KommentarDeutsche Telekom: Erlösung für Anleger

Logo der Deutschen Telekom am Hauptsitz in Bonn IMAGO / Dominik Bund

Das Trauma entsteht

Die Deutschen waren nicht immer so aktienscheu wie heute. Sie haben sich einmal mitreißen lassen. 1996 haben sie sich vom verstorbenen Schauspieler Manfred Krug becircen lassen. Er, vor dem Computer, im – damals noch nicht omnipräsenten – Internet surfend, schaut in die Kamera: „Und wenn die Telekom jetzt an die Börse geht, gehe ich mit.“ Dann fragt er die Zuschauer des TV-Werbefilmchens: „Und sie?“

Der damalige Telekom-Chef Ron Sommer beim Börsengang 1996

Die zogen mit. Genauer gesagt packte die gesamte Nation das Börsenfieber. Am 18. November 1996 griffen sie für rund 14,60 Euro – damals 28,50 DM – zu, viele von ihnen kauften zum ersten Mal Aktien. Sie zogen mit, als die Telekom am 28. Juni 1999 zum zweiten Mal Aktien zum Stückpreis von 39,50 Euro ausgab. Der damalige Vorstandschef Ron Sommer versprach, dass die Aktie so sicher sei, wie eine „vererbbare Zusatzrente“. Das Papier boomte und der Aktienkurs erreichte am 6. März 2000 sein Allzeithoch bei 103,50 Euro.

Dann geriet die Deutsche Telekom jedoch in einen Strudel aus Skandalen und die Aktie stürzte ab: Der Bonner Konzern hatte Immobilienbestände überbewertet, das Vertrauen schwand. Bei der dritten Ausgabe von Aktien im Juni 2000 konnte die Deutsche nur noch 63,50 Euro je Aktie erlösen. Nachdem das Unternehmen auch noch für die Übernahmen der US-Mobilfunkanbieter Voicestream und Powertel ein Vermögen hinblätterten, nur einen Monat nach der dritten Aktienausgabe, war der Zauber endgültig verpufft. Der Crash am Neuen Markt gab der Aktie den Rest. Die Deutschen blieben traumatisiert zurück. Die Skepsis gegenüber den Aktienmärkten hat sich bis heute ins Volksgedächtnis eingebrannt.

Deutsche Telekom Aktie

Deutsche Telekom Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Der Sieg

Am Dienstag jedoch hat das Oberlandesgericht in Frankfurt am Main ein Vergleichsangebot der Telekom an die Geschädigten des dritten Börsengangs zugelassen, mit dem höchstrichterlichen Ratschlag, dieses anzunehmen. „Der Senat legt allen Beteiligten nahe, diesen Vergleich abzuschließen“, sagte der Vorsitzende Richter Bernhard Seyderhelm.

Es ist ein Sieg der Anleger über die Konzerne und über das Vorurteil vieler Aktienskeptiker, die behaupten, dass die „bösen Konzerne“ mit dem Investorengeld machten, was sie wollten und der kleine Privatanleger dem Treiben nur ohnmächtig zuschauen könne. Die Dax-Konzern wird voraussichtlich eine dreistellige Millionensumme hinblättern müssen.

Dieser Sieg hat den Klägern in Deutschland viel Geduld abverlangt, mehr als den geschädigten Investoren in den USA, die bereits 2005 mit 120 Mio. Dollar besänftigt worden waren. Hierzulande reichte die Rechtsanwaltskanzlei Tilp erstmals im April 2001 Musterklage beim Landgericht in Frankfurt am Main ein. Seit 2001 vertritt Tilp Rechtsanwälte aus Tübingen circa 300 Mandanten. Federführend bearbeitet wurde diese Sache von Andreas Tilp und Peter Gundermann. Bundesweit hatten sich bis dahin jedoch 16.000 Kläger gegen die Telekom gerichtet.

