KolumneGesundheits- oder Wirtschaftskollaps - das Dilemma der Politik

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Die politischen Entscheidungsträger vieler Länder sind in ein schweres Dilemma geraten. Sie haben unweigerlich zwischen zwei Malaisen zu entscheiden. Solche Situationen sind nicht neu und im Übrigen das Signum einer veritablen Krise, wiewohl die Details jeder neuen Krise stets völlig verschieden sind.

In den Sinn kommt einem sogleich die Geschichte von Odysseus, der in eine entsprechende Entscheidungssituation während seiner Heimfahrt nach Ithaka gerät. Er steht vor der Wahl gestellt, wo er die Meerenge von Messina passieren soll: näher an der Seite des Felsens von Charybdis, dem Ungeheuer, das ganze Schiffe einsaugt und später ausspeit oder näher an Skylla, dem sechsköpfigen menschenfressenden Ungeheuer. Odysseus folgt dem Rat der Kirke und schifft näher am Felsen der Skylla vorbei. Die Hundsköpfige greift sodann die Mannschaft des Odysseus an und verschlingt sechs seiner Gefährten. Odysseus überlebt, setzt seine Fahrt fort und erreicht schließlich die Heimat.

In den letzten Tagen galt es – grob gesagt – zu entscheiden zwischen Gesundheits- und Wirtschaftskollaps. Beide sind allerdings stark miteinander verwoben. Eine Viruspandemie hat schädigende Auswirkungen auf die Wirtschaft und eine Wirtschaftsdepression zieht gewiss negative Gesundheitsfolgen nach sich. Also muss entschieden werden, bei welcher Option der potentielle Schaden geringer ausfällt.

Der wirtschaftliche Schaden ist größer als der Gesundheitsschaden

Die Politik macht es sich zu einfach, wenn sie einmal mehr behauptet, die von ihr getroffenen Maßnahmen seien alternativlos. Man kennt solche Schutzbehauptungen aus der Euro-Rettungskrise und der Subprime-Krise zur Genüge. Ich selbst neige zu der Einschätzung, dass der wirtschaftliche Schaden den Gesundheitsschaden weit überschreiten wird.

Angesichts des überwiegend milden Verlaufs von Covid-19 außerhalb der Risikogruppen wäre wohl zu überlegen, ob nicht eine Abschottung der Risikogruppen den vielerorts verhängten Ausgangssperren vorzuziehen wäre. Jedenfalls nimmt der wirtschaftliche Schaden in der Welt mit fortdauerndem Ausnahmezustand exponentiell zu. Arbeitslosigkeit, soziale Unruhen, Hunger und Gewalt könnten die Folgen sein.

Derweil sind die Weltbörsen dabei, dieses Szenario in die Kurse einzupreisen. Aktien aus den bereits seit langem schwachen Sektoren Automobil, Maschinenbau, Energie und Chemie waren noch nie so günstig wie heute. Kleinere und mittelgroße Unternehmen werden mit gewaltigen Abschlägen gehandelt. Historische Bewertungen sind außerhalb des Internet- und Medizinsektors unerreichbar weit weg.

Jetzt nicht verkaufen!

In Japan und Südkorea, beides Länder, die mit der Corona-Epidemie wesentlich besser zurande kommen als der Westen, finden sich Aktien mit einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen, bei denen die Hälfte des Marktwertes als Liquidität in der Unternehmenskasse liegt.

Allerdings nährt die Baisse erfahrungsgemäß die Baisse und vernunftbasierte Entscheidungen weichen einer emotionalen Impulsivität, die stets Begleiter von Krisen ist. Im Übrigen herrscht prozyklisches Herdenverhalten vor, wie man an der Beendigung mancher Aktienrückkaufprogramme ersieht. Und die erwartbare ETF-Abverkaufswelle kommt in den USA gerade erst ins Rollen.

Entscheidend aber für den Anleger bleibt, den Kardinalfehler der Aktienanlage zu vermeiden. Er besteht darin, nach einem heftigen Kurseinbruch zu verkaufen. Hartgesottene Investoren werden indes während des Crashs Zukäufe vornehmen, in der Erwartung, dass bei etlichen Aktien sogenannte Worst-Case-Szenarien bereits eingepreist sind.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns