KolumneDas Jahr der Kryptoevolution

Das dominierende Thema der letzten Wochen war nicht die finanztechnologischen Neuerungen aus der Welt der Startups, der IT-Konzerne oder der Wandel von Banken hin zu Technologieunternehmen, sondern die Marktpreisentwicklungen der sogenannten “Kryptowährungen”. Diese “Kryptowährungen”, die weil sie laut Bundesbank keine Währungen sind, besser Kryptoassets genannt werden sollten, beherrschen weiter die Schlagzeilen und sind sogar in die Hauptnachrichtensendungen  eingezogen. “Das große Glücksspiel mit dem Bitcoin-Hype” (Süddeutsche) hat die Marktkapitalisierung der derzeit über 1.370 bei Coinmarketcap gelisteten Kryptoassets unter starken Schwankungen auf zwischenzeitlich über eine halbe Billion Euro getrieben.

Die schrille Debatte von Fachleuten, Skeptikern und Anhängern der Kryptoassets, ob hier eine Spekulationsblase vorliegt oder nicht, übertönt leider einige interessante Aspekte der Kryptoevolution. In meiner Kolumne “Crowdfunding auf Speed” gab es den Hinweis, dass viele Kryptoassets gerade nicht wie der populäre Bitcoin ausgestattet sind, sondern mit unterschiedlichen Rechten als alternatives Instrument der Unternehmensfinanzierung eingesetzt werden. Bisher als modern und digital geltende Finanzierungsformen wie Crowdinvesting (Eigenkapitalfinanzierung) oder Marketplacelending (Kredite finanziert durch viele Personen) wirken gegen die Verkäufe digitaler Tokens fast antiquiert. Eine weitere interessante Eigenschaft ist die Verbindung des Internet der Dinge (Vernetzung aller möglicheren Gegenstände durch Kommunikationstechnologien) mit dem Finanzwesen am Beispiel IOTA. Das Akronym IOTA steht für Internet of Things und Tangle und ist ebenfalls eine Kryptowährung.

IOTA ist aber nicht nur eine Anwendung dafür, wie technische Geräte künftig gegenseitig Zahlungen austauschen können, sondern auch ein Hinweis auf die weitere Internationalisierung der Finanztechnologie (Fintech). Wenn man auf den klassischen Finanzsektor schaut, dann fällt auf, dass in vielen Ländern nationale Unternehmen den Finanzmarkt dominieren, in Deutschland sind es mit den Sparkassen und Volksbanken sogar oft regionale Anbieter. Die Welt der Fintechs geht einen ganz anderen Weg. Das Regionalprinzip hat hier noch nie eine Rolle gespielt, mittlerweile deutet sich sogar ein Trend zur Überwindung nationaler Grenzen an.

Die Gründer und die Community von IOTA haben mit der IOTA Foundation die erste deutsche Stiftung ins Leben gerufen, die auf einer Kryptowährung basiert. IOTA selbst ist aber trotz des deutschen Mitgründers Dominik Schiener ein internationales Konstrukt, für das nationale Grenzen keine Rolle spielen. Die Token (also die digitalen Münzen) von IOTA werden bisher überhaupt nicht in Deutschland sondern an internationalen Marktplätzen gehandelt. Die IOTA-Foundation selbst will einen internationalen Marktplatz für Daten eröffnen.

Aber auch wenn wir die Welt der Kryptoassets verlassen und in den “klassischen” Fintech-Sektor blicken, entdeckt man einen Trend zur Internationalisierung, der nicht nur internationale Technologieunternehmen und Startups betrifft, die auf den deutschen Markt drängen. Auch deutschen Fintech beschreiten den Weg zum “borderless business”.

Ein interessantes Beispiel für “borderless fintech” bietet der deutsche Robo-Advisor Ginmon, mit dessen Mitgründer und Geschäftsführer Lars Reiner ich Mitte Dezember in Frankfurt sprechen konnte. Ginmon hat sich als regulierter Vermögensverwalter auf die technologiegestützte Optimierung von ETF-Portfolios auf Basis anerkannter wissenschaftlicher Methoden spezialisiert. Der Frankfurter Finanzdienstleister hat nun einen Zweitsitz in Shanghai eröffnet und hat einen Partnerschaftsvertrag mit der in Shanghai beheimateten Everbright Yunfu Co., dem Internetarm der China Everbright Group, deren verwaltete Vermögen nach Angaben von Reiner etwa so groß ist wie die Commerzbank sein soll.

Lars Reiner betont, diese Kooperation sei die erste ihrer Art im Wealth Management Bereich weltweit. Er sieht hier ein Riesenpotenzial und will mit einer Besonderheit in China punkten. Die Konten werden nämlich nach deutschen Prinzipien verwaltet. Das bedeutet, den Kunden werden in China sogenannte “Segregated accounts” geboten. Gemeint sind damit Sondervermögen, die vom Vermögen der Gesellschaft getrennt sind und selbst im Insolvenzfall nicht in die Hände der Gläubiger fallen können. Solch strenge Trennungen seien im Ausland und insbesondere in China nicht üblich und bieten somit zusätzlichen Schutz. Ginmon verwaltet also die Vermögen chinesischer Kunden in Deutschland und wirbt mit deutschen Standards. Dies ist auch deswegen erwähnenswert, weil hierzulande Anforderungen aus Datenschutz und der deutschen Finanzmarktregulierung oft als wettbewerbsbehindernd angesehen werden. Ginmon nutzt diese Anforderungen hingegen als Qualitätsmerkmal.

Ginmon ist das weltweit erste Robo-Advisory-Fintech, das auch in China aktiv ist. Für Reiner war es naheliegend, sich in diese Richtung zu orientieren. Sein Mitgründer Jerome Eger, der die chinesische Niederlassung leitet, spricht fließend Mandarin und auch Reiner hat gute persönliche Bindungen zum Land. Daneben spielt aber auch das Marktpotenzial eine große Rolle, schließlich handele es sich bei dem chinesischen Markt um den am schnellsten wachsenden Markt im Bereich des Wealth Management weltweit. Unterstützung erhalte das Team zudem aus dem Kreise seiner frühen Investoren, zu denen auch Tang Yang, Mitgründer von Renren, dem „chinesischen Facebook“ gehört.

Es lassen sich weitere Beispiele für borderless fintech finden. So ist längst bekannt, dass das deutsche Vorzeige-Fintech N26 ins Ausland expandiert ist. N26 ist derzeit laut eigenen Informationen in 17 europäischen Ländern aktiv und plant sogar die Expansion in die USA. Unternehmen wie die Zahlungsdienstleister Paypal und Transferwise oder der finnische Kontodienstleister Holvi bieten ihre Leistungen auch in Deutschland an. Revolut macht sich gleich ganz frei von Ländergrenzen und verspricht den Kunden ein “europäisches Konto”.

Noch ist nicht klar, ob “borderless fintech” wirklich ein nachhaltiger Trend ist oder sich Banken auf die lokale Treue ihrer Kunden weiter verlassen können. Der internationale Boom der Kryptoassets könnte aber in den nächsten Monaten und Jahren diese Entwicklung zusätzlich befeuern.

Ich wünsche den Lesern und ihren Familien besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch in das neue Jahr.