KolumneETFs machen aus schlechten Anlegern keine guten

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Kürzlich traf ich einen Bekannten, dem ich vor einer Weile einen Indexfonds (ETF) für seinen neugeborenen Sohn empfohlen hatte. Ein bisschen etwas wollte er zur Seite legen, bis der volljährig sei. Ich ließ mich breitschlagen, ihm einen zu nennen.

Ein Fehler. Denn frustriert winkte er mit seinem Smartphone, wo er sich sogleich in das Depot seiner Bank einloggte, um mir das ganze Desaster zu zeigen: Lumpige zehn Prozent habe der ETF gemacht binnen drei Jahren. Hingegen der Dax: über 30 Prozent. „Da hast du mir eine Gurke empfohlen!“, beschwerte er sich, er will bald mal „tauschen“.

Die aktuelle Capital

In dieser Szene steckt eine Reihe von Hinweisen darauf, dass ETFs auf Indizes wie den Dax oder Euro Stoxx 50 in den kommenden Jahren für viel Verdruss sorgen werden. Viele Anleger sehen sie als eine Art Zauberformel für eine rentable Geldanlage. Sie sind meist einfach und günstig, dazu der Liebling von Verbraucherschützern und Medien.

Es ist aber ein Fehler, dem Vehikel zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es in Wahrheit auf seinen Nutzer ankommt: Wenn jemand in einem VW Golf für 20.000 Euro ein schlechter Autofahrer ist, dann wird er kein besserer, nur weil er plötzlich in einem Ferrari sitzt – auch dann nicht, wenn der Ferrari sogar billiger ist.

Mein Bekannter hat für seinen Sohn einen Anlagehorizont von vermutlich 15 bis 20 Jahren. Das ist perfekt für eine weltweite Aktienanlage. Eigentlich müsste er den Zugang zu seinem Depot wegschließen und seinen ETF schlicht vergessen. Stattdessen daddelt er oft auf seinem Smartphone herum, um den Stand zu prüfen. Dabei übersieht er die jährlich ausgeschütteten Dividenden seines ETF und vergleicht den Zuwachs globaler Aktien mit dem Dax.

Geduld ist gefragt

Aber das sind alles Feinheiten. Die Wahrheit ist: Mein Bekannter ist nicht geeignet, um in ETFs zu investieren. Mein Fehler, das nicht erkannt zu haben. Wenn er schon in einem Superbullenmarkt wie jetzt schnell unruhig wird, wie ist es wohl um seine Nervenstärke bestellt, wenn sein ETF in der nächsten großen Korrektur um 20, 30 oder gar mehr Prozent Schlitten fährt?

Mit ETFs stellen sich die gleichen Probleme wie mit jedem Fonds und jeder Aktie auch: Nicht das Produkt ist entscheidend für den langfristigen Anlageerfolg, auch nicht, ob es 0,1 oder 1,5 Prozent Gebühren pro Jahr kostet. Sondern ob sein Käufer nervenstark genug ist, langfristig daran festzuhalten.

Das werden künftig immer weniger Anleger sein: Neun Jahre Bullenmarkt und der Riesenlauf des Dax wecken animalische Instinkte. Der Zugriff auf Depots über Smartphones ist schneller und leichter denn je, der Handel ebenfalls. Banken werden sich als Folge der Regulierung immer stärker aus der Beratung herausziehen und fallen als Disziplinierer weg. All das verleitet zu Entscheidungen, die in der Praxis viele Anleger durch prozyklisches Verhalten mehr Rendite kosten werden, als sie zuvor dank der niedrigen Gebühren bei ETFs gespart haben.