Interview„Scheitern ist Teil von Amazons Geschäft“

Whole Foods und Amazon
Amazon geht offline: Im Sommer kaufte der Konzern die Supermarktkette Whole FoodsGetty Images

Herr Digenan, ganze Branchen zittern vor einem Angriff Amazons auf das eigene Geschäft. Zu Recht?

Ja, Amazon hat eine lange Tradition, viele Dinge einfach mal auszuprobieren. Scheitern gehört bei Amazon zum Geschäft dazu. Beispielsweise haben sie es vor drei Jahren auch mal mit einem Fire-Phone im Mobilfunkgeschäft probiert. Das hat nicht funktioniert. Allein: Da erinnert sich kaum noch jemand dran. Aber wer viel versucht, dem kann auch viel gelingen. Wir sehen den Konzern aktuell gut positioniert. Er gehört zurzeit zu unseren Top-10-Positionen.

Vor einigen Tagen stürzte der Spielzeughändler Toys ‚R‘ Us in die Insolvenz. Die Euphorie rund um Amazon ist groß, bei vielen Einzelhändlern herrscht dagegen Katastrophenstimmung. Klingt da auf Sicht von zehn Jahren ein Engagement in den „Stein&Mörtel“-Aktien – also den Einzelhändlern mit Filialen – attraktiver als in den Onliner Amazon?

Ihre Frage unterstellt eine Annahme, nämlich die, dass Amazon in zehn Jahren immer noch ein Online-Konzern ist. Aber ist er das dann noch? Gerade hat Amazon die Übernahme der Whole-Foods-Kette vollzogen. Das ist ein Schritt in Filialen vor Ort, dem weitere folgen könnten, wenn es sich lohnt.

Was müsste passieren, damit Sie ihre Meinung ändern?  

Wir achten darauf, Aktien mit hohem Substanzwert zu kaufen. Das wäre generell der Fall, wenn die Grundstücke und Immobilien der Einzelhändler und Mall-Betreiber einen höheren Wert hätten als der Börsenwert bereinigt um Schulden. So weit sind wir aber längst nicht. Dieses Argument kommt zwar bereits gelegentlich auf: dass Einzelhändler ja Vermögenswerte hätten. Aber leider ruinieren auch viele Händler den Wert, ähnlich einem Hausbesitzer, der sein Haus verkommen lässt. Es gibt einige Ausnahmen, für die wir optimistischer sind, etwa für die Betreiber von Luxus-Malls. Deren Geschäfte laufen nicht so sehr Gefahr, von Amazon attackiert zu werden. Sie sind aber durch Amazons Expansion mit in den Abwärtsstrudel an der Börse geraten.

Könnte Amazon irgendwann ein Opfer des eigenen Erfolgs werden und kartellrechtliche Probleme bekommen angesichts seiner immer größeren Marktmacht?

In den USA halte ich das für sehr unwahrscheinlich. Für Europa ist das schwerer einzuschätzen.

„Währungsprognosen sind mit das schwierigste überhaupt“

Viele große Konsens-Prognosen für das Börsenjahr 2017 sind bislang nicht aufgegangen, etwa der Aufstieg des US-Dollars oder der so genannten „Trump-Profiteure“ an den Börsen wie Infrastrukturaktien oder Banken. Woran liegt das? 

Ich halte wenig von diesen Jahresprognosen. Pünktlich einmal im Jahr geben Experten Prognosen ab – welchen Sinn hat das, erst Recht über einen so kurzen Zeitraum von einem Jahr? An den Kapitalmärkten kann es lange dauern, bis sich Über- oder Unterbewertungen abbauen. Zwei bis fünf Jahre sind ein sinnvoller Zeitraum, um davon zu profitieren. Das sagen wir auch unseren Anlegern so. Was die „Trump-Wetten“ anging: Währungsprognosen sind mit das schwierigste überhaupt. Da kann man jahrelang schiefliegen. Ich versuche, sie beim Portfoliomanagement zu umschiffen, indem ich günstige Aktien suche und mich Währungsprognosen enthalte. Was die Trump-Trades angeht: Teils waren das gar keine expliziten Trump-Wetten. So hatten beispielsweise beide Kandidaten Investitionen in Infrastruktur geplant. Viele für Wirtschaft und Aktienmärkte relevante Dinge liegen auch gar nicht in der Hand des US-Präsidenten.

Wie fällt das Urteil der US-Unternehmenslenker in Einzelgesprächen derzeit über den Präsidenten Trump aus? 

Ich muss wirklich lange nachdenken, wann es in den Gesprächen in den letzten Monaten überhaupt ausführlicher um ihn ging. Da geht es eher um die Themen, die relevant sind für die Geschäfte, um die Konjunktur, Umsätze, Zinsen, Margen.

Welche Branchen gehören derzeit zu ihren Favoriten am US-Aktienmarkt?

Ganz klar Konsumgüterkonzerne, aber auch bei Gesundheitswerten und Finanzen sind wir leicht übergewichtet verglichen mit dem Index, wenngleich wir aufgrund von Einzelaktienanalysen auswählen. Bei Industrietiteln sowie Immobilienwerten werden wir eher selten fündig.


Thomas Digenan ist Portfoliomanager des UBS Opportunity Equity Funds und Leiter des US Intrinsic Value Equity Team für UBS Global Asset Management