KommentarGameStop und die neuen Wölfe der Wall Street

GamesStop: Die Aktie ist der Überflieger an der Wall Street, dabei ist die Ladenkette für Computerspiele fast pleiteGetty Images

Diese Woche wurde an der Börse Geschichte geschrieben. Vermutlich muss sie nicht neu- oder umgeschrieben werden, aber wir reden von einem Ereignis, das in diesen ewigen Atemzügen genannt werden wird, mit denen man Wahnsinn, Exzesse und Manien an den Märkten umreißt.

GameStop – eine darbende Handelskette für Videospiele – ist in eine irre Spekulationsschlacht geraten, in ein Gefechtsfeuer zwischen zahllosen kleinen Tradern und mächtigen Hedgefonds, das immer noch nicht vorbei ist. Es ging sogar soweit, dass Plattformen wie Trade Republic oder Robinhood, die den Trading-Boom monatelang befeuert haben, das erste Mal Beschränkungen für den Handel erlassen haben.

Eine Armee von verstreuten Amateuren, die sich in sozialen Medien austauschen, verabreden und organisieren, hat erfahrene Investoren in Milliardenverluste gestürzt. „Ein Krieg ist ausgebrochen“, schrieb das „Wall Street Journal“. „Die Machtverhältnisse an der Wall Street verschieben sich.“ Die „atemberaubende Rallye bei Aktien von Unternehmen, die einst für tot gehalten wurden“, habe die „natürliche Ordnung zwischen Hedgefonds und denjenigen, die sich im Handel vom Sofa aus versuchen, auf den Kopf gestellt“. Die „Financial Times“ schrieb, GameStop sei das „Epizentrum eines Krieges zwischen „Hedgefond Pros“ und „Reddit Bros“ geworden.

Verkehrte Börsenwelt

Seit jeher heißt es, Kleinanleger spielten an den Märkten im Grunde keine Rolle. Die Kurse bewegen die mächtigen Fonds und erfahrenen Investoren in New York, London, Frankfurt und Hongkong. Die Kleinen können nur auf den Zug und die Hypes draufspringen, wenn es in der Regel zu spät ist, und die Großen längst Kasse gemacht haben.

Die Kleinen bringen immer nur das „dumb money“. Insofern war diese Woche schon verkehrte Welt. In den USA machen die Robinhood-Trader laut Daten von Bloomberg allerdings inzwischen 20 Prozent des Börsenhandels aus. Auch wenn sie keinen Plan haben, spielen sie eine Rolle. Diese neue Spezies könnte zumindest den Shortsellern einige Zeit oder künftig immer wieder das Leben schwer machen, denn eines haben sie ja gezeigt: Es ist möglich. Und damit auch: jederzeit wieder möglich. Verändert Reddit also den Aktienhandel so wie Facebook und Twitter die Spielregeln der Politik umgekrempelt haben, fragte denn auch die „Financial Times“.

Man sollte den Kampf um GameStop und andere Aktien wie den Kinobetreiber AMC oder BlackBerry nicht verklären oder idealisieren. Diese Trader haben kein Anliegen, keine Mission, kein höheres Ziel wie Gerechtigkeit. Sie sind nicht „Occupy Wall Street“, nur diesmal bewaffnet mit Apps und Optionen statt Plakaten und Zelten, auch wenn die Zockerei hier und da als Verteilungskampf inszeniert wird.

Viele der „Robin Hoods“ werden Geld verlieren

Höchstwahrscheinlich haben wir diese Woche keine strukturelle Machtverschiebung erlebt – eher eine Neuauflage des Sturms auf das Kapitol: Da hat eine Meute einmal gezeigt, wozu sie fähig ist. Genauso wild, allerdings ohne die Abscheu hervorzurufen, wie bei dem Angriff auf die Demokratie Anfang Januar, im Gegenteil: Man kommt aus dem Staunen und Grinsen ja gar nicht mehr raus.

Wenn man etwa liest über Aktienkurse, die die Leute zum „fucking moon“ treiben wollen, und Trader, die sich „Short Squeeze Astronaut“ nennen. Wenn man diese frechen Botschaften liest wie: „Bitte sagen Sie dem Wolf der Wall Street, dass die Taube von San Francisco sein Lunch essen wird.“ Oder: „Wir sind besser darin, irrational zu sein, als Melvin darin, solvent zu sein“ (Melvin Capital ist einer der Shortseller, der vor der Meute kapitulieren musste und mit 2,75 Mrd. Dollar von anderen Investoren gestützt wurde.)

