AktienLohnt sich der Kauf einer Erdgas-Aktie?

Erdgasleitung in BayernIMAGO / blickwinkel

Der Winter setzte in diesem Jahr am Gasmarkt schon im Sommer ein. Der fossile Energieträger ist so teuer wie nie zuvor, der Preis versiebenfachte sich innerhalb weniger Monate. Am 6. Oktober kostete Erdgas im europäischen Energiemarkt 130 Euro pro Megawattstunde. Im langjährigen Mittel schwankte der Preis je nach Jahreszeit zwischen 15 bis 20 Euro.

Die Ursachen der Kostenexplosion sind vielfältig. So ist Chinas Nachfrage zuletzt drastisch gestiegen. Ein zweiter Faktor: Die Europäer haben kaum Gas in ihren Speichern, weil der vergangene Winter so kalt war, ordern also auch mehr Menschen Gas als sonst. Schließlich kommt aktuell kaum Flüssiggas (LNG) in Europa an, weil die Asiaten schlicht bereit sind, an Spot-Märkten mehr Geld für den begehrten Rohstoff zu bieten. Und dann spekulieren manche Beobachter gar, die Russen könnten bewusst Liefermengen reduzieren, um Europa zur schnelleren Inbetriebnahme der jüngst fertiggestellten Gas-Pipeline Nord Stream 2 zu drängen.

So komplex die Ursachen, so dramatisch die Folgen für die hiesige Industrie: Immer mehr Unternehmen klagen inzwischen über einen Erdgas-Mangel. Besonders hart trifft es beispielsweise die Düngemittelindustrie, die Erdgas braucht, um Ammoniak zu gewinnen, und die die Produktion bereits massiv drosseln musste. In der vernetzen Wirtschaftswelt hat auch das kurios anmutende Folgewirkungen. So wird in Großbritannien inzwischen die Kohlensäure knapp, ein Nebenprodukt aus der Düngemittelproduktion, was nun die Lebensmittelindustrie vor Schwierigkeiten stellt.

China will jeden Preis zahlen

Für Verbraucher sind die hohen Energiepreise Inflationstreiber Nummer eins. Als Anleger könnten sie über einen Umweg dann aber doch auch profitieren. Denn während europäische Energieversorger unter den hohen Einkaufspreisen eher leiden, herrscht bei den Erdgasproduzenten Sektlaune. Schließlich können sie sich darauf einstellen, dass die Gaspreise vor der nun anstehenden Wintersaison noch weiter steigen könnten. Die Förderkapazitäten sind begrenzt, die Lager leer – und China hat zuletzt angekündigt, dass man bereit ist, jeden Preis dafür zu zahlen, damit man sicher über den Winter kommt.

Die USA sind mit einem Anteil von 24 Prozent der größte Gasproduzent der Welt, es folgt Russland mit 17 Prozent Weltmarktanteil. Der drittplatzierte Staat, Iran, ist mit sieben Prozent bereits weit abgeschlagen. Für Anleger, die ein Investment in fossile Energie nicht scheuen, sind in Russlands Energieriesen Gazprom, Novatek, Rosneft und Lukoil einen Blick wert. Der Kurs der Gazprom-Aktie etwa, dem größten Gaslieferanten Europas, hat sich im Jahresverlauf etwa verdreifacht und bewegt sich stramm in Richtung eines Zehn-Jahres-Hochs. Übrigens hat sich parallel auch die Ergebniserwartung für 2021 verdreifacht, sodass das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Aktie trotz der Kursexplosion bei winzigen 4,1 verharrt.

Auch die Rosneft-Aktie notiert auf Rekordhoch. Im zweiten Quartal 2021 konnte Rosneft seinen Umsatz gegenüber dem Vorjahr verdoppeln, übertraf damit sogar die optimistischsten Analysteneinschätzungen. Der Konzern soll künftig neben Gazprom ebenfalls Kapazitäten der Ostseepipeline Nord Stream 2 nutzen, kann also höhere Absatzmengen nach Europa liefern.

Vorläufig sind Kursgewinne drin

Kurzfristig sieht Henri Patricot, Analyst für Öl- und Gasaktien der Schweizer Bank UBS in London, allerdings keine Aussicht auf eine signifikante Erhöhung der Gaslieferungen aus Russland: „Vielleicht kann Gazprom die Produktion noch ein wenig erhöhen, aber es ist schwer zu sagen, wie viel sie wirklich aufstocken könnten.“ Mit anderen Worten: Der Rohstoff bleibt voraussichtlich erst einmal knapp – und teuer.

Wer sich auf ein Investment bei den russischen Rohstoffriesen einlässt, muss wissen: Der russische Staat ist an allen Konzernen maßgeblich beteiligt und die Unternehmen werden überaus staatsnah geführt. Das ist bei den großen US-amerikanischen Gasproduzenten anders. Exxon, Chevron und andere „Big-Oil“-Unternehmen, die vor allem im Flüssiggasmarkt-Geschäft dominieren, sind zwar politisch äußerst einflussreich, aber staatsunabhängige Privatanbieter.

Auch in den USA ist der Gasboom ausgebrochen: Allein in der ersten Jahreshälfte gingen die Gasexporte nach Daten der US-Energy Information Administration (EIA) um 42 Prozent nach oben, die Energiekrise in Europa lässt die Förderer frohlocken. Auch wenn fossile Energie im Zuge der Dekarbonisierung langfristig aufs politische Abstellgleis fährt, sind zumindest vorläufig noch Kursgewinne drin – wenngleich auf Kosten der Umwelt.