KolumneDer Charme der 2. Börsenliga

Christian Kirchner
Christian Kirchner, Capital-Chefkorrespondent in FrankfurtGene Glover

Von mir als Anhänger des 1. FC Köln ein Geständnis: Nach sechs Bundesliga-Abstiegen in 20 Jahren habe ich Gefallen an der 2. Liga gefunden – Eintrittskarten zu bekommen ist kein Problem, die Stadien sind familiärer; obendrein gewinnt man öfter und hat am Samstag weniger schlechte Laune. Dass die Bundesliga, wie sinkende Zuschauerzahlen belegen, Akzeptanzprobleme hat, kommt dazu.

Mit dem deutschen Aktienmarkt geht es mir durchaus ähnlich. Auch dort steckt die 1. Liga – der Deutsche Aktienindex – in Schwierigkeiten. Der Dax ist ein sogenannter Performance-Index, in den Dividenden mit einfließen – und diese Tatsache kaschiert ein Kursdrama. Schaut man nämlich auf den ohne Dividenden berechneten Kurs-Dax, notiert dieser nach den jüngsten Rückgängen auf dem gleichen Niveau wie vor gut zehn und vor 20 Jahren.

Dax-Kursindex

Und auch mit Dividenden sieht der Dax im Vergleich zur 2. Liga alt aus: Der MDax, in dem die 60 nächstkleineren Unternehmen notiert sind, lief über fünf Jahre rund zweieinhalb mal so gut wie der Dax. Über zehn Jahre? Mehr als doppelt so gut. Über 20? Viermal besser.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Der wichtigste: Der MDax ist sektoral besser diversifiziert als der Dax. Dort schlitterten die einst größten Branchen nacheinander in Probleme, erst die Finanzwerte, später die Versorger, nun die Autotitel. Hinzu kommt: Im MDax wachsen die Stars von morgen heran und steigen dann – oft auf dem Höhepunkt der Popularität, aber auch der Spekulation – in den Dax auf. Dass Titel nach dem Dax-Aufstieg relativ zum Gesamtmarkt schlechter abschneiden, ist nicht neu. Dass es der Beginn eines Kursdesasters ist, hingegen schon. Das zeigt ein Blick auf die drei letzten Dax-Neulinge: 70 Prozent verlor der Medienkonzern Pro Sieben Sat 1 (Indexaufstieg im März 2016; Wiederabstieg im März 2018), 50 Prozent der Chemiekonzern Covestro (Aufstieg im März 2018), 30 Prozent Wirecard (September 2018). Der Verdacht liegt nahe, dass Spekulanten vor dem Aufstieg die absehbare Nachfrage milliardenschwerer passiver ETFs und Indexfonds antizipieren – zulasten der Dax-ETF-Halter, an die die Aufsteiger zu aufgeblasenen Kursen weitergereicht werden.

Die neue Capital
Die neue Capital

Kein Wunder, dass all das auch die Akteure am Finanzplatz ins Grübeln brachte. Eine zumindest überdachte Erweiterung des Dax auf 40 oder 50 Titel hat die Börse aus Gründen der Kontinuität früh verworfen. Bestehende Dax-Mitglieder waren dagegen. Sie wollten die Mitgliedschaft in der Eliteliga nicht verwässert bekommen. Befragte Fondsmanager waren (siehe dazu auch unser Streitgespräch) dem Vernehmen nach unentschieden.

Wer mehrheitlich gegen die Erweiterung war: die Firmen des MDax. Der Dax als Bürde und nicht als erstrebenswertes Ziel? Tatsächlich, so weit ist es schon gekommen. Auch die MDax-Firmen spielen lieber erfolgreich in der 2. Liga, als in der Bundesliga verdroschen zu werden. Ein Grund mehr, lieber MDax-ETFs als Dax-ETFs zu kaufen.