AktienmärkteHow big is Japan?

Die japanische Wirtshcaft wächst.
Die japanische Wirtshcaft wächst. Pexels

Er war ein Symbol, und in diesem Fall eher ein Symbol des Abschwungs: Als Akihito vor circa 30 Jahren den Thron als Kaiser Japans bestieg, platzte in Tokio die Blase am Aktien- und Immobilienmarkt, das ganze Land geriet in den Abschwung. Praktisch durch die gesamte Amtszeit Akihitos war Japan in den Augen der Welt ein Land in Depression. Am 1. Mai hat sein Sohn Naruhito das Amt nun feierlich über- nommen und verspricht den Beginn einer neuen Ära, die Zeit der „schonen Harmonie“.

An Japans Wirtschaft scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister: Für die einen steht das Land praktisch durchgängig vor dem Kollaps – Überalterung, Verschuldung, weitgehend abgeschottete Strukturen. Für die anderen ist Japan eine wieder aufstrebende Macht, vor allem dank seiner nach wie vor exportstarken und innovativen Unternehmen.

Der Leitindex hat sich verdoppelt

Und tatsächlich, zumindest die Wirtschaftsdaten Japans zeigen schon seit einer Weile bergauf. Zwar hat das Land noch nicht zur alten Stärke zurückgefunden – und erst recht nicht zum Nikkeistand von 39 000 Punkten –, doch der Leitindex hat sich seit dem Jahr 2012 immerhin mehr als verdoppelt. Und das trotz eines herben Rückschlags im vergan- genen Herbst.

Für die gängige pessimistische Einschätzung des Landes steht Starinvestor Jim Rogers. Der verkaufte jüngst all seine Japan-Investments und mahnte, sein „Lieblingsland“ ruiniere sich selbst. Denn über Jahre schob die Regierung die Wirtschaft mit immer neuen Staatsausgaben an, wodurch Japan einen gigantischen Schuldenberg anhäufte, der nun etwa 240 Prozent des Inlandsprodukts BIP beträgt. Dagegen nehmen sich Italiens Verbindlichkeiten (rund 130 Prozent) und selbst die griechischen (rund 180 Prozent) noch halbwegs übersichtlich aus. Selbst Japans Finanzminister warnte vor der „finanziellen Apokalypse“ seines Landes.

Und Schulden sind nicht Japans einziges Problem, ein weiteres ist die Demografie: Weil die Geburtenrate winzig ist, überaltert die Bevölkerung, das bremst jedes Wachstum. Noch legen zwar die Nettogewinne japanischer Firmen stark um elf Prozent jährlich zu, der Rest der Welt kommt nur auf sechs Prozent. Aber der Inlandskonsum bleibt mau, das bestärkt die Zweifler.

IWF hebt Prognose an

Dennoch überwiegen an den Märkten die Optimisten: 2019 werde ein gutes Jahr, ist Japan-Stratege Jesper Koll vom Vermögensverwalter Wisdomtree überzeugt. Er hält die Ge- winnprognosen vieler Unternehmen derzeit für zu konservativ und die Ängste für übertrieben, der US-China-Handelskonflikt könne stark auf Nippons Wirtschaft durchschlagen. Auch der internationale Währungsfonds IWF ließ sich von diesem Risiko nicht abschrecken und hob seine Prognosen für Japan zuletzt an. Das Land sei wenig anfällig für externe Schocks. Viel weniger als andere Industrie- und insbesondere Asiens Schwellenländer.

Es gebe „keine fundamentale Erklärung“ für die derzeitige Nervosität am Markt, sagt auch Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann: „Eine Rezession in Japan wäre extrem überraschend. Wo soll sie denn herkommen? Üblicherweise müsste dafür entweder die örtliche Zentralbank sehr restriktiv handeln, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Oder es müsste eine globale Finanzmarktkrise geben.“ Er sieht in Japan zwar „keine tolle Investmentstory, aber auch keine katastrophale“. Bisher lebe das Land mit hohen Schul- den und mäßigem Wachstum „ganz komfortabel“. Insgesamt sei Japan „ein krisensicheres Investment, wenn auch nicht unbedingt eines, mit dem man Riesengewinne machen kann“.

