EigenkapitalMehr Eigenkapital: Das müssen Sie über die Bafin-Entscheidung wissen

Bankenviertel in FrankfurtIMAGO / imagebroker

Mancher Bankenlobbyist wird sich gestern vorgekommen sein wie der Angeklagte, für den die Staatsanwaltschaft eine zweijährige Freiheitsstrafe fordert – und dann kommt die Richterin und macht vier daraus.

Rückblick: Dass da was dräut an der Eigenkapitalfront, das war eigentlich schon seit November klar gewesen. Recht unverblümt hatte die EZB seinerzeit in ihrem Finanzstabilitäts-Bericht darauf hingewiesen, es sei langsam mal an der Zeit, dass die deutsche Finanzaufsicht angesichts stetig steigender Wohnimmobilien-Preise zu sogenannten „makroprudenziellen Maßnahmen“ greife. Sprich: Rauf mit dem Kapitalanforderungen.

Entsprechend alarmiert zeigte sich damals der private Bankenverband. Und legte ausführlich dar, warum es keine gute Idee sei, den im März 2020 wegen der Corona-Krise gerade erst auf „Null“ heruntergefahrenen „antizyklischen Kapitalpuffer“ nun doch wieder auf 0,25 Prozent anzuheben.

Was damals indes die wenigsten ahnten: Um 0,25 Prozent würden es gar nicht gehen! Stattdessen teilte die Bafin am Mittwoch mit, der „antizyklische Kapitalpuffer“ werde zeitnah auf gleich mal 0,75 Prozent festgesetzt. Und damit nicht genug, legten die Aufseher auch gleich noch einen (unser neuer Lieblingsfachbegriff) „sektoralen Systemrisikopuffer“ obendrauf.

Was heißt das nun konkret? Welche Banken trifft es besonders? Und, ähem, nur mal so gefragt: Sind wirklich die Wohnimmobilien das Problem – und die Gewerbeimmobilien nicht? Unser FAQ:

#1 Was genau hat die Bafin beschlossen?

Bis Februar 2023 müssen Banken und Sparkassen einen sogenannten „antizyklischen Kapitalpuffer“ von 0,75 Prozent der risikogewichteten Aktiva auf inländische Risikopositionen bilden. Hinzu kommt ein sogenannter „sektoraler Systemrisikopuffer“ von 2 Prozent der risikogewichteten Aktiva auf mit Wohnimmobilien besicherte Kredite. Das heißt: Um welches Maß sich die Kapitalanforderungen erhöhen, ist von Bank zu Bank verschieden, je nach Kreditbuch. Je größer ihr inländisches Kreditbuch – und hier vor allem die Summe der Wohnimmobilienkredite –, desto stärker sind die Institute betroffen.

#2 Sind die Maßnahmen per se neu?

Der sektorale Systemrisikopuffer: ja. Der antizyklische Kapitalpuffer: nein. Letzterer wurde im Mai 2019 erstmals von den Aufsehern aktiviert – damals allerdings zunächst nur in einer Höhe von 0,25 Prozent der risikogewichteten Aktiva. Das Instrument folgt der Logik, die Kapitalvorschriften in Zeiten starken Kreditwachstums etwas strenger auszulegen, um in schwächeren Zeiten lockern zu können. Genau das passierte im März 2020: Die Aufsicht schaffte den Puffer im Zuge der Corona-Hilfsmaßnahmen für Banken kurzerhand wieder ab.

#3 Was kostet das Ganze und wo soll das Kapital herkommen?

Der pauschale antizyklische Kapitalpuffer erhöht die Kapitalanforderungen um 17 Mrd. Euro, wie die Bafin hochgerechnet hat. Bei dem auf Immobilienkrediten basierenden sektoralen Risikopuffer geht es um 5 Mrd. Euro. Zur Einordnung: Das ist zusammen mehr, als Banken im bislang besten Jahr der jüngeren Vergangenheit (2017) an Überschuss erwirtschaftet haben – das waren seinerzeit 19,9 Mrd. Euro – und das knapp vierfache des 2020er Überschusses von 5,9 Mrd. Euro.

