KolumneDeutschlands Finanzmarkt ist bestenfalls auf Zweitliganiveau

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Trotz Wirecard-Skandal und Greensill-Pleite ist die Bundesfinanzaufsicht Weltklasse – zumindest wenn es nach Ex-Bafin-Chef Felix Hufeld geht. Am ersten April hätte man diese Aussage für einen gelungenen Scherz gehalten, tatsächlich erklärte Hufeld aber Ende März vor dem Wirecard-Untersuchungsauschuss des Bundestages: „Die Bafin wird weltweit – ohne jeden Zweifel – als eine der leistungsstärksten Aufsichtsbehörden angesehen“. Sein designierter Nachfolger Mark Branson gab sich kurz davor bescheidener, indem er meinte, Deutschland brauche eine Finanzaufsicht von „Weltklasse“.

Vergleicht man diese Ansprüche mit der Realität, wird deutlich: Deutschlands Finanzmarkt, vor allem der Eigenkapitalmarkt, besitzt bestenfalls Zweitliganiveau. Wozu braucht es dann eine Finanzaufsicht, die meint, „Weltklasse“ zu sein? Viel wichtiger für den Wohlstand der Bevölkerung wäre doch ein erstklassiger Kapitalmarkt.

Länder, die in Kapitalmarktdingen an der Weltspitze stehen, weisen meist auch ein besonders hohes Wohlstandsniveau auf. Daher wäre die Politik gut beraten, ihren Fokus nicht auf die Finanzaufsicht, sondern auf die Förderung des Finanzmarktes zu richten. Vielleicht ist es dann irgendwann einmal möglich, dass deutsche Start-ups nicht auf ausländische Wagniskapitalgeber angewiesen sind.

Zwar wird es wohl Utopie bleiben, dass die deutsche Bevölkerung in größerem Umfang Miteigentümerin der Wirtschaft durch Aktienbesitz wird, aber es wäre schon viel gewonnen, wenn die Politik Aktienanleger im Vergleich zu klassischen Sparern nicht länger benachteiligen würde – vor allem angesichts der nicht enden wollenden Nullzinsen. In einem Idealszenario könnte der deutsche Aktienmarkt eine Bedeutung erlangen, die der Größe und Wichtigkeit der deutschen Wirtschaft entspricht.

Risikophobie, Beamtenmentalität und Perfektionismus

Das mag Wunschdenken sein angesichts einer politischen Führungsschicht, die das Thema bewusst seit Jahrzehnten ignoriert. Der Reformkanzler Gerhard Schröder hatte in seiner heutzutage sensationell anmutenden Agenda 2010 auch den deutschen Finanzmarkt erheblich stärken wollen (man denke etwa an kapitalgedeckte Altersvorsorgekonzepte wie Riester- und Rürup-Rente). Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben und über gute Ansätze kam Rot-Grün damals leider nicht weit genug hinaus.

Seither hat es unter den Sozialdemokraten von CDU/CSU und SPD überwiegend Rückschritte und vor allem höhere Steuern gegeben. Es spricht für sich, wie wichtig die staatliche KfW-Bank inzwischen für die Bundesregierung ist, um den Finanzmarkt zu steuern. Ordnungspolitisch würde sich Ludwig Erhard, der erste Reformkanzler der Bundesrepublik, im Grabe umdrehen, wenn er den Staatsdirigismus mitansehen müsste, bei dem auch die Europäische Zentralbank kräftig mitmischt.

Am Tag von Hufelds lobender Aussage über die Bafin erschien auch ein FAZ-Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden von Boehringer Ingelheim mit dem Titel: „Wir beschäftigen uns in Deutschland immer zuerst mit den Risiken.“ Dieses Zitat hilft bei der Suche nach den Gründen für die Zweitklassigkeit des hiesigen Finanzmarktes: Risikophobie, Beamtenmentalität und nicht zuletzt ein Hang zum Perfektionismus verhindern das beherzte und pragmatische Ergreifen von Chancen.

Allerdings ist zu befürchten, dass das mittlerweile die überwiegende DNA unserer überalternden Bevölkerung ist. Es ist deshalb auch nicht unlogisch, dass andere Wirtschaftsregionen wesentlich bessere Wachstumsdynamik an den Tag legen. Und aus Brüssel sind keine Impulse zu erwarten. Die Zeiten, in denen man sich dort zum Ziel gesetzt hatte, die wettbewerbsfähigste Region der Welt zu werden, sind lange vorüber. Für den Finanzmarkt gilt diese Feststellung allemal.


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns