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Daniel Saurenz Prognosen für den Aktienmarkt können Sie sich schenken

Dax-Kurve an der Frankfurter Börse
Prognosen für die Entwicklung der Aktienmärkte sind schwierig - und häufig von Interessen beeinflusst
© Alex Kraus/Bloomberg via Getty Images
Das Jahr 2022 war an der Börse hochkompliziert. Eines aber bleibt beständig. Prognosen von Experten und Investmentbanken. Hören Sie lieber auf jemand anderen

Mit dem Ende der Urlaubssaison 2022 war es wieder so weit. Die Experten der großen Investmentbanken traten ebenso wie viele sogenannte Aktienmarktgurus wieder auf den Plan. Wie üblich wurden Kursziele für den S&P 500, für Dax und Nasdaq bis Jahresende gesucht. Da die Kurse gerade im Keller waren, zeigten sich viele Analysten sehr skeptisch. Zu Beginn der Jahres 2022 waren sie fast unisono positiv gestimmt.

Schon daran kann man erkennen, dass Kursprognosen meist für die Katz sind. Das, was der Markt schon gezeigt hat, wird fortgeschrieben und im Zweifel prozyklisch bestätigt.

Prozyklik überall

Sie werden kaum einen Experten einer großen Investmentbank finden, der in einer sehr guten Börsenphase einen Einbruch von 30 bis 40 Prozent vorhersagt. Und genauso fand sich im März 2020 niemand, der eine Verdopplung des Dax binnen kurzer Zeit prognostiziert hätte.

Den Vogel schießt jedoch sehr häufig Goldman Sachs ab, und zwar nicht nur bei den Aktienmärkten, sondern auch bei Währungen oder dem Ölpreis. Die Analysten äußern sich auffällig oft sehr negativ, wenn die Kurse am Boden liegen und sehr Dollar-freundlich, wenn der Greenback schon stark gelaufen ist. Ähnliches ist bei Öl zu beobachten. Fast könnte man meinen, dass die dortigen Experten besonders schlecht liegen.

Marketing first

Dieser Gedanke ist jedoch zu einfach. Die Investmentbank ist zuallererst den eigenen Aktionären verpflichtet und sie macht daraus auch kein Geheimnis. Vor Jahren räumte Goldman sogar recht transparent ein, bei Bedarf gegen die eigenen Kunden zu handeln. Und so sollte man sich als Anleger immer und bei jeder Kursprognose fragen – wem dient die Äußerung?

Dies gilt ebenso auch für Hedgefondsmanager. Denn alle Akteure am Markt haben Interessen und eine besonders negative Einschätzung für eine Aktie oder einen Index kann daran liegen, dass die Adresse sich vielleicht selbst möglichst billig eindecken will. Genauso wie eine besonders bullishe Prognose für eine Aktie daran liegen kann, dass der Verfasser „Stücke loswerden will“ wie es am Aktienmarkt heißt.

Prognosen sind kompliziert

„Niemand kann mit Sicherheit irgendwelche Kursentwicklungen vorhersagen. Am Aktienmarkt kann es bestenfalls immer um das Chance-Risiko-Verhältnis gehen und um die Fantasie für bestimmte Anlageklassen“, sagt Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege beim Broker Robomarkets. Dies liegt auch in der Natur der Sache, denn jede Information, die am Markt gegenwärtig verfügbar ist, steckt schon in den Kursen.

Jüngstes Beispiel im Herbst 2022 auf der Einzelaktienseite ist Netflix. Noch im Frühsommer äußerten sich fast alle sogenannten Experten pessimistisch über den Streamingdienst. Klar, die Zahlen im ersten Halbjahr 2022 sahen mau aus. Im Herbst 2022 dann die große Überraschung. Mit beginnendem Winter, neuen Produktionen und dem Ende der Streaming-Pause nach Corona kamen wieder Kunden. Keine besonders große Sensation, für viele Analysten aber schon. Sie stuften die Aktie, die sich seit Frühsommer verdoppelt hatte im Kurs – bei fallender Nasdaq wohlgemerkt – wieder herauf. Prozyklischer geht es kaum.

Deshalb kann das Fazit bei Prognosen am Aktienmarkt eigentlich nur eines sein: Denken Sie antizyklisch, sehen Sie Prognosen primär als Marketing und vertrauen Sie dem besten Experten: Ihrem gesunden Menschenverstand. Wer dann noch vernünftige Produkte oder Aktien in seinem Depot mischt, der kommt auch durch schlechte Aktienjahre gut durch.

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