Aufgrund der Vielzahl der Kläger wird 2005 das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMug) erlassen. Das erlaubt es, die vielen Klagen gegen ein Unternehmen wegen irreführender Kapitalmarktinformationen zu bündeln und vom Oberlandesgericht entscheiden zu lassen. Der im April diesen Jahres verstorbene Gründer der Rechtsanwaltskanzlei Tilp, Andreas Tilp, ist für diesen Meilenstein mit dem Spitznamen „Mr. KapMug“ bezeichnet worden. „Das KapMug hat Aktionären die Möglichkeit gegeben, sich zu solidarisieren und gegen übermächtig wirkende Konzerne vorzugehen“, sagt Peter Gundermann im Gespräch mit Capital. Das Vergleichsangebot jetzt zeige, dass es funktioniere. „Man braucht einen langen Atem, kann aber erfolgreich sein.“

Das KapMug ist ein Neustart – und gleichzeitig die erste Verzögerung im Prozess. Auch, weil es nicht einwandfrei funktioniert, wird es später novelliert. 2014 erhalten die Kläger erst vom Bundesgerichtshof und 2016 dann auch vom Oberlandesgericht recht.

Der Fehler der Telekom

Entscheidend dafür waren nicht die überbewerteten Immobilien, sondern die US-Mobilfunkfirma Sprint, die lange als Übernahmeziel der Telekom galt. Stattdessen kaufte diese 2000 Voicestream und Telekom. Daraus entstand die US-Tochter T-Mobile. Seit 1999 war der deutsche Konzern jedoch an Sprint beteiligt. Diese sollte verkauft werden, aber zunächst ist sie an die Telekom-Tochter NAB „Nordamerika-Beteiligungs-Holding“ aus Bonn übertragen worden. Der Verkauf kam nicht zustande. Somit tauchte im Abschluss des Jahres 1999 ein Buchgewinn von 8,2 Mrd. Euro auf. Klar war aber nicht, dass die Sprint-Beteiligung immer noch und mit vollem Risiko unter dem Dach der Konzernmutter weilte und es sich lediglich um eine Umhängung gehandelt hat. „Damit hätten sich für Anleger völlig andere Dividendenrenditen ergeben“, sagt Gundermann.

Der Jahresabschluss der Deutschen Telekom im Jahr 1999 war jedoch die Basis für die Aktienausgabe im Juni 2000. Eine fehlerhafte Basis.

Die Konsequenzen des Angebots

Weitere fünf Jahre hat es gedauert, bis die Telekom ihren geschädigten Eignern ein Angebot gemacht hat, das Gnade in den Augen der Gegenseite und den Richtern fand. „Es ist sehr attraktiv“, meint Gundermann. Ein Aktionär, der damals 3400 Euro investiert habe, bekäme jetzt zwischen 4000 und 5000 Euro zugestanden.

Die Entschädigung berechnet sich so: Zum einen erhalten Anleger die Differenz aus dem damaligen Ausgabepreis von 63,50 Euro und ihrem Verkaufskurs. Halten sie die Aktien bis heute, ist es die Differenz zum heutigen Kurs, der bei 16,90 Euro steht. Zwischenzeitlich erhaltene Dividende können sie behalten. Die Aktien können sie behalten. Darüber hinaus erhalten sie 70 Prozent der Prozesszinsen, was den Betrag erneut erhöht. Die Telekom rechnet die Gesamtsumme für jeden Kläger individuell aus und legt das jeweilige Angebot bis Mitte 2022 über die involvierten Anwaltskanzleien vor.

Auch die Anlegerschützer vom Verband DSW begrüßen das Angebot der Telekom. „Damit werden – bis auf einen kleinen Teil der Zinsen – nahezu 100 Prozent der geltend gemachten Ansprüche befriedigt“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW.

Anleger, die nun darauf hoffen, nachträglich ihren Schaden geltend machen zu können, werden jedoch enttäuscht. Sie hätten sich vor der Verjährungsfrist 2003 melden müssen.

 


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