Warum Japan trotz seiner Schulden als krisenfest gilt? Gerade weil sich der Staat – als bisher recht abgeschottete Ökonomie – unabhängiger von anderen Ländern bewegt. Darum gilt auch der Yen als Flucht-währung. „Und weil seine Inflation und die Zinsen so klein sind, dass es für die Regierung einfach ist, die Schulden zu bedienen“, erklärt Chefvolkswirt Edgar Walk von Metzler Asset Management: „Daher sind die Schulden nicht das Problem. Das entstünde erst mit der Zinslast.“

Japan ist Weltspitze in Künstlicher Intelligenz

Schon seit 20 Jahren versucht die Notenbank Bank of Japan (BoJ), die Inflation anzuheizen, um die Wirtschaft zu beflügeln – doch es gelingt ihr nicht. Woran das liegt, rätseln viele Ökonomen. Schließlich hat die BoJ gigantische Geldmengen in den Markt gepumpt und hält inzwischen nicht nur den Großteil der Staatsanleihen, sondern auch Unmengen von ETFs auf den Nikkei. Der Effekt ist immerhin: Da so viele Staatsschulden in inländischer Hand sind, kann der Staat die Belastung weitgehend selbst steuern.

Anleger können der japanischen Staatsverschuldung ohnehin gelassen entgegensehen, solange sie Aktien kaufen. „Denn damit finanziere ich ja nicht den Staat, sondern Unternehmen, und deren Bilanzen sind meist grundsolide“, sagt Ernst Glanzmann vom Vermögensverwalter GAM, „die meisten verfügen über Nettoguthaben.“ Er managt Japan- Fonds seit dem Amtsantritt von Ex-Kaiser Akihito und ist – vielleicht gerade deswegen – Optimist.

Heute sei es sogar leichter als in früheren Zeiten, Gewinne einzufahren, findet er: „Die fundamentale Ertragswende begann in Japan 2002, da durchschritt das Land die Talsohle und leitete all die Strategieänderungen ein, die es seitdem umsetzt.“ Zu Japans Stärken zählen der breite Mittelstand, auch wenn der nicht die ganz großen Firmennamen hervor- bringt. Außerdem zählt seine Robotik- und IT-Branche in Sachen künstliche Intelligenz und Patente zur absoluten Weltspitze.

Mehr Investionen in Maschinen

Im Grunde ist die IT-Branche sogar dabei, das Demografieproblem zu lösen: Einerseits packen mehr Menschen mit an, um den Schwund von neun Millionen Arbeitskräften bisher aufzufangen. Doppelt so viele Ältere wie 2012 arbeiten, sagt Edgar Walk, das steigere Ein- kommen und Konsum. Andererseits greifen mehr Roboter ein, um Arbeitskräfte zu ersetzen. Die Firmen investieren also mehr in Maschinen. „Auch daraus lässt sich Wachstumspotenzial schöpfen“, sagt Walk. Schon heute liegen die Dividendenrenditen wieder bei rund 2,5 Prozent. Da sei noch mehr drin, findet er. Denn gemessen an langfristigen Kennzahlen seien Japans Firmen noch unterbewertet.

Das Beste kommt noch, ist Fondsmanager Glanzmann überzeugt: „Den Höhepunkt hat Japan nicht überschritten. Das könnte noch für die nächsten fünf Jahre zutreffen.“ Nur einen Fehler sollten Anleger nicht machen: auf den breiten Gesamtmarkt und Indexfonds zu setzen. Denn längst nicht alle Firmen sind gleich fit für die Zukunft aufgestellt, das bewiesen selbst Sony, Toshiba und Fujitsu. Gute Fondsmanager suchen dagegen gezielt nach Zulieferern, Mittelständlern oder Komponentenherstellern, deren Namen kaum einer kennt, die aber künftig weiter wachsen werden. „Man muss unter Wasser gucken, um zu sehen, was im Flussbett liegt“, so nennt Japan-Experte Glanzmann diese Strategie. Das klingt fast schon wie eine japanische Weisheit.