Man freut sich auch, wenn man von einem Trader liest, der innerhalb kurzer Zeit 150.000 Dollar verdient hat und damit zum größten Teil seine Studentenkredite tilgt. Aber: Sehr viele werden auch Geld verlieren, wenn die Smarten und Aufrührer aus der Armee der Amateure längst weitergezogen sind. Denn wollen alle auscashen, also durch die gleiche Tür raus, fällt der Kurs in sich zusammen. Dann werden viele der „Robin Hoods“ Geld verlieren.

Wahnsinn bleibt am Ende Wahnsinn

Die Schadenfreude kann man sich natürlich schwer verkneifen, wenn ein Hedgefonds, der mit Wetten gegen Unternehmen prächtig Geld verdient, von anderen Hedgefonds mit Milliarden gerettet werden muss, weil ein Heer von Tradern zum Angriff geblasen hat. Es ist auch amüsant zu lesen, dass die Börsenaufsicht SEC noch rätseln muss, ob man Trader, die sich auf Foren wie Reddit austauschen, als „Gruppe“ bezeichnen kann – was eine Voraussetzung wäre, um organisierte Marktmanipulation nachzuweisen.

Wahnsinn bleibt am Ende allerdings Wahnsinn. Eine wirkliche Revolution stürzt nicht nur plötzlich eine alte Ordnung um, sondern will eine neue errichten. Das passiert ja nicht. Auch wenn die Plattform Robinhood erneut versichert hat, dass sie „Finanzen für alle demokratisieren will“. Noch reden wir ja eher über Anarchie als Demokratie: Die Aktie von GameStop, dessen Umsätze im vergangenen Jahr um ein Drittel eingebrochen sind, wurde innerhalb kurzer Zeit von 18 auf nahezu 500 Dollar getrieben, der Wert des Unternehmens erreichte 28 Mrd. Dollar, höher als die Hälfte der Unternehmen im S&P500. Gestern brach er um fast die Hälfte ein, bevor er wieder anzog.

Dieses Spiel kann außer Kontrolle geraten und die Schadenfreude schnell enden. Wenn etwa der Zusammenbruch eines Hedgefonds eine Kettenreaktion auslöst, wie wir es 1998 mit LTCM erlebt haben. „Das alles ist unnatürlich, ungesund und gefährlich“, sagte denn auch Michael Burry, der berühmte Investor aus „The Big Short“, der mit seinen Wetten gegen den amerikanischen Immobilienmarkt Milliarden machte. (Auch bei GameStop hatte er den richtigen Riecher, seine Positionen lagen zwischenzeitlich um 1500 Prozent im Plus. Er war es auch, der seit vergangenem Frühjahr die Aufmerksamkeit der Trader auf GameStop lenkte.)

Fundamentaldaten spielen keine Rolle mehr

Was heißt das alles für Sie? Schauen Sie zu und machen sie ja nicht mit. Es ist ein fluides Phänomen, unkontrollierbar, vermutlich nicht nachhaltig und tektonisch, aber jederzeit wiederholbar. Es ist neuartig, weil wir hier kein klassisches Schneeballsystem und keine übliche Blasenbildung beobachten, denn diese basiert ja immer auf unbewussten Instinkten sowie Manipulationen und Betrug. Auch jetzt ist Gier im Spiel, aber eben auch Tollkühnheit, die Flashmob-Trader zeigen ein Bewusstsein, wie man in Echtzeit, transparent und sehenden Auges den Wahnsinn organisiert: Jede Short-Position ist angreifbar, selbst wenn sie gerechtfertigt ist – was ja oft der Fall ist.

Wir erleben eine neue Kombination von „Animal Spirits“ plus Shitstorm, eine launische und wilde Verabredung zur Ektase. Fundamentaldaten, wie sie für klassische Short- oder Long-Wetten wichtig sind, spielen keine Rolle mehr. „Mir war nicht klar, dass es so kultig ist“, bekannte der Leerverkäufer Andrew Left von Citron Research, eines der Opfer. „Es ist ein Werde-schnell-reich-Schema.“

Wenn wir allerdings über Wahnsinn sprechen, sollten wir uns nicht zu sehr erheben, denn dann können wir in der nächsten Runde gern über Tesla sprechen. Oder über den Boom der Tech-Aktien. Oder über die größte Geldbeschaffung von Unternehmen in den ersten drei Wochen des Januars seit zwei Jahrzehnten – in Höhe von 400 Mrd. Dollar. Oder über die Märkte insgesamt. GameStop ist ein extremer Ausreißer an Wahnsinn, eine Perversion, ein Symbol, eine neue Runde, eine Variation – vielleicht aber eben auch ein Vorbote für das Endspiel des ganz großen Wahnsinns, den wir schon seit einigen Jahren erleben.

 


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