5 Minuten GeldanlageNur Verlierer bei Franken-Aufwertung

Schweizer Börse
Der Schweizer Franken legte am 15.1. stark zu gegenüber dem Euro
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Daniel Kalt ist Chefökonom der Schweizer Großbank UBSDaniel Kalt ist Chefökonom der Schweizer Großbank UBS

 


Capital: Herr Kalt, warum hat die Schweizerische Notenbank am Donnerstag den Mindestwechselkurs des Franken zum Euro aufgehoben?

Kalt: Wir vermuten, dass die Notenbank zum Zeitpunkt der Einführung 2011 davon ausging, dass die Eurozone binnen zwei oder drei Jahren aus der damaligen Wirtschafts- und Währungskrise herauskommt und sie somit das Manöver auch schadlos würde beenden können. Nun lahmt die Wirtschaft der Eurozone aber immer noch und steht der Euro unter dem von der Europäischen Zentralbank erwünschten Abwertungsdruck. In den vergangenen Tagen hat die Schweizerische Notenbank dann über Interventionen ihre Bilanz immer weiter ausweiten müssen, um den Mindestkurs zu verteidigen. Daher hat sie im Vorfeld möglicher weiterer Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Schwächung des Euros lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende gewählt. Denn je schwächer der Euro, desto mehr muss sie selbst drucken, um den Mindestkurs einzuhalten.

Wie geht es weiter mit dem Franken, der von 1,20 Franken je Euro auf die Parität aufwertete?

Verlässlich ist nur, dass es sehr volatil bleiben wird, denn grundsätzlich zerren zwei Kräfte am Franken: Zum einen hat der Franken nun in einem fragilen Umfeld urplötzlich wieder den Status des sicheren Hafens zurückerhalten, den ihm die Notenbank dreieinhalb Jahre entzogen hat. Das sorgt für eine starke Nachfrage, obwohl die Zinsen für Franken-Staatsanleihen nun bis zu Laufzeiten von zehn Jahren negativ sind. Andererseits – und darauf zielte ja auch die Notenbank ab – liegt die Kaufkraftparität auf einem Niveau von ungefähr 1,25 bis 1,30 Franken je Euro. Demnach wäre der Franken fundamental derzeit stark überbewertet.

Die Reaktion am Schweizerischen Aktienmarkt fällt heftig aus: Am Donnerstag verlor der Standardwerteindex SMI knapp neun Prozent, bis Freitagmittag weitere sechs Prozent. Ist der Einbruch in dieser Höhe gerechtfertigt?

Angesichts der Implikationen einer so starken Aufwertung für die Wirtschaft: Ja. Aber das muss man im Kontext der vergangenen drei Jahre sehen: Der Franken-Mindestkurs war eine willkommene Quasi-Subvention für die Wirtschaft und besonders für exportstarke Firmen. Das hat sich auch in deutlich gestiegenen Kursen niedergeschlagen, der Schweizerische Aktienmarkt schnitt mit einem Plus von über 60 Prozent binnen drei Jahren bis gestern weit besser ab als etwa andere europäische Standardwerte. Insofern nimmt man am Markt nun genau jenen Vorsprung heraus.

Gibt es überhaupt Gewinner der Franken-Aufwertung?

Neben den schweizerischen Anleihen, die stark nachgefragt sind, muss man am Aktienmarkt eher unterscheiden zwischen den größten Verlierern und jenen, die weniger stark verlieren. Gewinner finden sich da kaum. Große, multinationale Konzerne wie Roche oder Nestlé werden die Aufwertung wegstecken können, da bin ich sicher. Stark binnenorientierte Titel wie etwa der Telekommunikationskonzern Swisscom natürlich auch, das zeigte sich ja auch an den Kursreaktionen. Kleinere, stark exportorientierte Titel sind die größten Verlierer.

Am Kapitalmarkt kursiert die Spekulation, dass die Schweizerische Notenbank den Mindestkurs auch deshalb aufhob, weil sie sich auf ein für die nächste Woche noch größer als erwartetes Anleihenaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) einstellt. Glauben Sie, es hat Konsultationen zwischen der SNB und der EZB gegeben dazu?

SNB-Chef Thomas Jordan hat dazu auf der Pressekonferenz einen Kommentar verweigert, IWF-Chefin Christine Lagarde hingegen erklärt, sie habe nichts von dem Schritt gewusst. Natürlich klingt die Theorie plausibel, dass es Konsultationen gegeben hat. Aber ich traue mir kein Urteil darüber zu. Naheliegender ist schlicht, dass die Bindung der SNB in den letzten Tagen aufgrund des Abwertungsdrucks des Euros einfach zu teuer und riskant wurde und sie die Reißleine zog.