Kolumne Omikron und die Finanzmärkte: Können Anleger bald aufatmen?

Omikron könnte das Ende der Pandemie markieren – auch für die Aktienhändler wie hier in New York
Omikron könnte das Ende der Pandemie markieren – auch für die Aktienhändler wie hier in New York
© IMAGO / Xinhua
Die Coronapandemie hält die Märkte fest im Griff. Mit der Omikron-Variante müssen allerdings viele Aspekte neu überdacht werden. Für Unternehmen und Finanzmärkte deutet sich eine Entspannung an
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
© PR

Die Omikron-Variante breitet sich rasant in der Bevölkerung aus. Die ersten Fälle konnten in Deutschland Anfang Dezember verzeichnet werden, mittlerweile gab es etwa 300.000 Infektionen mit dieser Variante und sie macht etwa 90 Prozent aller neuen Covid19-Infektionen aus. Trotz der außerordentlichen Dynamik gibt es auch viele ermutigende Entwicklungen.

Eine Analyse der Daten aus dem RKI Wochenbericht offenbart, dass es kaum schwere Verläufe gibt. Die klinischen Quoten für Hospitalisierung, Intensivbehandlungen oder Tod sind sehr gering und liegen ca. um den Faktor vier (für Hospitalisierungen) bzw. zehn (für Todesfälle) unter den entsprechenden Quoten für die bisherigen Varianten. Die Ergebnisse decken sich mit wissenschaftlichen Studien und den Entwicklungen in Südafrika, Dänemark oder England. Von den schweren Fällen sind nahezu ausschließlich ältere Personen betroffen: Etwa 90 Prozent aller Todesfälle findet man in der Altersgruppe 60+ (ca. 75 Prozent in der Altersgruppe 80+). Die junge Bevölkerung muss Omikron praktisch kaum fürchten.

Analyse der Omikron-Fälle

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Die Omikron-Variante trat besonders früh in Südafrika und Großbritannien auf. Dort konnte ebenfalls in den ersten Wochen eine „Wand“ an neuen Fällen beobachtet werden. Nach einigen Wochen brachen die Wellen jedoch fast ebenso schnell zusammen, wie sie sich zuvor aufgebaut hatten. Man darf hoffen, dass sich dieses Muster auch in Deutschland entwickeln wird. Der beste Frühindikator hierfür ist die Entwicklung in Bremen. Trotz höchster Impfquoten hatte der Stadtstaat in der vergangenen Woche die mit Abstand höchste Inzidenz. Seit einigen Tagen stagnieren die Fallzahlen dort jedoch.

Der Booster schützt weiter vor schweren Fällen

Die Daten des RKI belegen, dass der Infektionsschutz gegen Omikron mit einer Grundimmunisierung (zwei Impfungen) sehr bescheiden ausfällt. Derartig Geimpfte hatten zuletzt sogar eine höhere Wahrscheinlichkeit an Omikron zu erkranken als Ungeimpfte. Mit einem Booster lässt sich die Impfeffektivität für einige Zeit jedoch wieder deutlich steigern: Etwa 60 Prozent der Hospitalisierungen bzw. 80 Prozent der intensivmedizinisch behandelten Fälle können verhindert werden. Leider gibt es aber auch hier Anzeichen dafür, dass die Wirkung des Boosters mit der Zeit schwindet. Die europäische Gesundheitsbehörde EMA hat sogar die Sorge , dass fortwährende Impfungen eine Ermüdung des Immunsystems herbeiführen.

In der letzten Welle kam das Gesundheitssystem mit etwa 5500 intensivmedizinisch betreuten Personen an seine Belastungsgrenze. Angesichts einer kürzeren Liegedauer (ca. 14 Tage) und der erkennbar niedrigen Quoten für Intensivbetreuungen können bei Omikron jedoch deutlich mehr Erkrankungen von den Krankenhäusern aufgefangen werden. Es lässt sich errechnen, dass die Inzidenz (auf 100.000 Personen) einige Wochen über 4000 sein müsste, um eine erneute Überlastung der Intensivstationen herbeizuführen. Das ist denkbar, aber aufgrund der Erfahrungen in anderen Ländern eher unwahrscheinlich.

