AktienBankaktien im Aufwind

Es ist Sommerflaute, könnte man meinen. Jedenfalls weht an den Börsen insgesamt nur ein laues Lüftchen und die Kurse von Dax und Eurostoxx dümpeln seit Mitte Juni vor sich hin wie Segelboote ohne Wind. Einzig der Dow Jones zeigte sich etwas dynamischer, doch so richtig vom Fleck kam er zuletzt auch nicht mehr. In einer Branche aber weht seit kurzem ein neuer Wind: bei den Banken nämlich. Ihre Aktien steigen schon seit geraumer Zeit wieder. Vor einigen Tagen aber erhielten sie noch einmal mächtig Auftrieb. Sie wären nämlich die Gewinner der Zinswende, die nun auch in Europa immer wahrscheinlicher wird, nachdem Amerika sie längst vollzogen hat. Seitdem ist die Bankbranche an den Börsen im Aufwind – völlig gegen den Trend.

Um ganze 4,4 Prozent legte der Index der europäischen Banktitel auf Wochensicht zu, immerhin zehn Punkte. Das ist in diesen Zeiten schon recht viel, vor allem angesichts der vielen Probleme mit faulen Krediten, vor denen der Sektor immer noch steht, sowie der mangelnden Ertragslage vieler Institute. Der Auslöser für den Aufwärtsdrall war die viel diskutierte Rede von EZB-Chef Mario Draghi. Er lobte das Wachstum in der Eurozone und ließ dabei durchblicken, dass ein Ausstieg der EZB aus der ultralockeren Geldpolitik nun doch irgendwann passieren könne. Das Wort Inflation machte dadurch wieder die Runde. Und die erste Branche, die von steigenden Zinsen profitieren würde, wäre die Finanzbranche.

Für die Kreditinstitute bedeuteten ein paar Basispunkte mehr Zinsen nämlich höhere Margen und nennenswerte Gewinne. Sie würden endlich nicht mehr am Rande der Ertragslosigkeit operieren, sondern könnten wieder Renditen verbuchen. Ein Anstieg des Zinses um 25 Basispunkte würde laut Analysten für die Deutsche Bank einen Nettozinsanstieg um 350 Mio. Euro bedeuten. Würde die EZB den Leitzins sogar zweimal erhöhen, verdoppelte sich dieser Betrag entsprechend. Die Aussichten sind also gut. Allerdings muss man auch sagen, dass ein Zinsanstieg nicht nur positive Effekte hätte, da die Banken inzwischen ebenfalls viele Festzinspositionen und lang laufende Verträge angehäuft haben, die unter einem Anstieg der Zinsen leiden würden. Ihre Zinsänderungsrisiken sind höher geworden, heißt das im Bankenjargon. Darauf wies auch die Bundesbank in ihrem jüngsten Finanzmarktstabilitätsbericht hin.

Im Windschatten amerikanischer Banken

Dennoch sähe die Ertragslage vieler Banken deutlich besser aus, wenn die Phase der Nullzinsen endlich vorbei wäre. Und zumindest die amerikanischen Banken, die diese Zinswende ja bereits erleben durften, stehen auch wieder stabiler da: Erstmals seit der Finanzkrise bestanden alle 34 Institute den Stresstest der Aufsichtsbehörden, vermeldeten die jüngst. Besonders die Eigenkapitalausstattung der Banken ist erheblich besser geworden. Höhere Dividenden haben die Geldhäuser schon angekündigt. Das ließ viele Anleger bereits hoffen und die Kurse steigen. Der Nasdaq-notierte KBW-Bankenindex legte allein in den vergangenen drei Monaten von 90 auf 97 Dollar zu, also knapp acht Prozent. Auf Jahressicht liegt er sogar 50 Prozent im Plus.

Das beflügelt nun auch die europäischen Finanzwerte, die im Windschatten der amerikanischen Institute mitsegeln. Obwohl viele Risiken hierzulande noch längst nicht ausgestanden sind: Laut Branchenexperten hat der Sektor dringend eine weitere Konsolidierung nötig. Viele Banken sind einfach zu klein, um in den ertragsarmen Zeiten überleben zu können. Gerade im Privatkundengeschäft aber zähle Größe, bei der Vermögensverwaltung übrigens auch. Zudem bergen die vielen faulen Kredite in den Bilanzen italienischer Banken noch ein Gefahr. Letztere haben gerade erst 17 Mrd. Euro aus der Staatskasse aufgesogen. Die Regierung stützte notgedrungen ihre Banken, um Pleiten zu vermeiden. Auch Spanien ist nur knapp einer Großpleite entgangen, weil die Santander die strauchelnde Banco Popular in einem Notkauf übernahm und dadurch rettete. Nach großer Entwarnung klingt das alles noch nicht.

Auch die deutschen Banken ringen noch heftig mit Rückstellungen für die Regulierungsbehörden, mit Kosten für Rechtsstreitigkeiten und mit dem Ansehensverlust, den sie in den vergangenen Jahren erlitten haben. Auch bei ihren eigenen Mitarbeitern. Mit Ihren Geschäftsmodellen und den breit eingeleiteten Sparkursen sowieso. Und trotzdem preschen sie alle dem übrigen Aktienmarkt nun davon. Und zwar deutlich. Da kann man sich schon fragen: Warum?

Niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis

Mit einem beeindruckenden Kursplus von gut 80 Prozent kann die Commerzbank seit Juni letzten Jahres aufwarten. Die Deutsche Bank brachte es auf immerhin 50 Prozent. Der Dax-Sector-Banken-Index hatte zwar einen leichten Durchhänger im April, stieg aber seit Juni ebenfalls steil an und kletterte auf Jahressicht von 80 auf 131 Punkte. Auch die europäischen Wettbewerber HSBC, BNP Paribas und Société Générale kommen auf ähnliche Wachstumsraten bei den Aktienkursen und legten rund 55 oder gar 64 Prozent zu. Aufs Jahr gesehen gewann auch der Eurostoxx-Bankenindex stolze 50 Prozent hinzu. Sind die Bankaktien also nach ihren Tiefstständen vor einem Jahr nun im stabilen Aufwärtstrend?

Commerzbank Aktie

Commerzbank Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Einerseits sieht es schwer danach aus. Denn die Finanzwerte galten lange als unterbewertet, was ihre Kurse im Vergleich zu den inneren Werten der Geldhäuser anbelangt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis vieler Bankaktien liegt derzeit noch immer bei 10, bei manchen sogar darunter. Das heißt, die Papiere sind sehr billig zu haben und ihr Kauf müsste sich innerhalb von zehn Jahren allein über die Ausschüttungen rechnen. Üblich ist im Dax ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15, wenn man es langfristig betrachtet. Zuletzt haben daher viele Aktienanleger vor allem von Technologieaktien in den Banken-Sektor umgeschichtet. Weil sie davon ausgehen, dass mit der Normalisierung der Geldpolitik nun auch die Finanzbranche wieder wächst. Die Frage ist allerdings: Wie lange noch?

Das Wachstum von 50 Prozent innerhalb eines Jahres wirkt natürlich beeindruckend. Und wer bereits vor einem Jahr den richtigen Riecher hatte und sich mit den passenden Papieren eindeckte, der hat davon enorm profitiert. Im Grunde aber machten die Banken damit nur die Delle wieder wett, die ihre Branche zuletzt bis zu eben jenem Juni 2016 erlitt. Der Eurostoxx Bankenindex etwa war nämlich von Juli 2015 bis Juni 2016 von 225 Punkten auf rund die Hälfte abgesackt. Genau das hat er nun fast wieder aufgeholt – und es sieht auch so aus, als ob er den Rest noch schaffen würde. Es wären also für Früheinsteiger weitere Gewinne drin. Was aber ist mit den Anlegern, die erst jetzt wieder Vertrauen in den Bankensektor fassen – lohnt sich für sie der Einstieg auch? Die Frage ist schwerer zu beantworten.

Gefangen in einer langen Seitwärtsbewegung

Wenn man sich den Index langfristig ansieht, zum Beispiel auf zehn Jahre, dann ist es längst nicht ausgemacht, dass sich die Bankaktienkurse in absehbarer Zeit weit über die derzeitigen Marken – von rund 190 beim Eurostoxx-Banken-Index – hinaus aufschwingen. Bis etwa 240 Punkte könnte die Eurostoxx-Banken-Rally freilich noch weitergehen. Das wären immerhin noch einmal rund 33 Prozent Steigerungspotenzial. Es könnte jedoch auch sein, dass die längere, quälende Seitwärtsbewegung anhält, die mit dem Ende der Finanzkrise begann. Sie ließ zuletzt die Kurse immer wieder zwischen 140 und 220 schwanken. Ob die Banken es schaffen werden, diesen Korridor wieder nennenswert nach oben zu durchbrechen – und damit wieder an ihre alten Höchststände anzuknüpfen, die immerhin bei 400 und 500 Punkten gelegen haben – das ist die große Frage. Die Antwort ist nicht zuletzt davon abhängig, dass die Zentralbank tatsächlich die Zinsen im Euroraum anhebt. Und dass nicht nur der Konsum wächst, sondern auch die Investitionen anziehen und die Wirtschaft ankurbeln. Auf beides darf man gespannt sein.

Wer positiv gestimmt ist und an den Aufschwung der Banken glaubt, der kann entweder auf Einzelaktien setzen. Für die deutschen Institute Commerzbank und Deutsche Bank sind Analysten jedoch momentan eher neutral eingestellt. Kaufs- und Verkaufsempfehlungen halten sich eher die Waage, die meisten sagen: Behalten, wenn man sie schon hat. Deutlichere Kaufempfehlungen sprechen sie derzeit zum Beispiel für die Aktien der BNP Paribas und Société Générale aus. Für beide sind sie mehrheitlich sehr positiv gestimmt. Gefahrloser ist im Vergleich natürlich der Kauf eines Indexpapiers, etwa auf den Eurostoxx-Banken- oder auf den amerikanischen KBW-Banken-Index. Manche Marktbeobachter raten auch zu Bonus Zertifikaten auf den Eurostoxx-Banken mit Cap. Hiermit aber beschneiden sich Anleger aber selbst, denn steigen die Kurse weiterhin rasant an, verzichten sie auf einen Teil der Gewinne, weil der Cap ihre Partizipation daran nach oben begrenzt.

Im Grunde müsste man bei den derzeitigen Aussichten sagen: Wer zu diesem Zeitpunkt auf den Bankensektor setzt, der sollte für dieses Risiko auch später ordentlich entlohnt werden. Und sich daher nicht von vornherein selbst beschränken, indem er mögliche Gewinne deckelt. Denn Segler wissen, wie schnell auf der See aus einer Flaute ein antriebsstarker Wind werden kann.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen. Mehr von Nadine Oberhuber: Wie Draghi die Märkte erschrecktBei Schwellenländern ist Ausdauer gefragt, ETF – Fluch oder Segen? und Das Geld liegt auf der Straße


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