KolumneGamestop-Revolution beendet

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Immerhin, Gamestop geht als aufregende Anekdote in die an Geschichten reiche Börsenhistorie ein. Zu einer Revolution der Kleinanleger gegen die Hedgefonds, wie es in den Medien mit Vorliebe dargestellt wird, ist es nicht gekommen. Vielmehr hat der Kursverlauf des defizitären Videospielhändlers seinen erwartbaren Weg genommen. Die Börsenkurse mögen zwar durchaus nicht stets korrekt (man spricht von ‚markteffizient’) den Wert eines Unternehmens reflektieren, aber der Umkehrschluss, dass nämlich Kurs und Wert kaum etwas miteinander zu tun haben, ist der gefährlichere Irrtum.

Die Börse ähnelt zuweilen einem Land mit vielen Irrgärten; ein kollektives Irrenhaus ist sie aber nicht. Dementsprechend musste auch dieser spekulative Exzess ‚notgedrungen‘ auf einen Absturz hinauslaufen, wie der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith vor vielen Jahren über das Wesen der Spekulation treffend schrieb.

GameStop Aktie

GameStop Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Beachtenswert ist in diesem Fall einmal mehr die Rolle des Internets. Dessen Reichweite und Geschwindigkeit kann rasch zu großen Bewegungen und vor allem Herdenverhalten führen. Zwar belegen die Breite und Wucht einer Bewegung keineswegs deren Richtigkeit, sie kann aber dadurch zu einem Faktor mit Eigenleben werden. Nirgendwo ist dies deutlicher geworden als durch die Präsidentschaft Donald Trumps, der ein Meister in der Nutzung des Netzes für seine eigenen Zwecke war. Nachdem aber die großen Internetgesellschaften ihm den Zugang zu Netz verstellt haben, hört man nichts mehr von ihm.

Lehrreiche Episode für Kleinanleger

Aber auch die interpretierenden Medien tragen das Ihre zu solchen Aufmerksamkeitsanomalien bei, indem sie durch marktschreierische Wortwahl die Themen überhöhen. Man denke etwa an die Erstürmung des amerikanischen Kapitols, die als Umsturzversuch verkauft wurde. Bei genauerem Hinsehen erinnerte die Szenerie eher an die Erstürmung des Kölner Rathauses am 11.11. durch eine verkleidete Narrentruppe, denn an eine gut organisierte Revolution bewaffneter Aufständischer.

André Kostolany, der 1999 verstorbene geistreiche Börsenspekulant, sah in der Gier der Menschen, schnell und ohne Arbeit viel Geld zu machen, als Triebfeder jedweder Spekulation an. Ich setze hinzu, dass ein großer Optimismus, wie er in der amerikanischen kulturellen DNA zu liegen scheint, spekulatives Verhalten zusätzlich begünstigt. Hinzu kommt noch dasjenige, was John Meynard Keynes ‚animal spirits‘ nennt, nämlich der spontane Drang, bei einer aufsehenerregenden Entwicklung selber aktiv werden zu wollen, anstatt sich Zurückhaltung aufzuerlegen.

Die eingetretenen Verluste dürften der sicherste individuelle Schutz vor weiteren spekulativen Abenteuern. Insofern mag die Gamestop-Spielerei für viele junge Privatanleger eine lehrreiche Episode sein. So sehr Momentum-getriebene prozyklische Anlageansätze derzeit an der Börse Konjunktur haben, so wahr ist aber auch, dass im Laufe der Zeit Unternehmen und deren Kurse sich so entwickeln wie ein Mensch und sein Schatten. Es ist eben kein Zufall, dass Apple das teuerste amerikanische, SAP das wertvollste deutsche und LVMH das wertvollste französische Unternehmen ist.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns