Versicherer-TestLebensversicherungen - sicher oder nicht?

Blick in den Geldspeicher
Blick in den Geldspeicher: Die Versicherer müssen ihre ­finanzielle Solidität jetzt ­jährlich offenlegenStudio Takeuma

So nervös wie am 22. Mai waren die Vorstände der Lebensversicherer selten. Wie würden ihre Finanzberichte aufgenommen? Was macht die Konkurrenz? Steht das eigene Haus gut da? Tagelang feilten ihre Kommunikatoren an Sprachregelungen – für Analysten, Vertriebe und die Kunden. Man wollte für alles, wirklich alles gerüstet sein.

An diesem Montag im Mai stand an, was Beobachter einen „Kulturbruch“ nennen. Zum ersten Mal mussten die sonst so verschwiegenen Versicherer ihre finanzielle Lage offenlegen – und ihre Robustheit beweisen. Vor allem nämlich ging es um die Frage, ob die Gesellschaften genug Kapital besitzen, um eine Krise zu überstehen. Für viele der Anbieter, die seit Jahren unter geringen Erträgen und ihren hohen Garantieversprechen ächzen, war das ein Angsttermin. Tatsächlich aber passierte: nichts.

Gut zwei Wochen später bescheinigte die Versicherungsaufsicht Bafin nach einer ersten Durchsicht der Zahlen allen 84 Gesellschaften, dass sie zum Stichtag am 31.12.2016 ausreichend Finanzmittel vorhielten – genug, um einem Extremschock an den Märkten zu trotzen, der statistisch gesehen nur alle 200 Jahre vorkommt. Chefaufseher Frank Grund attestierte sogar, die deutschen Anbieter schlügen sich international „recht beachtlich“.

Enorme Unterschiede

Also alles bestens? Nein, sagen der Analyst Carsten Zielke und der Verbraucherschützer Axel Kleinlein, Chef des Bunds der Versicherten (BdV). Beide haben die Solvenzberichte aller Unternehmen studiert und deren Solidität aus Sicht der Kunden bewertet. Sie haben dabei festgestellt, dass zwar alle Anbieter die offiziellen Anforderungen erfüllen, aber dennoch enorme Unterschiede erkennbar sind.

Die aufwendige Interpretation der Zahlenwerke erklärt auch das zunächst ausbleibende Echo – zumal sich teils 100 Seiten lange Risikoberichte, freundlich formuliert, nicht eben wie ein Roman lesen.

Die Unternehmen werden dennoch ab sofort jährlich nach den neuen Regeln vermessen. Der unabhängige Versicherungsanalyst Carsten Zielke ist bei der Lektüre denn auch auf einige Merkwürdigkeiten gestoßen: Er kritisiert beispielsweise, dass einige Versicherer sich im Ringtausch gegenseitig Geld liehen, um ihre Eigenmittel aufzuhübschen. Schlimm sei es vor allem um die Transparenz bestellt: Nur etwa jeder zweite der 84 Lebensversicherer gibt laut Zielke bisher genügend Details preis, damit sich Leser ein wirkliches Bild von der Risikolage des Unternehmens machen können: „Man merkt dem Bericht an, ob einer etwas mitteilen will – oder er es nur macht, weil er muss.“

Dabei waren die Solvenzberichte eigens dafür gedacht, um die Öffentlichkeit zu unterrichten. „Die Versicherer nehmen ihre Transparenzpflichten nicht ernst genug“, findet BdV-Chef Kleinlein. Nur 17 Unternehmen hätten umfassend, verständlich und nachvollziehbar berichtet, sagt er. Dass es geht, zeigten Alte Leipziger, Öffentliche Berlin Brandenburg, WGV und Universa. Am schlechtesten schnitt die Debeka ab.

Die Bafin hingegen beurteilt den ersten Wurf an Berichten merklich milder: Man habe „nicht erwartet, dass diese perfekt sind“. Allerdings gebe es auch Mängel, die abgestellt werden müssten.

Zu dünn ist ungesund, zu dick aber auch

Natürlich ist das neue Risikoregime für die Branche eine enorme Umstellung. Im Kern geht es um die Frage, ob ein Versicherer genügend eigenes Kapital vorhält, um extremen Krisen standhalten zu können. Um das zu messen, wird eine offizielle Solvenzquote gebildet, die das Verhältnis von Eigenmitteln zum geforderten Kapital ausdrückt. Ein Quote von 100 bedeutet, dass ein Versicherer starken Schocks standhält – mit einer Überlebenswahrscheinlichkeit von exakt 99,5 Prozent. Wer diese Hürde nimmt, hat bestanden.

Die Ergebnisse zur Solvenz interessieren neben Aufsicht und Eigentümern naturgemäß auch Versicherungskunden. Sie sind darauf angewiesen, dass die langfristigen Leistungsversprechen in der Zukunft auch eingelöst werden. Dummerweise gibt es aber nicht nur den einen offiziellen Solvenzwert, sondern viele. Die Vielfalt basiert auf unterschiedlichen Berechnungsmethoden, die übergangsweise noch bis zum Jahr 2031 erlaubt sind. Daher wirft jeder Versicherer andere Werte auf den Markt.

Erfreulicherweise standen jedoch beim offiziellen Wert, also inklusive aller erlaubten Übergangshilfen, alle Gesellschaften Ende 2016 stabil mit einer Quote von 100 und mehr da. Also alles im Lot.

Aus Kundensicht ist das allerdings nur die halbe Wahrheit. Die neuen Solvenzzahlen zeigen, wie flüssig ein Versicherer ist, sie funktionieren aber nicht nach dem Prinzip „Je mehr, desto besser“. Weil aus Kundensicht zu wenig Eigenkapital ebenso schädlich ist wie zu viel davon, ähnelt die Bewertung des BdV dem Body-Mass-Index: zu dünn ist ungesund, zu dick aber auch. Sehr hohe Solvenzwerte über 500 wie bei der AachenMünchener nämlich weisen darauf hin, dass die Gesellschaften sehr viel Kapital horten – Geld, das nicht bei den Kunden landet. Aus diesem Grund werten Verbraucherschützer hohe Quoten konsequent ab. „Rote Felder signalisieren: Bei diesen Unternehmen sehen wir Handlungsbedarf“, sagt BdV-Chef Kleinlein.