Langfristige Perspektiven stimmen eher optimistisch

Es ist gut möglich, dass es sich bei der aktuellen heftigen Welle um die letzte seiner Art handeln wird. Der Antikörperlevel (durch Impfungen oder Infektionen) in der Bevölkerung ist nach zwei Jahren Pandemie und zahlreichen Infektionen nun sehr hoch. Leider wird die tatsächliche Verbreitung von Antikörpern (Seroprävalenz) in Deutschland nicht regelmäßig erhoben, anhand der Zahlen in Nachbarländern darf man jedoch davon ausgehen, dass mittlerweile mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen das Virus aufweisen und vor schweren Infektionen geschützt sind. Darüber hinaus stimmt auch die Entwicklung von wirksamen Medikamenten (z.B. Paxlovid von Pfizer) oder besseren Impfstoffen hoffnungsvoll, dass zukünftige Mutationen noch effektiver bekämpft werden können.

Die relevanten Mutationen (Alpha, Delta, Omikron) wurden den vergangenen Jahren immer ansteckender, aber auch immer weniger bedrohlich – so wie es viele Fachleute vorhergesehen hatten. Man kann deshalb auch für die Zukunft hoffen, dass sich die Varianten durchsetzen werden, die sich am schnellsten verbreiten und ihrem Wirt am wenigsten zusetzen. Es kann zweifellos nicht ausgeschlossen werden, dass in Zukunft auch wieder bedrohlichere Varianten entstehen, dann müssten alle Maßnahmen auf den Prüfstand und gegebenenfalls angepasst werden.

Ende der Depression in Handel, Kultur und Tourismus in Sicht

Mit der Omikron-Variante geht der Fremdschutz der Impfung fast vollständig flöten. Geimpfte tragen aktuell mehr zur Verbreitung des Virus bei als Ungeimpfte (siehe Tabelle). Vor diesem Hintergrund können die Privilegien von Geimpften (Zugang zu vielen Aktivitäten ohne Tests) nicht mehr gerechtfertigt werden und die Ausgrenzung der Ungeimpften kann – sofern die Krankenhäuser nicht überlastet sind – nur noch als Schikane gewertet werden. Ein flächendeckendes Testregime („1G“) würde die Ausbreitung von Omikron am ehesten begrenzen.

Die rasend schnelle Verbreitung der Omikron-Viren wird vermutlich zu einem Strategiewechsel bei der Pandemiebekämpfung führen. Ein Containment (Ziel: Verbreitung des Virus begrenzen) ist kaum mehr möglich und sollte über kurz oder lang einer Protection (Ziel: Schutz der vulnerablen Bevölkerung vor schweren Verläufen) weichen – so ist es zumindest im Nationalen Pandemieplan (NPP) des RKI vorgesehen. Angesichts der anhaltend starken Altersabhängigkeit der Erkrankung und der überwiegend milden Verläufe scheint eine Protection-Strategie nunmehr verhältnismäßiger zu sein. Die rigide Containment-Politik der aktuellen Regierung hält das Virus nicht mehr auf und schränkt die Freiheitsrechte zahlreicher Menschen (insbesondere der jüngeren und ungeimpften Menschen) unangemessen ein. Eine Protection-Strategie (möglicherweise in Verbindung mit „1G“) würde Handel, Kultur und Tourismus erhebliche Impulse geben.

Fazit: Unternehmen und Anleger können aufatmen

Das Ende der beklemmenden Pandemiephase naht. Mit einem furiosen Schlussakkord wird die Pandemie bald in einen endemischen Zustand übergehen. Schon Mitte Februar sollte ersichtlich sein, dass die Ängste vor Omikron eher übertrieben waren. Die Containment-Strategie mit ihren zahlreichen drakonischen Maßnahmen sollten bald der Vergangenheit angehören. Unternehmen und Finanzmärkte können aufatmen.

Peter Seppelfrickelehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Peter Seppelfricke


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