AktienLohnt sich der Kauf von Bau-Aktien?

Der Bauriese Strabag hat zuletzt gute Zahlen vorgelegtIMAGO / Volker Preußer

Die Pandemie und ihre Folgen beschäftigen weiterhin die Welt: Überall steigen die Preise, angeführt vom Energiesektor. Kohle, Erdgas und Öl haben sich in diesem Jahr um satte 200, 100 und 60 Prozent verteuert. Das wirkt sich auch auf die Produktion energieintensiver Baumaterialien aus. Die Aluminiumpreise etwa sind seit Jahresbeginn um 50 Prozent gestiegen, die Stahlpreise um 40 Prozent und die Kupferpreise um 25 Prozent. Anderswo sorgen Lieferengpässe für steigende Preise, etwa bei Baumaterial wie Konstruktions-, Bauholz und Dachlatten.

Ursächlich für die Engpässe ist eine Kombination aus hoher Nachfrage und unterbrochenen Lieferketten. „Die Nachfrage nach Wohnimmobilien wird durch niedrige Hypothekenzinsen, steigende Immobilienwerte und mehr Renovierungsarbeiten angekurbelt, während die gestiegenen krisenbedingten Ausgaben von Regierungen die öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur erhöht haben“, sagt Ben Laidler, Marktstratege bei der Investmentplattform Etoro. Am stärksten trifft das aus seiner Sicht aufwändige Infrastrukturprojekte, die vor einigen Jahren ausgeschrieben wurden und nun mit einer völlig veränderten neuen Lage klarkommen müssen. Vor der Pandemie hatte niemand mit einer derartigen Kostenexplosion rechnen können.

Dennoch zeigt sich der Experte zuversichtlich: „Wir gehen davon aus, dass die aktuelle Situation ein Katalysator für Effizienzsteigerungen im gesamten Bausektor sein wird.“  In der Branche war die Produktivität lange Zeit gering, moderne Technologie kam selten zum Einsatz. Das bietet nun viel Spielraum. Darüber hinaus werden sich die derzeitigen Versorgungsengpässe nach Einschätzung von Laidler bald auflösen, wenn zusätzliche Rohstoffkapazitäten hinzukommen und hohe Preise das Nachfragewachstum bremsen.

Anleger brauchen ein wenig Geduld

Was bedeutet das für Anleger? „Kurz- und mittelfristig sind Investitionen in diesem Sektor schwierig, da er sehr konjunktursensibel ist, geringe Gewinnspannen aufweist und die Rohstoffkosten stark schwanken“, sagt Laidler. Der Wertzuwachs des europäischen Refinitiv-Index für Bau- und Ingenieurunternehmen, der die Wertentwicklung von 58 Titeln nachvollzieht, beträgt in diesem Jahr vergleichsweise magere vier Prozent. Der europäische Aktienindex Stoxx 600 konnte im selben Zeitraum mit einem Plus von 14 Prozent deutlich stärker zulegen. Was die Baubranche für Anleger interessant macht, ist eher die mittelfristige Perspektive: Nach Ansicht Laidlers dürften die Erträge der Bauriesen im Vergleich zu anderen Sektoren überproportional profitieren, sobald der Kostendruck nachlässt und die Effizienz steigt.

Diese Prognose hat sich bei der Wiener Strabag bereits bewahrheitet. Strabag wies Ende Juni einen Rekord-Auftragsbestand von über 21 Mrd. Euro auf, nach 19,4 Mrd. Euro im Vorjahreszeitraum. Der Nettogewinn lag im ersten Halbjahr 2021 bei 88,3 Mio. Euro, das Betriebsergebnis (EBIT) stieg von 45,1 Mio. Euro im Vorjahr auf 140,2 Mio. Euro. Die Anteilsscheine des Bauriesen notieren aktuell bei 38,65 Euro, was einem Plus von 45 Prozent innerhalb der vergangenen zwölf Monate entspricht. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) beträgt 12,32. Damit ist das Unternehmen innerhalb der Branche noch immer niedrig bewertet.

Auch der Essener Baukonzern Hochtief konnte zuletzt mit starken Zahlen zum Halbjahr beeindrucken. Der Auftragsbestand lag Ende Juli bei rund 49 Mrd. Euro und damit über dem Vor-Covid-Niveau vom Dezember 2019. Die Konzernführung erwartet für das Gesamtjahr einen operativen Nettogewinn im Bereich von 410 bis 460 Mio. Euro. Die Euphorie der Anleger bleibt einstweilen noch aus. Die Hochtief-Aktie kletterte auf Ein-Jahres-Sicht deutlich schwächer als bei der österreichischen Konkurrenz, um lediglich 2,1 Prozent. Sie notiert heute bei 72 Euro. Damit liegen die Papiere weit unter ihrem Allzeithoch von 171 Euro aus dem Jahr 2017. Das bietet Anlegern allerdings einen günstigen Einstiegszeitpunkt – gerade auch angesichts des sehr niedrigen KGVs von 9,13. Das mittlere Kursziel der Marktbeobachter liegt bei 86 Euro.