Frisches Kapital müssen allerdings die wenigsten Banken auftreiben, vermutet die Bafin. Die Branche werde die Puffer „fast vollständig aus bestehendem Überschusskapital erfüllen können“, heißt es in der entsprechenden Mitteilung. Bedeutet: Die betroffenen Banken halten schon jetzt erheblich mehr Eigenkapital vor, als sie eigentlich müssten (und das zumindest die großen Institute zuletzt auch ganz gut verdient haben, hatte Finanz-Szene am Dienstag für Sie aufgedröselt).

Gleichwohl dürften „einige wenige Institute“ (präziser wird die Bafin nicht) nun zusätzlichen Kapitalbedarf haben. Und natürlich verkleinern die höheren Anforderungen auch bei den übrigens Banken den Spielraum für Kapitalrückflüsse an die Eigner – das trifft besonders die börsennotierten Großinstituten Commerzbank und Deutsche Bank.

Die Banken-Lobbyisten weisen (wie immer, wenn es um schärfere Kapitalregeln geht) darauf hin, dass es natürlich noch einen weiteren, konjunkturell brisanten Weg gäbe, die zusätzlichen Kapitalforderungen zu erfüllen. Der hieße: weniger Kredite zu vergeben bei gleichbleibendem Eigenkapital.

#4 Auf welcher Grundlage agiert die Bafin?

Die lokalen Finanzaufsichten der Euro-Mitgliedsstaaten haben die Möglichkeit, bei von ihnen identifizierten Risiken und Defiziten bei Instituten zusätzliche Kapitalanforderungen zu stellen, die über die „klassischen“ Mindestwerte der Basel-III-Systematik hinaus gehen. Das entsprechende Instrumentarium nennt sich „Makroprudenzielle Maßnahmen“, die aber jahrelang ungenutzt blieben.

Für diese Maßnahmen stützt sich die Aufsicht auf die Analysen und Empfehlungen des bei der EZB aufgehängten „Europäischen Ausschuss für Systemrisiken“ sowie des nationalen Ausschusses für Finanzstabilität. Letzterer besteht aus je drei Vertretern von Bundesbank und Bundesfinanzministerium sowie vier Vertretern der Bafin. Beide werden von der Bafin in der Mitteilung von gestern explizit genannt; man habe deren Analysen berücksichtigt.

#5 Hat die Bafin die Banken mit der Maßnahme überrumpelt?

Ja. So ist zu hören, dass sowohl die Höhe als auch die konkrete Ausgestaltung die Banken dann doch negativ überrascht hat.

Dass Maßnahmen kommen werden, war zwar spätestens seit November 2021 absehbar. Seinerzeit hatte die EZB in ihrem Stabilitätsreport eine recht unverhohlene Aufforderung in Richtung Deutschland geschickt, doch nun endlich einmal makroprudentielle Maßnahmen zu ergreifen. In „einigen Ländern“ gäbe es keine Maßnahmen, hieß es in dem Report – flankiert von einer Grafik, in der einzig in der Zeile für Deutschland stand: „Keine Maßnahmen“ (siehe die Grafik hier). Besonders sorgte sich die EZB dabei um die Vulnerabilität der Banken gegenüber Risiken am Immobilienmarkt und die entsprechenden Kredite.

In welchem Umfang Maßnahmen kommen und wie sie sich zusammensetzen, blieb allerdings offen. Noch wenige Tage nach der nachdrücklichen EZB-Empfehlung sprach sich etwa der private Bankenverband gegen einen möglichen antizyklischen Puffer von 0,25 Prozent aus. Das spricht dafür, dass die Kreditwirtschaft von dem nun dreimal so hohen Wert von 0,75 Prozent dann doch überrascht ist. Die Bafin aktiviere die Maßnahmen „in einem Umfang, der nicht nachvollziehbar ist“, erklärte gestern denn auch der Bankenverband. Zudem kämen die Maßnahmen mit Blick auf die Konjunktur zur Unzeit.

#6 Um die Ausgestaltung des Systemrisikopuffers gibt es Streit – warum?

Beim Thema „Risiken am Immobilienmarkt“ gibt es im wesentlichen zwei Lager: Eines sieht die Risiken (für Kreditnehmer wie kreditgebende Banken) vor allem im Wohnimmobilienmarkt, wo die Preise immer rascher steigen. Im Q2 2021 legten die Wohnimmobilienpreise laut Statistischem Bundesamt um 11 Prozent zum Vorjahresquartal zu, im Q3 gar um 12 Prozent. Auch das Kreditwachstum bei Wohnimmobiliendarlehen erreichte im Q3 2021 mit 7,3 Prozent den höchsten Wert seit Beginn des laufenden Preiszyklus nach der Finanzkrise 2008. Nachgerade rituell sind die Warnungen der Bundesbank seit nunmehr neun Jahren (!), die Preise von Wohnimmobilien hätten sich von ihrem fundamental gerechtfertigten Wert entfernt (siehe hier).

Das andere Lager hält den Gewerbeimmobilienmarkt für erheblich anfälliger – nicht wegen der Preissteigerungen, sondern weil die Corona-Pandemie zu einem Einbruch der Nachfrage vor allem bei Büro- und Handelsimmobilien führen könnte. So gab der Preisindex für Büro- und Einzelhandelsimmobilien in den sieben deutschen A-Metropolen 2020 erstmals seit der Finanzkrise nach – um satte 4 Prozent. Für das vergangene Jahr deutet sich sich ein weiterer Rückgang an.

Mit der gestrigen Entscheidung hat sich die Bafin klar positioniert: Sie sieht die größeren Risiken für die kreditgebenden Banken im Wohnimmobilienmarkt. Denn erhoben wird der Systemrisikopuffer ja nur auf Kredite, die mit Wohnimmobilien besichert sind, nicht auf Kredite für Gewerbeimmobilien. Und: Der Systemrisikopuffer wird – zum Unmut einiger Bankenvertreterinnen und -vertretern – pauschal berechnet. „Die gewählte Maßnahme trifft undifferenziert jede Wohnimmobilienfinanzierung von Banken und Sparkassen“, klagt der Bankenverband.

Was der BdB meint: Ein besonders risikoreicher Kredit (gemessen etwa am so genannten „Loan to Value“, also der Kredithöhe zum Immobilienwert) wird genauso mit einem zusätzlichen Kapitalpuffer belegt wie ein extrem sicherer. Zumindest denkbar wären makroprudenzielle Maßnahmen gewesen, die eine Vergabe besonders risikanter Kredite untersagt. Hier zieht sich die Bafin aber laut gestriger Mitteilung zwar lediglich darauf zurück, dass sie „eine konservative Bewertungs- und Kreditvergabepraxis“ erwartet. Weitere Maßnahmen sind damit aber auch nicht ausgeschlossen.

#7 Welche Banken sind wie stark betroffen?

Vereinfacht gesprochen: Den antizyklischen Kapitalpuffer – die hochgerechnet 17 Mrd. Euro – müssen Banken anteilig anhand ihrer inländischen Kredite aufbringen. Je größer das Kreditbuch, desto höher die Kapitalvorschriften. Die 5 Mrd. Euro aus dem zusätzlichen Systemrisikopuffer werden wiederum nur auf Basis der inländischen Wohnimmobilienkredite aufgebracht.

Letzteres dürfte naheliegenderweise vor allem jenen Banken nicht schmecken, die stark im hiesigen Wohnimmobilienmarkt engagiert sind. Das sind mit zusammen 57 Prozent Marktanteil vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken, wie ein Blick auf den zuletzt 1649 Mrd. Euro großen Markt für Wohnimmobilienkredite an Unternehmen und Privatpersonen zeigt (Stand: Q3/2021). Zudem muss man wissen: Die Ausweitung der Immobilienkredite war für viele Häuser das Mittel der Wahl, dem Verfall der Zinsüberschüsse zu begegnen.

Dass die Gewerbeimmobilienkredite von der Bafin beim Systemrisikopuffer „ausgespart“ wurden, dürfte vor allem Groß- und Landesbanken freuen, die dort überproportional stark engagiert sind. Eine Rezession oder Preiseinbrüche (oder beides) könnte erhebliche Löcher in ihre Bilanzen reißen.

#8 Ist sicher, dass die Maßnahmen umgesetzt werden?

Ja. Zwar beginnt nun eine zweiwöchige Konsultationsphase, aber die Umsetzung über eine Allgemeinverfügung gilt als Formsache. Die Puffer sollen, wie die Bafin schreibt, "zeitnah aktiviert werden". Konkret bleibt Banken dann in Stufen bis Februar 2023 Zeit, die neuen Vorschriften zu erfüllen.

Der Beitrag ist zuerst bei Finanz-Szene.de erschienen