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Linde-Aktie Linde sagt dem Dax goodbye – tun Sie es auch

Der Industriegasekonzern Linde verabschiedet sich aus dem Dax
Der Industriegasekonzern Linde verabschiedet sich aus dem Dax
© IMAGO / Lobeca
Mit Linde verlässt der wertvollste Dax-Konzern die Frankfurter Börse. Für Anlegerinnen und Anleger sollte dies ein Weckruf sein, ihr Geld nicht mehr nur in den global unbedeutenden deutschen Leitindex zu stecken

Mit ihren in Form von Karten erzählten Themen hat die Zeitschrift Katapult einen gewissen Kultstatus erreicht. Kürzlich befassten sie sich am Redaktionssitz in Greifswald mit der Börse und kamen zu dem Ergebnis: Es gibt keinen Dax-Konzern in Ostdeutschland, jedenfalls so lange man Berlin außer Acht lässt. Dafür sind drei Konzerne aus dem wichtigsten deutschen Aktienindex gar nicht in Deutschland zu Hause, nämlich Airbus und Qiagen (beide Niederlande) und eben Linde.

Auf der Karte von Katapult wird der Industriegasekonzern Linde bald gar nicht mehr auftauchen. Ab 1. März gibt das 1879 in Wiesbaden gegründete deutsche Traditionsunternehmen (seinerzeit als Hersteller von Kältetechnik) seine Notierung an der Börse in Frankfurt auf. So hat es dieser Tage eine außerordentliche Hauptversammlung mit klarer Mehrheit von 93 Prozent beschlossen. Wenn die Linde-Aktie dann nur noch an der Börse in New York gelistet ist, wird sie auch aus dem Dax fliegen, zu dessen Gründungsmitgliedern sie zählt.

Mit einer Zustimmung zu dem Delisting war gerechnet worden, nachdem der einflussreiche Aktionärsberater ISS - seit zwei Jahren eine Tochter des Dax-Betreibers Deutschen Börse - seinen Kunden empfahl, für den Vorschlag zu stimmen. Deutsche Fondsgesellschaften kritisierten dagegen den Schritt scharf und kündigten an, dem Management die Zustimmung zu verweigern. Ingo Speich, Corporate-Governance-Chef von Deka Investment, verwies darauf, dass Linde bei der Übernahme von Praxair diesen Schritt ausgeschlossen hatte. Linde fusionierte 2018 mit dem US-Konkurrenten Praxair und verlegte seinen Sitz nach Irland, wo die Steuerbelastung niedriger ist als am vorherigen Sitz München.

Linde hatte die Rückzugspläne mit dem Mehraufwand bei der Bilanzierung und Bewertungsfragen begründet. „Die Struktur der doppelten Börsennotierung hat uns zwar von Anfang an gute Dienste geleistet, aber sie hat unsere Aktienbewertung durch die europäischen Beschränkungen und die zunehmende Komplexität eingeschränkt“, sagte Linde-Chef Sanjiv Lamba schon im vergangenen Herbst bei der Ankündigung des Rückzugs.

Das Vorhaben löste eine Debatte über die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Finanzplatzes im internationalen Vergleich aus. Hintergrund sind auch die Regelungen im Dax: Dort darf zum Verkettungstermin ein einzelner Wert nicht mehr als zehn Prozent des Index ausmachen. Weil sich die Linde-Aktie besser entwickelte als die meisten anderen Dax-Werte, wurde das Index-Gewicht bei jeder Neuberechnung wieder gekappt — mit der Folge, dass Indexfonds (ETF) einen Teil der Papiere wieder verkaufen mussten. Linde war also in gewisser Weise zu erfolgreich für den Dax, zumal rund zwei Drittel des Handelsumsatzes zuletzt bereits in New York erfolgte und über das Xetra-System der Deutschen Börse nur noch 5,3 Prozent der Linde-Trades abgewickelt wurden.

