KommentarEine Börsenrally ohne Champagner

Fed-Präsident Jerome Powell zeichnete ein düsteres Bild von der wirtschaftlichen Lage in den USAimago images / Xinhua

Es hat nur einiger Worte der US-Notenbank Fed bedurft, um die Börsen diese Woche in die Knie zu zwingen. Zwischen vier und mehr als sechs Prozent ging es nach unten, es war die größte Korrektur seit dem Einbruch im März. Das Eigentümliche ist, dass die Fed gar nicht so viel Neues verkündet, sondern nur noch einmal festgestellt hat, was ohnehin alle wissen, ahnen und fürchten: Es kann eine zweite Welle der Pandemie geben, und es wird eine Weile brauchen, bis sich die Wirtschaft erholt.

„Vor der Wirtschaft liegt ein sehr unsicherer Weg“, sagte US-Notenbankchef Jerome Powell. Er sprach vom „größten wirtschaftlichen Schock, an den wir uns erinnern können“. Nun gibt es bei vielen Themen ja die Regel, dass schon viel dazu gesagt wurde, nur nicht von jedem – und bei Notenbankern ist das noch mal etwas Besonderes. Selbst wenn sie feststellen würden, dass am Wochenende die Sonne scheint oder die Erde eine Kugel ist, würde das irgendeine Reaktion hervorrufen. Also: What’s the news?

Es gab einen Satz, der in seiner Deutlichkeit und Diktion, ja seiner Barschheit aufhorchen ließ: „Wir denken noch nicht einmal daran, über eine Zinserhöhung nachzudenken“, sagte Powell. Die Zinsen werden also in den USA auf Jahre an der Nulllinie bleiben – ein Zustand, an den die Europäer schon gewöhnt sind. Wenig Hoffnung und viel Vorsicht bis ins Jahr 2022.

Die Märkte bleiben volatil und unsicher

Der Markt war reif für diese Korrektur, und es dürfte nicht die letzte gewesen sein – allein der Dax war innerhalb von elf Tagen um 19 Prozent gestiegen, der Tech-Index Nasdaq hatte sogar das Vorkrisenniveau überschritten. Powell war der Auslöser, nicht der Grund für die Korrektur. Seit einigen Wochen war vielen Investoren und Kommentatoren mulmig zumute, angesichts vieler Indizes, die seit Wochen stiegen, während sich die Pandemie um den Globus ausbreitete. Die Pessimisten (das etwas größere Lager) warnten, dass die Optimisten zu leichtfertig seien, weiter auf eine V-förmige Erholung zu spekulieren. Die Optimisten fanden, dass die Börsen der realen Wirtschaft immer vorauslaufen, und die Erholung vorwegnehmen.

Nasdaq 100 Index

Nasdaq 100 Index Chart

Anleger müssen sich also darauf gefasst machen, dass es solche Korrekturen und Einbrüche immer wieder geben wird, die Märkte bleiben volatil und unsicher. Es kommt nämlich hinzu, dass wir die Folgen dieser Krise immer mehr schwarz auf weiß sehen. Bisher mussten wir vor allem mit vagen oder düsteren Prognosen arbeiten, mit Zahlen, die uns Ausschnitte lieferten, Anhaltspunkte – etwa Daten von Airbnb, Apple oder Reservierungsdiensten. Viele Daten aus dem April und Mai lagen noch nicht vor. Nun erhalten wir immer mehr Zahlen aus dem zweiten Quartal, diese Woche etwa die Nachricht, dass die deutschen Exporte im April um fast ein Drittel eingebrochen sind.

Zinsen bei null oder darunter über viele Jahre werden eine Auswirkung auf alle Asset-Klassen haben, wenn sich die Cash-Puffer überall auflösen und mit dem frischen Geld nach Renditen gesucht wird. Davon werden Aktien profitieren, selbst wenn die Umsätze der Unternehmen sinken und Dividenden gestrichen werden.

Vermutlich sprechen deshalb auch viele Investoren von der „meistgehassten Rally“ aller Zeiten, weil sie inmitten der Not, des Elends, zwischen Wellen der Pandemie und der neuen Geldflut der Notenbanken stattfindet. Die Erholung seit April war ohne Euphorie, ohne Champagner, der Optimismus so rar wie im März die Atemschutzmasken. Die Angst, etwas zu verpassen, ringt mit einem Bündel ganz neuer Ängste, bei denen viel Ungewissheit im Spiel ist. Es heißt, solange es keinen Impfstoff gebe, werde es keine Konzerte und Festivals geben. Das gilt auch für die Zuversicht an den Märkten.

 


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