieder aufholen. Brasilien liegt zurzeit 30 Prozent unter seinem Niveau von 2011. Bei Thailand und Indien sind es immerhin zehn Prozent. Das ist zwar erheblich weniger, dafür dürfte in diesen beiden Staaten aber auch der Binnenkonsum deutlich robuster sein als andernorts, was weiteres Wachstum wahrscheinlich macht. Die Aussichten sind also gut.

Natürlich gibt es auch Risiken. So ist die Verschuldung des Privatsektors, also bei Unternehmen und Verbrauchern nach wie vor hoch. Und die Schwellenländer wurden in den vergangenen Jahren von westlichen Investoren geradezu vollgepumpt mit Kapital. Weil in Amerika und Europa fast nirgendwo mehr ordentliche Zinsen zu erzielen sind, haben Anleger Staatsanleihen und Firmenpapiere aus diesen Ländern geradezu in ihre Depots geschaufelt – selbst wenn die mit etwas höherem Risiko verbunden waren. Sie werden sich davon verabschieden und zwar massenhaft, sobald die Zinsen hierzulande wieder steigen. Das wird die Kurse krachen lassen. So manchen Staat vielleicht gleich dazu. Dann sinken auch die Währungen dieser Länder, was doppelte Einbußen bedeutet, wenn man Papiere solcher Staaten in Fremdwährung gekauft hat. Soweit die Gefahr. Allerdings fragt man sich schon, wie groß sie wirklich ist: Denn wo soll die Zinssteigerung hierzulande so schnell herkommen? Derzeit ist das Risiko vielleicht eher überschaubar.

Es spricht also wenig dagegen, die Gunst der Stunde zu nutzen und auf den Dritten im Bunde zu setzen. Einen moderaten Betrag in einen Indexfonds auf den MSCI Emerging Markets zu investieren, ist daher keine schlechte Idee. Wer mehr Mut hat, kann auch direkt den MSCI China-Index kaufen oder einen der übrigen Länderindizes, was aber ungleich gewagter ist. Kauft man die Schwellenländer als Gesamtpaket, sind aber die Aussichten gut, dass man damit den Beginn eines längeren Aufschwungs erlebt. Denn egal, was bei den zweien passiert, die sich üblicherweise um den Vorrang streiten, das Gros des weltweiten Wirtschaftswachstums geht immer noch von den Schwellenländern aus. Die sollen künftig um rund 4,7 Prozent pro Jahr wachsen. Ihr aggregierter Börsenindex schaffte seit Jahresbeginn bereits 20 Prozent.

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