Nun müssen ETF-Anbieter aber auch viele aktiven Deutschland-Aktienfonds im März ihre Linde-Aktien verkaufen, was eine erhebliche Handelsaktivität auslösen wird. Der Grund dafür ist, dass der voraussichtliche Nachrücker Commerzbank deutlich weniger Marktkapitalisierung auf die Waage bringt. Der Streubesitz der Commerzbank wird aktuell mit rund 10,5 Mrd. Euro taxiert, womit die Frankfurter vor Rheinmetall (9,6 Mrd. Euro) liegen. Der gesamte Dax ist derzeit rund 1,3 Billionen Euro wert, der zehnprozentigen Anteil von Linde im Index entspricht also grob 130 Mrd. Euro, womit rund 18 der 148 Mrd. Euro Firmenwert nicht in den Dax eingehen. Indexfonds werden, wenn die Commerzbank Linde ersetzt, in erheblichem Umfang andere deutsche Aktien nachkaufen müssen. Bei einzelnen Werten kann dies in den kommenden Wochen die Kurse positiv beeinflussen. Der Dax insgesamt wird aber an Marktkapitalisierung verlieren. Außerdem geht mit Linde ein Unternehmen von Bord, dass in den vergangenen Jahren überdurchschnittliche Kursgewinne verbucht und damit den Dax insgesamt angeschoben hat. Mit anderen Worten: Ohne Linde wird der Dax sich schlechter entwickeln.

Die Aufregung um das Ende des Listings der Linde-Aktie in Frankfurt ist aus Marktsicht allerdings eher ein Sturm im Wasserglas. Es war eine Trennung mit Ansage und zeigt einmal mehr, dass der Dax für große Unternehmen und Investoren kaum noch eine Rolle spielt und seit Jahren überschätzt wird. Wer international mitmischen will, geht nicht nach Frankfurt. Bestes Beispiel dafür ist der Impfstoffhersteller Biontech aus Mainz, der sich erst gar nicht im benachbarten Frankfurt listen ließ, sondern sein Börsendebüt gleich in New York gab. Hinzu kommt: Die Marktkapitalisierung des Dax von rund 1,3 Billionen Euro klingt nach viel, doch allein der größte US-Wert Apple kommt auf 2,1 Billionen Dollar.

Mit dem Weggang von Linde rutscht der Dax noch mehr in die Bedeutungslosigkeit. Im Industrieländer-Index MSCI World, den Capital regelmäßig als Basis für eine global diversifizierte Aktienanlage empfiehlt, beträgt der Deutschland-Anteil nur rund zwei Prozent – ziemlich peinlich für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Selbst Australien schafft etwa ebenso viel.

Der Dax mogelt sich nach vorn

Ohnehin mogelt sich der Dax in internationalen Vergleichen nach vorne, seine Perfomance wirkt besser als sie tatsächlich ist. Das liegt daran, dass bei ihm Dividenden eingerechnet werden, also unterstellt wird, dass Anlegerinnen und Anleger die Ausschüttungen immer sofort wieder investieren und niemals verkonsumieren.

Der Dax kommt über die letzten 20 Jahre zwar auf eine jährliche Rendite von durchschnittlich sieben Prozent, beim US-Leitindex S&P 500 sind es 7,3 Prozent. Nur: Der S&P 500 hat das ausschließlich durch steigende Kurse geschafft, gut zwei Prozent an Dividenden kommt pro Jahr noch drauf. Die Dax-Rendite hängt hingegen stark an den Dividenden. Werden sie rausgerechnet, kommt der Index nur auf eine Rendite von vier Prozent über die vergangenen 20 Jahre.

Der Ausstieg von Linde sollte daher der ultimative Weckruf für Anlegerinnen und Anleger sein, ihr Depot internationaler aufzustellen. Sie sollten sich nicht vom deutlichen Kursanstieg zu Jahresbeginn von rund 7,5 Prozent täuschen lassen, denn langfristig bleibt der Dax ein regionaler Nischenindex, auch wenn er in jeder Börsensendung im Fernsehen in den Mittelpunkt gestellt wird. Ins Depot gehört deshalb ein international diversifizierter Index wie der MSCI World. Wer seinen Aktienbestand im Dax hält, sollte es Linde gleich tun und ihm goodbye sagen.

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