Interview„Das Überleben hängt nicht vom Sportwagen ab“

Symbolbild Altersvorsorge
Symbolbild AltersvorsorgeGetty Images

Herr Zwanzger, warum haben Menschen überhaupt Angst?

Peter Zwanzger, Chefarzt für Psychosomatische Medizin am Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg am Inn und Präsident der Gesellschaft für Angstforschung

PETER ZWANZGER: Das Gefühl der Angst hat einen einzigen Zweck: das Überleben sichern. Früher hatten Menschen Angst vor wilden Tieren wie Tigern, heute treiben uns eher finanzielle Sorgen und Krankheiten um. Manch ein Mensch hat mehr, ein anderer weniger Angst. Das ist ganz normal und hat auch genetische Gründe, wie wir heute wissen.

Die Angst der Menschen ist das Geschäft von Versicherern. Wie rational gehen Menschen bei der Auswahl von Versicherungspolicen vor?

Die Motivation, eine Versicherung abzuschließen ist ziemlich rational: Menschen wollen ihren aktuellen Status behalten, also zum Beispiel den Job oder das Haus. Während eine Hausrat- oder Berufsunfähigkeitsversicherung den Verlust ausgleichen kann, ist das bei Lebensversicherungen und ähnlichen Policen natürlich schwieriger. Der Grundgedanke dahinter bleibt aber der gleiche: Vor der Angst kommt die Sorge. Wer sich diesen Sorgen stellt und Risiken abwägt, kann Vorkehrungen treffen – die klassische Vorsorge. Versicherungen oder angelegtes Geld kann Menschen in Sicherheit wiegen, nach dem Motto: Ich mache mir lieber jetzt schon Gedanken über den Ernstfall, statt später Angst zu haben.

Man kann sich nicht gegen alles versichern, mit einigen Risiken müssen wir leben. Was ist ein gesundes Maß an Vorsorge?

Allgemein ist es ganz normal und gesund, sich Sorgen zu machen. Krankhaft wird es erst, wenn die Angst oder Sorge unbegründet ist oder regelmäßig ausbricht. Ich hatte zum Beispiel einmal einen Unternehmer vor mir sitzen, der in einer Krise riesige Angst hatte, seinen Sportwagen zu verlieren. Rational gesehen hängt sein Überleben natürlich nicht von seinem Sportwagen ab. In seinem Leben war das Auto aber zu mehr als einem Transportmittel geworden.

Neigen wohlhabende Menschen mit vielen Statussymbolen eher zu unbegründeten Ängsten?

Das Risiko solcher Ängste kann mit dem Status steigen. Wer ein sehr hohes Level an Lebensqualität und Luxus erreicht hat, will das nicht mehr verlieren – was ja auch verständlich ist. Aus Angst treffen manche Menschen dann aber mitunter unüberlegte Entscheidungen, lassen sich auf riskante Investments ein oder schließen unrentable Policen ab, alles in der Hoffnung, den Status quo zu erhalten. Das rationale Denken setzt aus, die Angst übernimmt. Ein allgemeiner Lebens- und Investmenttipp meinerseits ist deshalb immer: Reflektieren Sie sich und Ihr Verhalten. Sie sind mehr als der Sportwagen oder die Villa und es gibt wichtigere Dinge, die Sie ausmachen und die schützenswert sind.

Das klingt ja geradezu philosophisch.

Vorsorge ist in gewissem Maße auch eine philosophische Angelegenheit. Ich bin überzeugt, dass gute, erfahrene Banker und Versicherungsvertreter oft ungewollt mehr als nur Berater in Gelddingen sind. Ein Beratungsgespräch kann schnell eine philosophische oder psychologische Ebene bekommen. Auf der Suche nach geeigneten Investments oder Policen legen Menschen vieles offen: Wie viel sie besitzen, was ihnen wichtig ist, wovor sie sich fürchten und wie risikofreudig sie sind. Der Bank- oder Versicherungsberater muss sich auf jeden Kunden neu einstellen und dessen Wünsche und Ängste ernst nehmen. Solange Angst und Mut wie bei den meisten Menschen in einer guten Balance sind, steht am Ende meist auch ein guter, einigermaßen rationaler Vorsorgeplan.

 


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